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Garching:Turbo-Denkfabrik

Offen, hell und großzügig: So präsentiert sich der Neubau des Konzerns General Electric in Garching.

(Foto: Robert Haas)

Der Konzern General Electric hat seinen einzigen Forschungsstandort in Europa durch einen Neubau für 200 Mitarbeiter erweitert. In Garching sollen neue Energiesysteme und Antriebstechniken entwickelt werden - und das in modernen, ansehnlichen Räumen

Filzteppiche schützen noch den Holzboden, Möbel sind teils noch mit Folie verhüllt, aber der Fernseher im Eingangsbereich des Neubaus läuft bereits. Er zeigt einen Imagefilm von General Electric (GE), die Geschichte vom Schneeball in der Hölle. Klingt dramatisch, ist es auch. Ein Schneeball wird so verpackt, dass er ein Bad in 1000 Grad heißem Stahl überstehen soll. Wo jetzt auf dem Bildschirm Wissenschaftler demonstrieren, wie das gelingen kann, werden bald Forscher und Mitarbeiter des GE-Forschungszentrums in Garching in ihre neuen Büros ziehen. Der Konzern hat sein einziges Forschungszentrum in Europa durch einen Neubau erweitert. Er schafft Platz für 200 Mitarbeiter.

Seit zwölf Jahren bereits ist das Forschungszentrum in Garching am Rand des Universitäts-Campus angesiedelt. Insgesamt betreibt der Konzern neun solcher Einrichtungen weltweit, Garching war die vierte und steht in einer Reihe mit Bangalore in Indien, Shanghai in China, Rio de Janeiro in Brasilien, San Ramon, Detroit und Oklahoma City in den Vereinigten Staaten, Tirat Carmel in Israel und Dhahran in Saudi-Arabien.

Bisher arbeiten 250 Menschen am Garchinger Standort, der allerdings nur für 180 Mitarbeiter ausgelegt ist. "Wir sind hier an Kapazitätsgrenzen angekommen", stellt Carlos Härtel fest, er ist der Leiter des Forschungszentrums. GE hat deswegen noch einmal etwa 40 Millionen Euro in die Hand genommen und einen Neubau plus Parkgarage neben das erste Haus gestellt, verbunden sind beide durch eine 20 Meter lange Brücke. "Aber es ist kein einfacher Anbau, sondern ein eigenständiges Gebäude", sagt Härtel. Damit verfügt das Research Center jetzt über insgesamt 23 000 Quadratmeter.

Die wiederum bekommen helle Büros mit einer grandiosen Aussicht - wahlweise auf die Berge oder die Autobahn.

(Foto: Robert Haas)

Entworfen hat den Neubau das Münchner Architekturbüro Ochs Schmidhuber Architekten. Es ist wie eine Acht angelegt und schafft damit zwei einladende Innenhöfe, die schon bepflanzt sind und den Mitarbeitern als Rückzugsräume dienen. Nach oben hin schichten sich auf die Grundform Quader und Kuben aus Glas, Beton und Stahl. Geschossbänder aus Aluminium winden sich um den gesamten Baukörper und vermitteln den Eindruck, als könnten die Kuben noch hin und hergeschoben werden. Innen empfängt den Besucher eine großzügige Vorhalle, in die wohl auch noch eine Cafeteria kommt.

In Huddle-Rooms können sich kleine Gruppen künftig besprechen

Carlos Härtel, Leiter der Einrichtung, ist froh über den Neubau für etwa 200 Mitarbeiter.

(Foto: Robert Haas)

Auch die neue Kantine ist im Erdgeschoss untergebracht. "Sie ist fünfmal größer als im Altbau", erläutert Härtel. Insofern würden sich alle Mitarbeiter künftig verbessern, was das Mittagessen angeht. Über eine Freitreppe gelangt man in den ersten und zweiten Stock. Hier befinden sich die Großraumbüros für etwa 20 Mitarbeiter je Raum und auch sogenannte Huddle-Rooms - kleine Kabinen bestückt mit einem Tisch und zwei Stühlen, entweder in Knallgrün oder in Orange.

