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Energiewende:Mobil mit Biomüll

Brunnthal, Kirchstockach, Biovergärungsanlage Foto: Angelika Bardehle

Der Kirchstockacher Unternehmer Matthias Ganser ist begeistert von der neuen Technik.

(Foto: Angelika Bardehle)

Der Landkreis prüft, ob in Kirchstockach aus Grünabfällen Wasserstoff zum Antrieb von Bussen erzeugt werden kann

Von Bernhard Lohr, Brunnthal

Hubert Aiwanger war nicht zu bremsen. Kaum hatte der bayerische Energieminister bei der Blueflux Energy AG in Peißenberg gesehen, wie mit Hilfe der dort entwickelten Technologie aus Klärschlamm, Gülle und Bioabfall wertvoller Wasserstoff hergestellt wird, schickte der FW-Politiker begeistert über Facebook eine Nachricht in die Welt: "DIE Alternative zur Elektrolyse." Das blieb nicht ohne Echo auch im Landkreis München. "Super!!", antwortete Matthias Ganser, der im Auftrag des Landkreises die Bioabfall-Vergärungsanlage in Kirchstockach betreibt. "Das müssen wir sofort machen." Mittlerweile hat die CSU das Thema auf die politische Ebene im Landkreis gehoben.

Der Landkreis München hat sich als Hightech-Region dem Ziel verschrieben, die Wasserstoff-Technologie voranzubringen. Gemeinsam mit Ebersberg und Landshut bildet man die vom Bund geförderte Wasserstoff-Modellregion "HyBayern". Es werden Wasserstoff-Tankstellen aufgebaut und in eineinhalb Jahren sollen mit grünem, aus klimafreundlicher Energie produziertem Wasserstoff betriebene Busse durch den Landkreis München kurven. Der Treibstoff dazu könnte irgendwann aus Kirchstockach kommen, erzeugt aus dem Biomüll der Landkreisbürger. Was Aiwanger an der Blueflux-Technologie so freudig stimmte, waren nicht zuletzt die Herstellungskosten: zwei Euro pro Kilogramm Wasserstoff. Das sei unschlagbar, pries er.

Die Anlage in Peißenberg haben sich auch eine Reihe von Kreisräten aus dem Landkreis München angeschaut. Das Interesse rührt daher, dass die 1997 in Betrieb genommene Biomüll-Vergärungsanlage in Kirchstockach in die Jahre gekommen ist. Bis heute wird in Reaktoren Methan gewonnen und in einem Kraftwerk vor allem Strom erzeugt und ins Netz eingespeist. Weil die Vergütung aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf 20 Jahre begrenzt ist und dann nur noch eine weniger lukrative Anschlussvergütung in Aussicht steht, stellt sich auch die Technologie-Frage. Viele Betreiber von Biogasanlagen, sagt Andrea Horbelt, Sprecherin beim Fachverband Biogas, müssten irgendwann klären, ob sich weitere Investitionen noch lohnen.

An dem Punkt ist man in Kirchstockach, wo das Kiesunternehmen Ganser den Betrieb führt und sich schon in der Vergangenheit offen auch für neue Wege bei der Energiegewinnung gezeigt hat. Das heute von den Stadtwerken München betriebene Geothermiekraftwerk wurde einst angeschoben. Im Frühjahr soll es erstmals auch Fernwärme nach Ottobrunn und bis nach München liefern. Auch die Biomüll-Vergärungsanlage soll dann Wärmeleistung beisteuern. Noch zukunftsträchtiger fände Matthias Ganser aber dort den Einstieg in eine Wasserstoff-Produktion. Stefan Schelle, Fraktionschef der CSU im Kreistag, hat beantragt, dass das geprüft wird. Im Landratsamt arbeitet man an einer Vorlage für die Kreistagsgremien.

Ulrich Mach, Prokurist der Blueflux Energy AG in Peißenberg, hat den begeisterten Kommentar von Minister Aiwanger mit Freude registriert. Er sei überzeugt, dass die von seinem Unternehmen patentierte Technik geeignet sei, auch in einer großen Anlage mit Tausenden Tonnen Biomüll wie in Kirchstockach Anwendung zu finden, sagt Mach. Die Blueflux-Technik bildet mit Hilfe von hohem Druck und hohen Temperaturen innerhalb von zwei Stunden Prozesse nach, bei denen in mehr als zwei Millionen Jahren Kohle entsteht. Aus pulverisierter Kohle und Wasserdampf als Zwischenprodukten wird laut Blueflux über ein chemisches Verfahren ein Synthesegas mit hohem Wasserstoffanteil gewonnen. Dieser wird durch erneute Zugabe von Wasserdampf weiter erhöht, anschließend separiert und aufgereinigt. Ohne Treibhausgas-Emissionen und ohne Belastungen für die Umwelt werde so Wasserstoff hergestellt, sagt Mach, und zwar um mehr als die Hälfte günstiger als durch Elektrolyse.

Der Prototyp in Peißenberg läuft nach Aussage von Ulrich Mach von Blueflux seit Januar 2020 im Dauerbetrieb stabil. Und in Altenstadt im Landkreis Weilheim-Schongau werde kommendes Jahr, unterstützt durch Fördermittel des Freistaats, der Bau der ersten industriellen Anlage beginnen.

© SZ vom 01.12.2020
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