Lebenshilfe:Auch die Trauer hat ihre Zeit

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Lebenshilfe: Der Umgang mit Trauer und Verlust hängt auch von Lebensalter und Lebensumständen ab.

Der Umgang mit Trauer und Verlust hängt auch von Lebensalter und Lebensumständen ab.

(Foto: Thomas Imo/imago images)

Junge Erwachsene verlieren mit dem Tod eines Elternteils oft Rückhalt und Rat. Für sie hat das Hospizzentrum Oberhaching daher eine eigene Online-Sprechstunde eingerichtet.

Von Angela Boschert, Oberhaching

Trauer ist vielfältig und der Umgang mit Schmerz und Verlust hängt von der persönlichen Lebenssituation ab, den Umständen und dem Alter. Ob etwa jemand im hohen Alter seinen Lebenspartner verliert oder junge Menschen ihre Eltern macht in der Verarbeitung der Gefühle einen großen Unterschied. In Oberhaching gibt es deshalb seit kurzem eine Online-Trauersprechstunde für junge Erwachsene, die ihre Eltern oder einen Elternteil durch Tod verloren haben. Um sie zu unterstützen, bietet das Zentrum für Ambulante Hospiz- und Palliativversorgung Oberhaching (ZAHPV) diese Hilfe zukünftig jeden dritten Dienstag im Monat von 19 bis 20.30 Uhr an. Das Angebot richtet sich speziell an junge Erwachsene im Alter von 25 bis 35 Jahren im ganzen Landkreis.

Bis zu fünf junge Menschen treffen sich in einem virtuellen Raum mit Gleichaltrigen. Sie können online miteinander über den Tod eines Elternteils reden und wissen, die anderen verstehen sie. Denn jeder der Teilnehmer hat Mutter oder Vater verloren und hat viele Fragen, Sorgen und Ängste, die ihn lähmen oder in Verwirrung stürzen. "Das A und O in dieser Situation liegt beim Austausch, vor allem mit Gleichaltrigen, damit ich als Trauernder erfahre, wie andere mit dem erlittenen Verlust umgehen", sagt Susanne von Müller (61), die das Gespräch moderiert und die Trauergruppe leitet. Sie selbst ist ausgebildete Hospiz- und Trauerbegleiterin mit ganz viel Erfahrung, die sie seit 2012 auch im Hospizzentrum der Caritas in Oberhaching und in verschiedenen Hospizgruppen einbringt.

Lebenshilfe: Susanne von Müller leitet das Trauergespräch.

Susanne von Müller leitet das Trauergespräch.

(Foto: Irmgard Sinnesbichler)

Im Februar hat sie bereits ein solches Online-Treffen für junge Erwachsene angeboten und Rückmeldungen erhalten, die eine Neuauflage nahelegten: Dieser Raum im alltäglichen Chaos sei sehr wichtig als fester Termin im Monat, an dem man sich der Trauer widmen könne. "Wir sind Meister im Weggucken und Verdrängen, und da ins Auge des Tigers zu blicken und Gefühle wachzurufen, die unangenehm sind, gelingt mit Unterstützung und Stetigkeit eher", weiß Müller. In ihrer Online-Sprechstunde gibt es ein festes Anfangs- und Endritual, damit die Zoom-Gespräche ganz klar abgegrenzt sind vom normalen Alltag. Jeder Teilnehmer entscheidet, wann und wie oft er teilnehme. Denn alles habe seine Zeit, auch die Trauer, sagt Müller.

Damit die jungen Erwachsenen sicher sein können, verstanden zu werden, sei die Sprechstunde nur für diese Altersgruppe offen. Sie seien "anders unterwegs", hat von Müller festgestellt. Für sie gehe es um die eigene Zukunftsplanung und die persönliche Entwicklung. Der Tod eines Elternteils, der Ratgeber war, bei schwierigen Entscheidungen geholfen und Rückhalt gegeben hat, sei für junge Erwachsene ein massiver Einschnitt und stelle sie oftmals vor besondere Herausforderungen. Sie hätten ganz andere Bedürfnisse als 50-Jährige, die um ihren Partner trauern. Schwierig sei auch, dass der Freundeskreis zwar versuche, einen zu verstehen, es aber doch nur in geringem Ausmaß wirklich könne: "Der möchte einen so fröhlich wiederhaben, wie man ihn kennt."

In der Online-Trauersprechstunde können die Betroffenen dagegen berichten, was sie beschäftigt oder belastet, welche Ängste und Sorgen sie haben und was sie sich wünschen, verspricht die Gruppenleiterin. Dort erhielten sie außerdem Impulse für ihren Umgang mit dem Verlust. Spricht etwa jemand von seiner Trauer und wie er mit ihr umgeht, können andere das als Vorschlag annehmen. Oder auch nicht. "Es geht darum, Perspektiven zu bekommen, die anfangs gar nicht da sind, und so vielleicht einen Weg zu finden, um aus dem Wirrwarr an Gefühlen herauszukommen", sagt Müller. Auch Schweigen sei möglich. "Gemeinsam zu schweigen, kann verbinden. Etwas stehen zu lassen, ist eine Form, das Schicksal anzunehmen." Ein Einstieg in die Gruppe ist jederzeit möglich nach einem Kennenlerngespräch, telefonisch unter 089/61 39 71 70 oder via Zoom.

Online-Trauersprechstunde für junge Erwachsene, jeden dritten Dienstag im Monat von 19 bis 20.30 Uhr, Telefon 089/61 39 71 70 und www.hospiz-und-palliativ-zentrum.de

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