"Hier kann sich jemand zum Telefonieren zurückziehen", sagt Härtel. Oder auch Besprechungen in kleinstem Kreis könnten hier stattfinden. Und wer es ganz ruhig mag, der wird sich künftig in die Bibliothek zurückziehen können. So der Arbeitstitel eines Raumes, der nach Aussage von Härtel allerdings keine Bücher enthalten wird. Ziel ist lediglich, dass die Leute dort zum Arbeiten strikte Ruhe fänden.

Für General Electric waren die Kapazitätsgrenzen am Forschungsstandort in Garching erreicht.

(Foto: Robert Haas)

Neu ist auch ein relativ großer Sozialraum mit Kaffeeküche, wo auch mal eine kreative Pause möglich ist. Ob hier allerdings das leidige Problem mit dem herumstehenden schmutzigen Geschirr wegfällt, da hat der Chef doch so seine Zweifel, wie er schmunzelnd bemerkt. Härtel sagt, dass die Belegschaft beim Neubau stark eingebunden gewesen sei, um die Architektur an die Bedürfnisse des Arbeitsalltags anzupassen. "Die ersten, die jetzt einziehen, werden es ausprobieren" und tatsächlich hat GE noch ein kleines Budget bereitgestellt, um nachträglich eventuelle Verbesserungen vorzunehmen.

Dank der neuen Akkustikanlage können auch Rockbands auftreten

Durch die großen Fenster bietet sich je nach Himmelsrichtung ein fantastischer Ausblick, mal in Richtung Berge, mal über die Felder in Richtung Autobahn. Lamellen zwischen den Glasscheiben haben den Vorteil, dass es nicht zu warm im Gebäude wird. Im Neubau gibt es auch noch einen Konferenzraum für 70 bis 80 Leute, für den der Chef sich auch ganz andere Nutzungen vorstellen könnte. Als einige Techniker die neue Akustikanlage testen, sagt Härtel spontan: "Hier können auch Rockbands auftreten."

Es gibt auch einige wenige Labore in dem neuen Haus, unter anderem eines für einen Kernspintomografen. Das führt zu der Frage, was die Fachleute von GE in Garching überhaupt erforschen. Bisher sind die Forschungsschwerpunkte derzeit unter anderem Erneuerbare Energien und Energiesysteme, Antriebstechnik, Fertigungsmethoden für Faserverbundwerkstoffe, Mess- und Regelungstechnik, Turbomaschinen und bildgebende Verfahren für die medizinische Diagnostik "Wir werden uns in Zukunft aber sicherlich stärker spezialisieren", sagt Härtel.

Digitale Zwillinge - GE plant die Energiewende der Zukunft

Das Thema Digitalisierung werde dabei im Mittelpunkt stehen, vor allem der Bereich Big Data und die Modellierung von Systemen. Härtel entwirft dabei die Vorstellung, ein Produkt von der Wiege bis zur Bahre zu verfolgen. GE plant, digitale Zwillinge beispielsweise von Windturbinen oder industriellen Fertigungsanlagen zu schaffen. Außerdem sollen zahlreiche Sensoren Daten liefern, um besser analysieren zu können, warum was wie funktioniert oder nicht funktioniert hat.

All das würde bei der Wartung helfen und bei der Optimierung und der Vorhersage zur Lebensdauer. Er vergleicht diesen Prozess mit den Datensammlern von Google und Co, die einem Kaufvorschläge machen aufgrund des persönlichen Kauf- oder Suchverhaltens. "So ein Profil wollen wir auch für die Anlagen erstellen."

Auf dem Bildschirm im Foyer ziehen mittlerweile die Forscher den gut ummantelten Schneeball aus der glühenden Stahlmasse. Sie öffnen den Behälter und siehe da: Der Schneeball glänzt in schönstem Weiß. "Eins für GE, null für die Hölle" steht auf dem Fernseher zu lesen. Möglich, dass nach dem Einzug der ersten 50 Mitarbeiter im September noch andere interessante Filme zu sehen sein werden.