Spielwelt:Gemeinsam gegen analoge Monster

Spielwelt: Stefan Elbs hat das "Heldenverlies" gemeinsam mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau gegründet.

Stefan Elbs hat das "Heldenverlies" gemeinsam mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau gegründet.

(Foto: Claus Schunk)

Im "Heldenverlies" in Kirchheim können Kinder in verschiedene Rollen schlüpfen, um zusammen Rätsel zu lösen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Aber auch Junggesellenabschiede finden hier statt.

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

Nur vereinzelte Laternen hängen an den schwarzen Wänden des düsteren Gangs. Stefan Elbs tritt durch ein Portal in die Dunkelheit, in einer Hand ein flackerndes, elektrisches Teelicht, in der anderen ein Kärtchen, auf dem ein Rätsel abgedruckt ist. Wie heißt der Turm? So lautet die Frage, die es zu lösen gilt. Hinweise liefert die Geschichte, die auf der Rückseite des Kärtchens zu lesen ist. Die Antwort ist irgendwo im Inneren des dunklen Verlieses versteckt.

Was man sonst eher aus Computerspielen kennt - Menschen, die in die Rolle von Fantasy-Geschöpfen wie Magier oder Elfen schlüpfen und mit deren Fähigkeiten Rätsel lösen - lässt sich in Kirchheim analog erleben. Kinder und Jugendliche wegzulocken von Smartphone und Computer war von Anfang an ein Ziel der Spielwelt "Heldenverlies", die Stefan Elbs im Jahr 2016 gemeinsam mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau Tatjana in Kirchheim eröffnet hat. "Wir sind ein Gegenprogramm zur digitalen Welt", sagt der Geschäftsführer.

Spielwelt: "Wir sind ein Gegenprogramm zur digitalen Welt", sagt Stefan Elbs.

"Wir sind ein Gegenprogramm zur digitalen Welt", sagt Stefan Elbs.

(Foto: Claus Schunk)

Der Gedanke ist aktueller denn je: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die süchtig nach Computerspielen sind, hat sich im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie mehr als verdoppelt. Das ergab eine mehrjährige Studie der Krankenkasse DAK zusammen mit der des Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und dem Meinungsforschungsinstitut Forsa. Gut sechs Prozent der Befragten zwischen zehn und 17 Jahren galten demnach im Jahr 2022 als abhängig, hochgerechnet ergibt das mehr als 33 0000 Gaming-Süchtige in dieser Altersgruppe bundesweit. Hinzu kommen der Studie zufolge rund 620 000 Kinder und Jugendliche mit problematischem Nutzungsverhalten.

Dem Trend will das Heldenverlies mit einem einfachen Spielprinzip entgegenwirken, wie Elbs erläutert: Die Kinder entscheiden sich zu Beginn für einen der vier Charaktere, in dessen Haut sie durch ein abgedunkeltes Labyrinth ziehen und Rätsel lösen. Jede Figur hat ihre eigenen Stärken: Elfen etwa können verschlossene Türen aufsperren, Krieger verteidigen im Zweifelsfall ihre Gefährten mit einem Schaumstoffschwert.

Denn das Heldenverlies hat eine gute und eine dunkle Seite, erzählt Elbs. In letzterer können auch Monster lauern und versuchen, die Spieler am Rätsellösen zu hindern. Auch in diese Rolle können die Kinder schlüpfen - allerdings erst, wenn sie schon Erfahrung im Spiel gesammelt haben. "Monster müssen unsere Regeln kennen", betont Elbs.

Ziellos aufeinander einschlagen ist laut dem Geschäftsführer also nicht der Sinn des Spiels, auch nicht für die bewaffneten Krieger. "Sie sollen lernen, dass sie auch über Tricks und Verhandlungen an den Monstern vorbeikommen." Ein Kampf sei nicht zwingend nötig, "macht aber manchmal auch einfach Spaß". Ängstliche Spieler, die das vermeiden möchten, können einen Schutzzauber bekommen, sagt Elbs. Sie erhalten ein kleines Licht, das anderen signalisiert, dass sie nicht angegriffen werden dürfen. Verletzungen gebe es bei den Kämpfen wegen des weichen Materials der Waffen nicht, versichert Elbs. "Da ist jede Sportart gefährlicher."

Spielwelt: Auch in die Rolle von Monstern können Kinder schlüpfen, wenn sie mit den Regeln vertraut sind.

Auch in die Rolle von Monstern können Kinder schlüpfen, wenn sie mit den Regeln vertraut sind.

(Foto: Claus Schunk)

Aufeinander Rücksicht nehmen, Konflikte lösen, zusammenhelfen, um weiterzukommen - auch das sind Aspekte, die laut Elbs im Heldenverlies im Fokus stehen. "Man kann schwierige Rätsel nicht alleine lösen." Zudem sei es für das Spiel förderlich, wenn möglichst viele unterschiedliche Charaktere zusammenkämen.

Das gilt auch für den persönlichen Fortschritt der Spieler. Wer sich zum Beispiel für eine Karriere als Heiler entscheidet, beginnt bescheiden als Kräuterkundler und kann bis zum Medikus aufsteigen, der Krieger wird über den Knappen zum Jungritter. Nötig sind dafür sogenannte Handelskarten mit aufgedruckten Bildern von Materialien, die die Kinder als Belohnung für das Lösen der Aufgaben erhalten.

Die unterschiedlichen Charaktere sind dabei auf verschiedene Materialien angewiesen, um eine Stufe aufsteigen zu können: Ein Elf braucht etwa Gemüse oder Honig, ein Krieger Eisen- oder Silberbarren. Um die richtigen Waren zu erhalten, müssen die Kinder mitunter mit anderen Spielern handeln. Laut Elbs ist das Heldenverlies dennoch nicht nur für Gruppen geeignet, auch Einzelspieler könnten ihr Glück versuchen und sich mit anderen verbünden.

Mehrere Hundert Rätsel in verschiedenen Schwierigkeitsstufen gibt es laut Elbs. Bis man alle gelöst hat, könnte man theoretisch jahrelang spielen. "Es gibt bei uns Spieler, die als Kinder angefangen haben und als 18-Jährige immer noch kommen." Die älter gewordenen Helden wechseln dann ins Erwachsenenspiel, das laut Elbs neue Komponenten beinhaltet. Neben Schulklassen, die ihren Wandertag in der Spielewelt verbringen, gebe es mittlerweile auch erwachsene Gruppen, die als Magier verkleidet den Junggesellenabschied in den düsteren Gängen des Labyrinths begehen.

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