Partizipation:"Man muss verstehen, wie es in der Politik läuft"

Partizipation: Die meisten Schülerinnen und Schüler meistern ihre Reden souverän und rhetorisch stark.

Die meisten Schülerinnen und Schüler meistern ihre Reden souverän und rhetorisch stark.

(Foto: Julius Kerber/MEP)

Junge Leute aus mehreren Ländern simulieren bei einem Planspiel in München die Arbeit des Europa-Parlaments. Für den Kirchheimer Tom Faßhauer geht es dabei auch darum, populistische und demokratiefeindliche Tendenzen zu bekämpfen.

Von Anna-Maria Salmen, Kirchheim

Die vielen aktuellen Krisen lassen auch die Kinder- und Jugendarmut in ganz Europa steigen. Die EU sollte sich mit diesem Problem befassen, davon ist der Ausschuss für Kultur und Bildung überzeugt. Er hat einen Lösungsvorschlag erarbeitet: eine Resolution mit 18 Empfehlungen zur Bekämpfung der Armut junger Menschen.

Einige der Vorschläge lösen in der Generaldebatte des Parlaments jedoch Unklarheiten bei den Delegationen aus. Punkt zwölf sei sehr vage, moniert eine Abgeordnete aus Polen. Es werde lediglich gefordert, dass in Bildungsprogramme investiert werden soll - in welche genau, bleibe offen. Ein Mitglied des Ausschusses nennt daraufhin Beispiele.

Die italienische Delegation kann er allerdings nicht überzeugen. Deren Sprecherin kritisiert: Die Resolution habe ihr Ziel komplett verfehlt. Sie bestehe nur aus Empfehlungen und biete keine konkreten Lösungen. Als die junge Frau das Rednerpult verlässt und zu ihrer Delegation zurückkehrt, sieht man auf ihrem Gesicht ein breites Lächeln. Die Anspannung fällt sichtlich ab.

Denn obwohl sie vor dem Plenum mit einer rhetorischen Stärke und Souveränität sprach, als würde sie schon seit Jahren solche Reden halten, ist sie keine echte Abgeordnete des EU-Parlaments. Sie ist eine Schülerin, die gemeinsam mit Gleichaltrigen in den vergangenen Tagen beim Planspiel "Model European Parliament" (MEP) die Abläufe der großen politischen Bühne nachspielte.

Seit Jahrzehnten soll das Format jungen Leuten die europäische Idee näherbringen. Es wird regelmäßig zunächst auf regionaler, dann auf nationaler und schließlich auf internationaler Ebene organisiert. Die diesjährige Zusammenkunft für Zentral- und Südosteuropa wurde in Kirchheim und München ausgerichtet. Rund 90 Schüler zwischen 15 und 18 Jahren aus zwölf europäischen Ländern waren zu Gast.

Organisiert haben die Veranstaltung zwei Lehrerinnen aus Kirchheim

Organisiert haben die Veranstaltung Irmela Wedler und Ellen Sauer, Lehrerinnen am Gymnasium Kirchheim, an dem auch regelmäßig die regionale Variante stattfindet. Im Vergleich dazu habe sie beim internationalen Planspiel eine Steigerung bemerkt, sagt Wedler. "Das Niveau ist hier sehr hoch." Denn die Plätze in den Delegationen bekommen nur die besten Teilnehmer, die sich bereits auf regionaler Ebene bewährt haben.

Ein weiterer Unterschied: Alles lief auf Englisch ab. "Das ist schon anders", sagt Hannah Pagenstert aus Kirchheim, die bereits an der Schule am Planspiel teilgenommen hat. In der Turnhalle des Gymnasiums sind die Kirchheimer Schüler in die Rollen der Abgeordneten aus verschiedenen Ländern geschlüpft, im Sitzungssaal des Alten Rathauses in München saßen diesmal tatsächlich junge Delegierte unter anderem aus Ungarn, Rumänien oder Österreich im Plenum. Die kulturellen Unterschiede kennenzulernen, war interessant, wie Pagenstert sagt.

Partizipation: An dem Planspiel im Alten Rathaus in München nehmen Schülerinnen und Schüler aus mehreren europäischen Ländern teil.

An dem Planspiel im Alten Rathaus in München nehmen Schülerinnen und Schüler aus mehreren europäischen Ländern teil.

(Foto: Julius Kerber/MEP)

Darum geht es auch für Tom Faßhauer. Der ehemalige Schüler des Kirchheimer Gymnasiums hat schon mehrfach am Planspiel teilgenommen und war jetzt im Präsidium der Generalversammlung. Das MEP helfe, Verständnis für andere Kulturen zu schaffen, sagt der 18-Jährige. "Es geht auch viel ums Zwischenmenschliche." Abseits der offiziellen Debatten und Ausschusssitzungen, in denen die Schüler die Resolutionen erarbeiteten, gab es beispielsweise auch einen kulturellen Abend und andere soziale Aktivitäten. Die Delegationen blieben also nicht unter sich, man hatte auch die Gelegenheit, mit jungen Menschen aus anderen Ländern Kontakte zu knüpfen.

Diese europäische Idee an junge Menschen weiterzugeben, ist für Gottfried Oehl, Chairman des MEP, eines der Hauptziele des Planspiels. Kompromisse schließen, aufeinander zugehen und lernen, dass man bereit sein muss, Verantwortung zu übernehmen, wenn man etwas bewegen will - all das könne das MEP vermitteln. Viel zu wenig werde zudem der Wert der EU für den Frieden in Europa betont. Diese Bedeutung soll im Planspiel ebenfalls thematisiert werden.

Für den Kirchheimer Tom Faßhauer eine bedeutungsvolle Aufgabe. In Zeiten, in denen in ganz Europa extremistische Positionen erstarkten, sei Demokratiebildung wichtiger denn je. "Man muss verstehen, wie es in der Politik läuft." Nur so könne man populistische und demokratiefeindliche Tendenzen erkennen und ihnen entgegenwirken. "Direkter als beim Planspiel kann man das nicht vermitteln. Wenn man es nachspielt, bringt es einen näher ran."

Auch Soft Skills, die den jungen Menschen nicht nur in der Politik zugutekommen, können sie beim MEP üben. Sie lernen, wie man argumentiert, Reden schreibt, vor einem großen Plenum spricht und andere von einer guten Idee überzeugt. "Anfangs waren die Reden schon schwer, aber die Nervosität legt sich", sagt Faßhauer. Aus seiner Sicht ist es für die Teilnehmer die größte Herausforderung, aus seiner Komfortzone herauszukommen und sich etwas Neues zu trauen.

Wer das schafft, bekommt die Gelegenheit, nicht nur die Abläufe im EU-Parlament zu simulieren, sondern sich tatsächlich einzubringen. Denn die Teilnehmer treten in Kontakt zu echten Abgeordneten, ihre selbst ausgearbeiteten Resolutionen werden an das Parlament weitergegeben.

Für den einen oder die andere war das Planspiel auch der Startschuss für eine politische Karriere, wie Lehrerin Wedler sagt. Die frühere Teilnehmerin Emily Vontz etwa ist mittlerweile SPD-Bundestagsabgeordnete. Auch ehemalige Kirchheimer Schüler hat das MEP schon inspiriert, erzählt Wedler: Sie haben den politischen Verein "Jugend-Enquete-Kommission" gegründet, der eine Plattform zum Austausch über jugendpolitische Themen bieten will.

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