Gotan Project:Die sanfte Tango-Revolution

Drei Musiker versöhnen den argentinischen Tanz mit der elektronischen Clubmusik. Gotan Project tritt heute in der Tonhalle in München auf.

Michael Zirnstein

Eduardo Makaroff, ein Gitarrist aus Buenos Aires, wollte den Tango revolutionieren, wusste aber nicht recht wie. Zur Jahrtausendwende kam er nach Paris und verbündete sich mit den beiden DJs und Elektromusikern Philippe Cohen Solal aus Frankreich und Christoph H. Müller aus der Schweiz alias Boyz from Brazil zum Gotan Project. Ihr kühl-sinnliches Debütalbum "La revancha del tango" war bald allgegenwärtig - und rief etliche Nachahmer auf den Plan - einzelne würdige Kontrahenten wie Bajofondo, mehrheitlich aber billige Kopien. Der Electrotango des Gotan Project funktionierte in In-Clubs ebenso wie in der Tangotanzszene, in Lounges und im Film (Shall we dance mit Richard Gere). Zehn Jahre später setzt das Trio mit einer siebenköpfigen Band und dem dritten Album die sanfte Revolution fort (heute, Freitag, um 20.30 Uhr in der Tonhalle).

Gotan Project

Schritte voraus: Philippe Cohen Solal, Christoph Müller und Eduardo Makaroff (v. l.) inszenieren ihren Electrotango mit Band und Videokunst.

(Foto: Foto: oh)

SZ: Auf dem Cover von "Tango 3.0" springt einen die Nacktheit förmlich an: Leiber, die die Lettern GOTAN formen.

Christoph H. Müller: Haut, Körperlichkeit, Sensualität - das gehört zum Tango. Aber nicht so, wie das meistens mit den Tanzpartnern dargestellt wird.

SZ: Immer diese Netzstrümpfe!

Müller: Genau! Bäh, ätzend. Wir versuchen das anders rüberzubringen.

SZ: Achten Sie beim Komponieren auf die Tänzer?

Müller: Wir möchten, dass unsere Musik Groove hat, dass sie tanzbar ist für Tangotänzer und Nicht-Tangotänzer. Also ich bin kein Tangotänzer, deshalb sind wir immer etwas frustriert, dass wir nie tanzen können mit diesen wunderschönen Tänzerinnen. Da dachten wir, machen wir den neuen Song "Tu misterio" als einen Slow, da können wir alle tanzen

SZ: In der ausverkauften Muffathalle war dafür 2007 allerdings kein Platz, so dicht drängte sich das Publikum. Sie beendeten das Konzert mit ihrer Version von "I've seen that face before", in dem die Disko-Diva Grace Jones mit Piazzollas "Libertango" spielt.

Müller: Eine Doppel-Verneigung. Vor Astor Piazzolla. Und vor Grace Jones, die mit Sly & Robbie die Erste war, die den Tango so weiterverarbeitet hat. Das war auch ein Gag, weil die Harmonien denen eines unserer Songs ähnelten, damit konnte man gut spielen.

SZ: Wo steht Ihr "Tango 3.0" heute?

Müller: Wir beherrschen diese Electrotango-Szene ja jetzt ein bisschen. Da wollten wir Frische hineinbringen, die Energie vom ersten Album. Und die Grenzen weiter zurückstoßen. Auf dem zweiten Album hatten wir beweisen wollen: Wir können echten Tango machen, mit seinen traditionellen Strukturen. Beim dritten Album nun sind wir von anderen Strukturen ausgegangen und haben die zum Tango gebracht. Wir haben in jeden Song etwas Neues gepackt: Bläser, die gibt es im Tango nicht. Cumbia, weil wir viel Nueva Cumbia aus Buenos Aires hören. Dann gibt es ein Stück ohne Bandoneon. Da spielt Franco Luciani Mundharmonika. Und besagten Slow singt eine Männerstimme: Daniel Melingo.

Immer auf Kontraste aus

SZ: Dann gibt es noch die nordamerikanischen Einflüsse: New-Orleans-Jazz, Mississippi-Blues, Nashville-Country. Wie passt das zum Tango?

Müller: Das kommt von Philipe, der ist großer Country-Fan. Und wir sind ja immer auf Kontraste aus, die auf den ersten Blick nicht funktionieren können. Haben Sie die Filmmusik gehört, die ich mit Eduardo zu El Goucho gemacht habe? Das ist Roadmovie-Musik, basierend auf argentinischen Folklore-Rhythmen. Sie sehen: In Argentinien gibt es diese Westernseite.

SZ: Ja, Rinderherden und Cowboys.

Müller: Eben, die Gauchos. Die haben Rodeo! Da ist also eine Brücke. Auch nach New Orleans: Tango ist der Blues von Buenos Aires. Die schwarzen Musikwurzeln sind gemeinsame. Das erste Stück auf der Platte ist ein Funeral March.

SZ: Bei einem Interview mit Louis Stazo neulich in München ...

Müller: Aha, die alte Garde!

SZ: Ja, 80 Jahre alt. Als ich ihn fragte, was er von Electrotango halte, rümpfte er nur verächtlich die Nase!

Müller: Ach ja. Aber es gibt andere, die reagieren nicht so abfällig. Wie Gustavo Betelmann, der lange Piazzolla begleitete, er ist auch ein begnadeter Pianist und Komponist für zeitgenössische E-Musik - und voilà: Er hat gern mit uns zusammengearbeitet! Betelmann musste 1976 als Präsident der Musikergewerkschaft vor der Diktatur fliehen. Ich glaube, die Exilmusiker sind offener und haben eine andere Vision von Tango.

SZ: Ihre Musik wurde anfangs von einflussreichen Club-DJs wie Peter Kruder oder Gilles Petersen bekannt gemacht. Heute hört man sie meist nur auf speziellen Tango-Fusion-Partys.

Müller: Mit der Zeit waren wir weniger interessiert an Clubmusik. Und die DJs weniger an uns. Einen Moment lang war das zusammen: Club und Home-Listening. Das hat sich wieder getrennt. Die jetzige Clubmusik ist sehr interessant, aber die kann man fast nicht zu Hause hören. Ich denke an diese Karibik-inspirierten Sachen aus Südamerika, da geht die Post ab, das sind nur Drums, Drums, Drums. Und das zu Hause? Meine Frau macht da nicht mehr mit.

SZ: Warum lassen Sie Ihre neuen Stücke immer sofort von Remixern auf den Kopf stellen, von der Band Calexico oder den New Yorker Rappern des Anti Pop Consortium?

Müller: Da geht es um die Konfrontation. Speziell diesmal, bei DJ Poiries Remix von "La Gloria", da kommt die Dancefloor-Seite rein - das ist wirklich kein Tango mehr, sondern Clubmusik.

Gotan Project tritt heute um 20.30 Uhr in der Münchner Tonhalle auf. Einlass ist um 19.30 Uhr und der Eintritt kostet 38 Euro.

© SZ vom 21.05.2010/rs
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