Klimawandel:Staatsstraße in Schieflage

Klimawandel: Stabilisieren und Entwässern: Ein Bagger gräbt die Hangseite auf, wo die Staatsstraße künftig verbreitert werden soll, damit mehr Last am Berg bleibt.

Stabilisieren und Entwässern: Ein Bagger gräbt die Hangseite auf, wo die Staatsstraße künftig verbreitert werden soll, damit mehr Last am Berg bleibt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Verbindung zwischen Schäftlarn und Straßlach-Dingharting ist seit dem Frühjahr immer wieder gesperrt. Der Isarhang dort bewegt sich, weil er den starken Niederschlägen immer weniger standhält.

Von Marie Heßlinger, Egling/Schäftlarn

Die schiefe Straße zu sehen ist eine Sache, auf der schiefen Straße zu stehen eine andere. 13 Grad Hangneigung hat die Staatsstraße 2071 an ihrer gefährlichsten Stelle zwischen Schäftlarn und Straßlach-Dingharting - das ist doppelt so viel wie das erlaubte Maximum. Der Höhenunterschied vom einen Straßenrand zum anderen liegt bei mehr als einem halben Meter. Selbst im Stehen hat man das Gefühl, wegzurutschen. Wäre die Fahrbahn vereist und glatt, würden Autos wohl einfach in den Wald hinuntergleiten. Deshalb ist die Straße seit geraumer Zeit gesperrt. Und sie wird das Staatliche Bauamt Weilheim auch noch eine Weile beschäftigen.

Martin Herda und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben diesen Sommer viele Anrufe mit Beschwerden bekommen, "über hundert", schätzt er. Dabei können der freundliche, sportlich gekleidete Mann Ende 30 und seine Abteilung des Straßenbauamts Weilheim eigentlich nichts dafür. Schuld an dem Hangrutsch an der 2071 ist der Klimawandel mit seinen Starkwettereignissen. Nicht nur auf dem Weg von Schäftlarn nach Straßlach-Dingharting hat der starke Regen dieses Jahres Schäden hinterlassen, sondern im ganzen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen.

Am Walchensee gab es zwei Schlammlawinen, braune Wasserfälle schoben dort Geröllwellen vor sich her auf die Straßen. Der Rißbach riss viel Hang mit sich und kam einer Straße gefährlich nahe, andernorts stürzten Steinbrocken auf Straßen. Das Staatliche Bauamt Weilheim hat vor rund anderthalb Jahren deshalb schon Geologen eingestellt und das "Sachgebiet Geo-Risiken" gegründet. "Das soll über die nächsten Jahre weiter ausgebaut werden", sagt Herda.

Unter den Menschen, die gerne die Staatsstraße 2027 wieder nutzen würden, scheint indes wenig Geduld zu herrschen. Manche hätten die Durchfahrtsverbotsschilder in den vergangenen Monaten einfach beiseite geschoben und die Straße trotzdem befahren. Laut Polizei kann dies eine Straftat darstellen, wenn andere Straßenverkehrsteilnehmer gefährdet werden. Martin Herda zeigt die Baustelle auch in der Hoffnung, Verständnis für die Straßensperrung zu wecken.

Ungefähr 3000 mal täglich wird die Strecke normalerweise befahren. "Das ist relativ durchschnittlich, nicht zu viel, nicht zu wenig", sagt Herda. Im April aber musste die Straße halbseitig gesperrt werden, im Juli nach den Starkregenereignissen sogar gänzlich. Viele Autofahrerinnen und -fahrer müssen seitdem einen rund 20-minütigen Umweg über Grünwald in Kauf nehmen. Das sorgt für Verdruss.

Klimawandel: Der Asphalt zeigt nach dem Starkregen mehrere Risse, die wie Wunden wirken.

