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Bildung:Auf Tour für Lennon

Beratung in chilliger Atmosphäre: Der Bus der Lennon-Maki-Stiftung ist zurzeit unterwegs, um Schülern Berufsperspektiven aufzuzeigen.

(Foto: Claus Schunk)

Rollendes Jugendzentrum, Party-Truck oder aktuell Job-Mobil: Nadja Maki und ihr Vater Reinhold Stammeier haben mit ihrer Stiftung einen Bus umgebaut, um junge Menschen zu fördern. Der Anlass ist ein tragischer.

Von Michael Morosow, Aying

Schon alleine die farbenfrohe Außenverkleidung des Setra-Busses ist ein Hingucker. Wenn er auf den Straßen unterwegs ist, drehen sich ihm die Köpfe zu, als wenn der FC Bayern München mit seinem Mannschaftsbus vorbeiführe. Und dann erst die Innenausstattung. Wenn die Profikicker wählen könnten, würden sie wohl lieber in diesem Setra Platz nehmen als in ihrem eigenen Luxusbus. Eine große "Liegewiese" im Heckbereich, Beamer, Karaoke-Anlage, vollausgestattete Küche - mit dem Innenleben des einstigen Überlandbusses hat das neue Interieur nicht mehr viel gemein. Das Gefährt hat sogar eine Zulassung als Wohnwagen. Seit Montag dieser Woche tourt der Bus als Job-Mobil täglich durch den Landkreis München.

"Nächster Halt: Zukunft" lautet das Motto der gemeinsamen Aktion des Landkreises, des Kreisjugendrings und der Agentur für Arbeit in München, dementsprechend steuert das Job-Mobil Schulen an - und öffnet seine Türen für Schülerinnen und Schüler, die Beratung wünschen bei der Berufswahl, der Jobsuche und der Bewerbung.

Aktionswoche nahezu ausgebucht

Noch bevor das Job-Mobil an diesem Freitag in Unterhaching zum letzten Mal Station macht, lässt sich von einem Erfolgsmodell sprechen. Das Interesse der Schülerinnen und Schüler sei sehr groß, die Beratungstermine fast vollständig ausgebucht gewesen und teilweise habe das Angebot sogar aufgestockt werden müssen, um die Nachfrage zu bedienen, heißt es auf Anfrage vom Landratsamt München, dem Mitveranstalter der Aktion: "Nächster Halt: Zukunft". In der Aktionswoche seien bis zu 70 Beratungstermine mit Schülerinnen und Schülern zustande gekommen, die kurz vor dem Schulabschluss stehen. Zudem seien auf der Online-Plattform "Berufswelten" mehr als hundert Ausbildungsstellen und auch einige duale Studiengänge eingestellt. Mehr als 50 Unternehmen aus dem Landkreis München haben dort ein Profil angelegt für den Austausch mit potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern.

Die Bandbreite reicht dabei von Forschungseinrichtungen über große Möbelhäuser, Energieversorger bis hin zu kleinen regionalen Unternehmen und Handwerksbetrieben vor Ort. Bereits mehrere hundert Schüler haben die Online-Plattform genutzt. Gerade in Pandemiezeiten sei es für die jungen Menschen äußerst schwierig, Perspektiven zu entwickeln, da Informationsveranstaltungen wie Tage der offenen Türe, Messen und ähnliches wegfallen, teilt eine Sprecherin des Landratsamtes mit. Auch Praktika fänden nur sehr eingeschränkt statt, was sich auch in der Entwicklung der Anzahl an Bewerbern auf Ausbildungsstellen zeigt. Diese sind im Jahresvergleich von 2020 zu heuer um 22 Prozent gesunken.

Die sich geradezu aufdrängende Frage, was Karaoke-Anlage und dergleichen in einem Job-Mobil zu suchen haben, kann am besten Nadja Maki beantworten. Ihrem Vater Reinhold Stammeier gehört der Bus, er hat ihn für eine Stange Geld jugendgerecht ausbauen lassen. Die Geschichte, die seine Tochter dazu erzählt, ist traurig und Mut machend zugleich. Sie beginnt am 10. Juli 2010 mit dem tragischen Unfalltod ihres zweijährigen Sohnes Lennon. Der Bub sitzt auf dem Schoß seines Opas, als dieser mit einem Traktor die Rampe zu einer Scheune hinauffährt, der Traktor an einer Unebenheit hängen bleibt und sich rückwärts überschlägt. Großvater Reinhold Stammeier überlebt schwer verletzt, sein Enkel Lennon wird vom Traktor erdrückt und kommt zu Tode.

Siebeneinhalb Jahre nach dieser Tragödie verkauft Stammeier einen Teil seiner IT-Firma und gründet mit seiner Tochter Nadja die "Lennon Maki Verbrauchsstiftung", kurz darauf, zur weiteren Finanzierung der Vorhaben, die "wirWerk GmbH". Zweck der Stiftung ist die Förderung von Bildung und Erziehung, von Wissenschaft und Forschung, der Kinder- und Jugendhilfe und hilfsbedürftiger Menschen, nicht zuletzt derer, die ein ähnliches Schicksal ertragen mussten. Es ist eine offensive Trauerbewältigung mit sozialer Ausrichtung, zu der sich Vater und Tochter entschlossen haben. "Dann ist Lennon nicht mehr weg", sagt die 40-jährige gebürtige Ottobrunnerin, die beim Arbeiter-Samariter-Bund als Bildungskoordinatorin arbeitet und heute in Aying lebt mit ihren vier Kindern im Alter zwischen sieben und elf Jahren, allesamt nach Lennons Tod geboren. "Ich habe fünf Kinder" - auf diese Feststellung legt sie Wert.

Die Ayinger Bildungskoordinatorin Nadja Maki hat mit ihrem Vater und der gemeinsamen Stiftung den Bus ermöglicht.

(Foto: Claus Schunk)

"Ich liebe die Jugendlichen, ihre Energie, wie sie sich als Zentrum des Universums sehen - und von überall vertrieben werden", sagt Nadja Maki. Und so kam bei ihr die Idee auf, ein mobiles Jugendzentrum für den ländlichen Raum zu schaffen, das vielfältig genutzt werden kann, für Partys ebenso wie für Ausflüge etwa eines Kinderheimes, für Drogenberatung - oder eben, wie jetzt geschehen, für die Aktion "Nächster Halt: Zukunft", zu der die Lennon-Maki-Stiftung auf Anfrage des Landratsamtes gerne den flippigen Bus zur Verfügung gestellt hat, der an diesem Freitag zum vorerst letzten Mal als Job-Mobil dient und auf der alten Start- und Landebahn des aufgelassenen Flughafens im Landschaftspark Hachinger Tal seine Türen für Schülerinnen und Schüler öffnet. Gesteuert wird er dabei von Achmed Zangellos, einem in einer Ayinger Asyl-Unterkunft lebenden syrischen Flüchtling, der eine Anstellung als Busfahrer bekommen hat und in Nadja Maki eine wichtige Vertraute und Helferin an seiner Seite weiß.

Und Lennon Maki, der nur zwei Jahre alt werden durfte, fährt mit, egal, wohin der Bus steuert. Seine Name ist auf dem Bus verewigt, das Namenskürzel im Kennzeichen: M-L-9019.

© SZ vom 21.05.2021/hilb
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