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Grasbrunn:Eine Dattel macht den Anfang

Wenn der Ruf des Muezzins aus dem Handy ertönt, kann es losgehen: Dann darf die Familie Aldiwani aus Grasbrunn wieder essen. Der Tisch ist reich gedeckt mit syrischen Köstlichkeiten.

(Foto: Claus Schunk)

Die Mitglieder der Familie Aldiwani feiern Ramadan, den Monat des Fastens. Eine Tradition, die ihnen viel abverlangt - und die sie dennoch genießen.

"Magst du eine Zigarette?", fragt ein Freund Mohamad Aldiwani, als sie auf die S-Bahn warten. "Nein danke, ich faste", antwortet er. "Ach so, magst du dann vielleicht etwas trinken?" "Nein. Danke. Ich faste." "Wenigstens einen Kaugummi?"

Dann erklärt Mohamad Aldiwani, 19 Jahre alt, schwarze Augen, schwarze Haare, dass gerade Ramadan ist, dass er als gläubiger Muslim da überhaupt nichts in den Mund nimmt. Keine Zigarette, kein Wasser, nicht einmal ein Kaugummi - 30 Tage lang, stets, bis die Sonne untergegangen ist. 18 Stunden ohne Essen, ohne Trinken. Es sind Wochen des Verzichts und gleichzeitig Wochen der Völlerei.

Nach Sonnenuntergang begeht die Familie das Fastenbrechen

Nach Sonnenuntergang tischen viele Muslime ein Festmahl auf, neben dem so manches Weihnachtsessen alt aussehen würde. Zusammen mit der Familie, mit Freunden, mit Nachbarn wird dann gefeiert. Zumindest war das früher so, in Mohamad Aldiwanis Heimat, in Damaskus, Syrien. Bevor Bomben sein Zuhause zerstörten. Bevor er sich mit seinen beiden Brüdern und dem Vater in ein Boot setzte Richtung Italien. Bevor Mohamad Aldiwani ein Flüchtling war, einer von Tausenden.

In der Küche stehen auf allen vier Herdplatten Töpfe und Pfannen. Es dampft, es riecht nach Fett. Mohamad Aldiwanis Mutter formt Kibbeh, Klößchen aus Bulgur gefüllt mit Hackfleisch. Er steht daneben, Silberkette um den Hals, kleines "M" als Anhänger, und rührt in einem Topf. Ihr fällt ein kleiner Teller in eine Schüssel voller Humus. Pflatsch. Sie lacht, er lacht.

Vergangenes Jahr war das noch anders. Da feierte die Familie Ramadan in einer Flüchtlingsunterkunft, in einer Gemeinschaftsküche. Und Mohamad Aldiwani kochte für seine beiden Brüder und für seinen Vater. Hähnchenfleisch und Putenschnitzel. Nicht besonders Arabisch - aber besser ging es nicht, denn besser konnte er es nicht. Die Mutter, die sonst für alle kochte, saß vor einem Jahr noch in der Türkei fest. Die Männer in der Familien hatten sich alleine auf den Weg nach Europa gemacht und sie später nach geholt.

Nach der Flucht hat Familie Aldiwani nun ihre erste eigene Wohnung bezogen

Seitdem ist viel passiert. Mohamad Aldiwani hat eine Ausbildung angefangen, als Hotelfachkraft. Sein großer Bruder Balaa wird im Herbst auch damit beginnen. Und sein kleiner Bruder Abdullah, elf Jahre alt, geht in die Grundschule. Wenn er spricht, ahnt man nicht, dass er erst vor zwei Jahren in Deutschland ankam. Dass die Lehrerin ihm am Anfang Bilder zeigte, weil er kein Wort verstand.

Und die Familie ist in ihre erste eigene Wohnung in Grasbrunn gezogen. Beigefarbene Couch, Familienfotos an der Wand, Shisha in der Ecke und in der Mitte ein großer Tisch, den man ausziehen kann. Zehn Leute haben da Platz, mindestens. Aber so viele sind die Aldiwanis fast nie. Leider. Die Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins, mit denen sie früher immer zusammensaßen während des Ramadans, sind jetzt über ganz Europa verstreut. Deutschland, Schweden, Tschechien. Jeder dachte, er finde sein Glück in einem anderen Land. Und die Behörden, erzählt Mohamad Aldiwani, taten dann das Übrige. Sie schickten den einen Teil der Familie nach Köln, den anderen nach Grasbrunn. Jetzt, in der Fastenzeit, telefonieren sie oft. In dieser Zeit vermissen sich besonders.