Der Asphalt zeigt nach dem Starkregen mehrere Risse, die wie Wunden wirken.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Baustelle liegt oberhalb des Gasthauses zum Bruckenfischer, hinter dem Isarkanal, nach der ersten Linkskurve. Zweige und Blätter liegen auf dem Asphalt, die Straßenreinigung war offenbar schon länger nicht mehr da. Bagger fahren auf einem Straßenabschnitt umher, der rund 50 Meter lang ist. Der Asphalt hat an manchen Stellen Risse, die wie Wunden wirken. In einer leichten Kurve neigt sich die Straße seltsam zur Seite. Grund für die schiefe Fahrbahn ist das besondere Gestein an dieser Stelle: Unter einer festen Nagelfluhschicht liegt eine erosionsanfällige Mischung aus Ton, Sand und dem etwas gröberen Schluff. Da die Niederschläge in den vergangenen Jahren stärker geworden sind, hat sich diese Schicht in Bewegung gesetzt und den Straßenbelag langsam mit sich gezogen.

Neu sind die Bewegungen nicht. Schon seit 20 Jahren stellt das Straßenbauamt Messungen an, immer wieder wurde der Asphalt auf der Strecke erneuert. 1979 kam es sogar zu einem plötzlichen Fahrbahnabrutsch. Herda zeigt Fotos davon: Die Straße sackte plötzlich einfach in die Tiefe. Die eine Hälfte der Fahrbahn rutschte rund anderthalb Meter nach unten. Sie sieht aus wie ein Wasserfall aus Stein.

Damit so etwas im Anbetracht der vielen Niederschläge nicht wieder passiert, hat das Straßenbauamt nun mit den Bauarbeiten begonnen. Trotz des Flora-Fauna-Habitats hat die Behörde hierfür eine Genehmigung bekommen. "Gefahr in Verzug", begründet Herda.

Ziel der Bauarbeiten ist es, den Isarhang unterhalb der Straße zu "entwässern." Bauarbeiter haben dafür entlang der unteren Straßenseite elf Schächte ausgegraben, jeweils fünf Meter tief, und mit rund zehn Zentimeter breiten Steinbrocken aufgefüllt. Über diese "Schroppenstützscheiben" soll das Wasser künftig ablaufen. Außerdem sollen sie die Straße an ihrer unteren Seite stützen.

An der oberen Seite indes, der Hangseite, haben die Bauarbeiter einen Graben für eine Drainage ausgehoben. Die Staatsstraße soll an dieser Stelle um etwa einen Meter erweitert werden. Die Fahrbahn soll somit eher an der Hangseite belastet werden. Dahinter soll eine weitere Schicht aus Schotter entstehen, in der das Wasser versickern und an der Straße entlang umgeleitet werden soll. Die Drainage soll das Wasser ein paar Meter entlang der Straße führen und dann darunter durch, bis zu einem der Schroppenstützscheiben auf der gegenüberliegenden Seite. Außerdem muss die Straße begradigt werden: Entlang der Hangseite muss Asphalt abgetragen werden, an manchen Stellen eine Schicht von 30 Zentimetern.

Herda rechnet damit, dass diese Arbeiten Ende Oktober abgeschlossen sind. Dann kann die Straße halbseitig geöffnet und mithilfe einer Ampelregelung wieder befahren werden. Bis die Bauarbeiten gänzlich abgeschlossen sind, könnte es allerdings noch eine Weile dauern.

Die Schroppenstützscheiben wurden schon im August installiert. Das Straßenbauamt hat seitdem seine Messungen intensiviert, um den Effekt der Maßnahme zu testen. Es stellte sich heraus: Die Rutschbewegung wurde entschleunigt. Aber nicht aufgehalten. Herda und sein Team werden im November weitere Messstationen aufstellen, auch in der Tiefe, und ein Ingenieurbüro beauftragen, eine langfristige Lösung zu finden. Kommendes Frühjahr soll diese dann umgesetzt werden. Nach den Bauarbeiten im Frühjahr soll die Straße auch wieder beidseitig befahrbar sein.

Dass die Staatsstraße dann für immer frei bleibt, ist aber unwahrscheinlich. Die 2027 ist oberhalb des Isarkanals auf einer Strecke von 600 Metern erosionsgefährdet. "Insgesamt ist der Hang als Rutschkörper zu betrachten", sagt Herda. Er und sein Team werden an einer Lösung arbeiten.

© SZ vom 11.10.2021/hilb
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