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Gemeinde Haar:Kahlschlag im Jugendstilpark

Haar, Jugendstilpark, Casinostraße, umfangreiche Baumfällungen

Frisch umgeschnittene Bäume im Jugendstilpark am Dienstag: Es gibt genehmigte Fällungen, aber auch zu schützende Bäume wurden umgesägt.

(Foto: Angelika Bardehle)

Für eine Tiefgarage werden auch Bäume gefällt, die eigentlich erhalten bleiben sollten. Anwohner vermuten angesichts der Erfahrungen, dass Absicht dahinter stecken könnte.

Von Bernhard Lohr, Haar

Die Männer mit den Kettensägen kamen am frühen Morgen. Bis gegen 11 Uhr hatten sie ihr Werk verrichtet. 47 Bäume lagen zum Schrecken der Anwohner gefällt am Boden. Die Nachbarn waren noch nach unten gelaufen und hatten versucht, das Abholzen zu verhindern. Am Ende hatten sie wieder einmal miterlebt, wie innerhalb weniger Stunden der Jugendstilpark in Haar ein Stück seiner grünen Identität beraubt worden war. Carmen Gnann, die aus einer alten Haarer Familie stammt und mittlerweile in dem neuen Wohngebiet lebt, das früher mit seinen Pavillons als parkähnliches Areal zur Klinik gehörte, hat deshalb ein Protestschreiben verfasst. So wie bisher, sagt sie, dürfe es dort nicht weitergehen.

Tatsächlich wurde und wird im Jugendstilpark immer wieder rechtmäßig gefällt. Sonst hätten auch Carmen Gnann und die anderen, die mittlerweile in den vom Bauträger des Bezirks Oberbayern errichteten Neubauten wohnen, dort nicht hinziehen können. Doch viele dieser neu in den Jugendstilpark gezogenen Haarer haben eben auch oft erlebt, dass nicht alles so läuft, wie es immer wieder beteuert wird. Der Baumschutz und die Pflanzen und Tiere seien wichtig, bekommen sie zu hören. Und doch haben sie wieder und wieder den Verdacht, dass Investoren-Interessen obsiegen und Bäume verschwinden, die eigentlich als zu schützend in den Plänen eingezeichnet sind. Gnann und einige andere haben sich über Jahre eingearbeitet in das Thema. Wem gehört welche Fläche und welche Bäume müssen erhalten bleiben? Was ist für den Vogel- und Igelschutz zu tun? Und wer ist für all das zuständig?

All diese Fragen beschäftigen die Bewohner, die sich bewusst für ein Leben in diesem trotz Fällungen immer noch von alten Bäumen bestandenen Parkgelände entschieden haben. "Ich lebe in einem Fledermausgebiet", sagt etwa Carmen Gnann. Das stehe sogar in ihrem Wohnungsvertrag. Sie habe dafür Auflagen zu erfüllen. Doch außer ihr, so scheint es ihr, schere sich keiner drum. Keiner setze den Igelschutz um, der angekündigt worden war. Die Bäume seien umgesägt worden, ohne zu schauen, ob dort Nester seien.

Der Verdacht jedenfalls, den die Nachbarn sofort hatten, als die Arbeiter mit ihrem schweren Gerät am Samstag loslegten, hat sich mittlerweile bestätigt. Ja, es sollten Bäume gefällt werden, weil noch eine Großraum-Tiefgarage gebaut werden soll, um Stellplätze für die Wohnungen zu schaffen, die bald in den noch umzubauenden ehemaligen Klinikgebäuden entstehen, die privaten Investoren gehören.

Die Gemeinde will gegen den Verstoß vorgehen

Doch dabei wurden nach Aussage des Umweltreferenten der Gemeinde, Andreas Nemetz, gegen die Vorschrift fünf Bäume auf einem Nachbargrundstück umgeschnitten. "Die hätten eigentlich erhalten werden sollen", sagt Nemetz. Diese Bäume hätten auf einem später dort zu schaffenden Spielplatz als Schattenspender dienen sollen. Nemetz kündigt an, dass die Gemeinde gegen den Verstoß vorgehen werde. Es handle sich um "alte Bestandsbäume", die bestimmt 50 Jahre alt gewesen seien. Auch das Landratsamt ist alarmiert. Dort sei man nicht über die Fällung informiert gewesen, erzählt Gnann.

Wie es zu der offenkundig unbefugten Fällung kommen konnte, ist noch nicht geklärt. War die Abholzung geplant oder war es schlicht ein Versehen der Arbeiter? Diese jedenfalls weigerten sich, als die Anwohner sie am Samstag aufforderten, ihre Fällungen einzustellen. Angeblich hatten sie Order, Proteste zu ignorieren. Das Landratsamt hat die Anwohner gebeten, Beweise zu sammeln und Fotos zu schicken, damit der Vorfall aufgeklärt werden kann. Nach Aussage aus dem Haarer Rathaus ist ein nicht näher genannter privater Investor Bauherr der Tiefgarage. Eine Anfrage bei der Casa Jugendstilpark GmbH in Gräfelfing zeigt: falsche Adresse. Der zuständige Geschäftsführer Fridolin Lippens sagt, er sei selbst "schockiert".

Der Baumbestand mache die Wertigkeit des Areals aus. Und dafür stehe man mit seinen Immobilienprojekten. Es gibt weitere Investoren. Aber wer wo was baut im Jugendstilpark, das ist kaum in Erfahrung zu bringen. So sagt es auch Carmen Gnann. Das sei ein Grund für ihren Unmut. Die Bewohner sind mittlerweile fest gewillt, nachzufragen und sich in ihrer neuen Heimat mehr Gehör zu verschaffen. Keiner übernehme Verantwortung, sagt Gnann. "Da wird man vertröstet, und dann wird abgeholzt." Sie kenne den Park von früher, sagt sie. Für sie sei es ein Traum, dort zu wohnen. Aber sie habe den Eindruck, der Park solle systematisch zerstört werden.

© SZ vom 02.12.2020/belo
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