Dankbar und tief versunken ins Gebet: Mit dem Boot kamen Vater Aldiwani und seine Söhne nach Italien und dann nach Deutschland.

(Foto: Claus Schunk)

Mohamad Aldiwani zieht sein Handy aus der Tasche - fünf Minuten noch. Dann ist es nach 21 Uhr, bald dürfen sie essen. Er trägt die Schüsseln ins Wohnzimmer: Linsen-Suppe, gefüllte Weinblätter, Bulgur-klößchen, Humus und Tabouleh, ein Salat mit Petersilie. Und dann plötzlich ruft der Muezzin. Nicht wirklich natürlich, sondern aus dem Handy. Eigentlich hört es sich mehr nach Singen an. Jetzt darf die Familie endlich essen. Und irgendwie denkt man, sie würden sich jetzt sofort über das Festmahl auf dem Tisch hermachen, zehn Bulgurklößchen auf einmal in den Mund stopfen, literweise Wasser hinunterstürzen. Schließlich haben sie fast 20 Stunden nichts gegessen. Aber nichts davon passiert. Erst einmal gibt es für jeden eine Dattel. Mohammed, der Prophet der Muslime, soll so auch schon das Fasten gebrochen haben.

Während des Fastens denke er an die, die nichts haben, sagt Mohamad

Für Mohamad Aldiwani und seine Brüder ist der Ramadan so etwas wie ein Gesetz. Auf die Frage, ob er schon einmal dagegen verstoßen hat, sich manchmal heimlich einen Schokoriegel reinzieht, schaut Balaa Aldiwani einen nur mit großen Augen an. Schwangere, Alte, Kranke, Kinder, für die gebe es Ausnahmen, sagt er. Aber für ihn? Er wirkt, als hätte er die Frage gar nicht richtig verstanden. Auch Abdullah, sein kleiner Bruder, elf Jahre alt, müsste nicht mitmachen. Will aber, sagt er. Gerade ist das sowieso kein Problem, er hat ja Pfingstferien. Aber sonst, wie hält er das in der Schule aus? "Ich sag dann zu meinen Freunden, dass sie in der Pause nicht so mit ihrem Essen angeben sollen", sagt Abdullah.

Aber kann man sich dann überhaupt noch konzentrieren? Ohne Wasser, mit leerem Magen? Es sei schon schwierig, darin sind sich alle einig. Besonders in den ersten Tagen. "Irgendwann gewöhnt sich der Körper daran", sagt Mohamad. Er hat sich auch gerade Urlaub genommen von seiner Ausbildung. Sein Chef habe Verständnis für ihn: "Mach' so gut du kannst, sagt er." Dafür hat Mohamad Aldiwani an Weihnachten gearbeitet, als seine Kollegen es sich bei Gans mit Knödeln gutgehen ließen. Aber trotzdem: Warum tut man sich das an? Jetzt, wenn es so heiß ist, nichts trinken, nichts essen? An Kopfschmerzen leiden, schwach und müde sein? "Ich denke dann an die armen Leute, die nichts haben", sagt Abdullah. So wie er es sagt, klingt der Satz nicht abgedroschen.

Endlich sitzen alle, endlich geht es mit dem Essen los. Die Mutter Taha Arwamshelah legt allen etwas auf den Teller. Aber an jedem Hotel-Frühstücks-Büfett wirken die Menschen ausgehungerter als hier. Und am Ende bekommt die deutsche Reporterin, die Frühstück, Mittag- und Abendessen eigentlich schon hinter sich hat, am meisten auf ihren Teller aufgeladen. "Probier das noch." Und wieder ist der Teller voll. Gibt es im Ramadan jeden Tag so ein Festmahl? Mohamad Aldiwani packt sein Handy aus, zeigt ein Foto vom Tisch gestern: kein Stück leerer als heute.

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