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Hundert Tage im Amt:Eloquenter Dickhäuter

Nach seiner Zeit im sächsischen Landtag sammelt Patrick Ott nun Erfahrungen im Baierbrunner Rathaus. Dabei legt er eine zupackende Art an den Tag.

(Foto: Sebastian Berger/oh)

Der neue Baierbrunner Bürgermeister Patrick Ott hält nichts von scharfen politischen Frontstellungen. Der 53-Jährige sieht sich als Macher, aber auch als "Transmissionsriemen zwischen Bürger und Verwaltung".

Von Udo Watter, Baierbrunn

Menschen, die ihn gut kennen, nennen Patrick Ott einen "klassischen Elefanten", wie er sagt - und damit meinen sie nicht etwa, dass er seinen Rüssel in alles steckt. Was seine Reizbarkeit angeht, ist der neue Baierbrunner Bürgermeister quasi ein Dickhäuter, es dauert lange, bis ihm der Kragen platzt, aber wenn seine Geduld überstrapaziert ist, dann nimmt seine Stimme auch mal, nun ja, elefantöse Qualitäten an. Altbürgermeisterin Christine Kammermeier (SPD) musste das schon in einer Sitzung des Gemeinderats erfahren, als sie immer wieder intervenierte, ungeniert Redezeit beanspruchte und aus Sicht Otts nicht den richtigen Ton traf. Aber gemach: Auch wenn Ott, der bei der Bürgermeisterwahl für die Überparteiliche Wählergemeinschaft angetreten ist und sich in der Stichwahl am 29. März mit 61,2 Prozent der Stimmen gegen Uwe Harfich (SPD) durchsetzte, hier mal kurz laut wurde, ist er generell ein umgänglicher und freundlicher Zeitgenosse. Und als fairer Sitzungsleiter hat er sich bisher auch erwiesen.

Der gebürtige Würzburger ist einer, der weiß, was er will, der aber nicht in scharfen politischen Frontstellungen denkt, sondern Respekt zeigt vor anderen Meinungen. "Frau Kammermeier hat eine unglaubliche Erfahrung und ein unglaubliches Wissen. Wir können alle von ihr profitieren", lobt er die langjährige Bürgermeisterin. Für Ott, der Anfang der Neunziger vier Jahr lang für die FDP im sächsischen Landtag saß, ist der konstruktive, an der Sache orientierte Umgang miteinander eine wichtige Komponente für seine Arbeit als Rathauschef. Anders als auf Landtagsebene gibt es ja hier nicht im klassischen Sinne Kategorien wie "Opposition" oder gar "politischer Feind". Jeder wolle das Beste für die Gemeinde. "Und hier muss jeder mit jedem können", so Ott.

Er glänzt auch gerne mal mit einem Bonmot von Napoleon

Was die Zusammenarbeit angeht, gibt es indes Präferenzen, und so haben sich mit ÜWG und den Grünen zwei starke Partner gefunden, die ihre Agenda forcieren. Dass es aber auch mal zu Differenzen, etwa im Bereich Umweltschutz oder Wirtschaftsförderung, kommen könne, erwartet Ott: "Es ist kein Wunschkonzert, aber wir werden gute Kompromisse finden", sagt Ott in seinem Büro, das er umgestaltet und neu möbliert hat, um eine offenere Gesprächsatmosphäre zu erreichen.

Der 53-Jährige, der Politik, Rechtswissenschaften und Wirtschaftsgeschichte studiert und sich in öffentlicher Verwaltung weiter gebildet hat (an der Harvard University) denkt pragmatisch. Aufgewachsen in Baierbrunn - vom siebten bis 23. Lebensjahr - und heute in Schäftlarn lebend, sieht er sich als Macher, aber auch als der "Transmissionsriemen zwischen Bürger und Verwaltung". Ott hat oft ein Bonmot auf der Zunge, mal von Teddy Roosevelt, mal von Napoleon, und kann in eindrücklichen Sprachbildern formulieren.

Er geht gern zu den Leuten, was in Corona-Zeiten nur eingeschränkt möglich war und ist. Auch das eigene Team im Rathaus näher kennen zu lernen, war erst mal schwierig, da es ein Zwei-Schichten-System gab. Heute kennt er die Mitarbeiter besser, allerdings gab es eine markante Veränderung: Geschäftsführerin Nina Schierlinger hat Baierbrunn verlassen und ist jetzt in Höhenkirchen tätig. Der Nachfolger wird seine Stelle wohl nicht vor November antreten.

Der gebürtige Franke, der neben seinem FDP-Intermezzo auch viele Jahre der CSU angehörte, bevor er 2018 wieder austrat, ist freilich ein Mann mit viel Energie. Schnelle, pragmatische Lösungen zu finden, wie kürzlich Fußballtraining unter gelockerten Coronabedingungen zu ermöglichen, gefällt ihm.

Mit einer prall gefüllten Gemeindekasse ist Baierbunn nicht gesegnet

In seiner Amtszeit hat sich - auch wegen des größeren Gemeinderats- die Zahl der Ausschüsse vergrößert. Otts schon bemerkbares Bestreben ist es zudem, die Gemeinderatssitzungen "besser vorzubereiten und durchzuführen". Das heißt mehr Hintergrundgespräche zu führen, ohne dass "das intransparent" ablaufen soll. Was die Grundschulerweiterung angeht, die bis 2025 abgeschlossen sein muss, sagt er: "Wir stehen auf dem Gaspedal." Das Raumkonzept wurde jüngst beschlossen. Mittelfristig gelte es nun, den besten Kompromiss zu finden, der sich finanziell und vor allem zeitlich umsetzen lässt. Ortsmitte sowie Sport- und Bildungszentrum sind auch Themen, die oben auf der Agenda stehen, sowie den Ort für junge Familien attraktiver zu machen.

Mit einer prall gefüllten Gemeindekasse ist Baierbrunn, zumal in Zeiten von Corona, nicht gesegnet, obgleich die Steuerausfälle sich heuer in Grenzen halten. Patrick Ott hat mit etlichen Firmenverantwortlichen am Ort gesprochen nach dem Motto: "Was können wir für euch tun?" Oder, wie er es generell formuliert: "Wenn du in die Kharmakasse einzahlst, kommt auch was raus."

Der 53-Jährige ist einer, der viel fordert, der wohl auch ohne große Sentimentalitäten unangenehme Entscheidungen treffen kann. Er lobt die Arbeit seines Vorgängers Wolfgang Jirischik (ÜWG), pflegt wohl einen zupackenderen Stil. Was für ihn das Schlechteste wäre: aus Angst vor Fehlern gar nichts machen. "Freilich sollte man dann aus den Fehlern lernen" sagt Ott und schmunzelt.

© SZ vom 22.08.2020

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