Gesundheitsamt:"Bei uns gab es Erschöpfungsfälle"

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Coronavirus -  Kontaktnachverfolgung

Die Zahl der Corona-Fälle hat ein Ausmaß angenommen, dass die Mitarbeiter im Gesundheitsamt weder bei der Kontaktnachverfolgung noch bei der Quarantäneüberwachung hinterher kommen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Gerhard Schmid, Leiter des Gesundheitsamtes im Landkreis München, über die Belastung seiner Behörde während der Pandemie, die Anforderungen an die Mitarbeiter und den Ärger über eine vermeintlich überforderte Verwaltung.

Interview von Stefan Galler

Seit mehr als anderthalb Jahren steckt die gesamte Gesellschaft in einer Ausnahmesituation. Das gilt ganz besonders für diejenigen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Und dazu gehören auch die Beschäftigten in den Gesundheitsämtern, für die sich die Landtagsfraktion der Grünen nun mit einem Antrag stark macht: Die Gesundheitsämter im Freistaat sollen nach ihrem Willen "schnell besser flächendeckend mit Personal und Ressourcen" ausgestattet werden, zudem fordern die Grünen unter anderem eine bessere Entlohnung der Beschäftigten und die Einführung einer einheitlichen Gesundheitsmanagement-Software. Die SZ sprach mit Gerhard Schmid, Leiter des Gesundheitsamtes im Landratsamt, über die Initiative der Grünen und die Arbeit seiner Behörde.

Herr Schmid, derzeit erreicht das Infektionsgeschehen ein Rekordniveau. Inwieweit ist Ihr Amt dieser neuen Situation personell gewachsen?

Gerhard Schmid: Als die Pandemie im Februar und März 2020 so richtig losging, hatten wir im Gesundheitsamt zu wenig Leute. Die Pandemie ist wie ein Tsunami über uns gekommen, wir haben es nicht geschafft, alle Anfragen, die per Mail oder Telefon kamen, zu beantworten. Es ist dann sukzessive besser geworden, wir haben Kräfte vom Staat bekommen und auch intern im Landratsamt durch Umbesetzungen und Neueinstellungen die Situation in den Griff bekommen.

Und seither läuft alles rund?

Natürlich ist es immer ein Auf und Ab. Es gibt immer wieder Kündigungen, aber wir konnten auch viele befristete Neueinstellungen mit der Zeit verlängern. Und was die Arztstellen im Landratsamt angeht, so sind diese für das kommende Jahr wohl alle besetzt, sogar wenn uns welche verlassen. Aber es gibt natürlich trotzdem auch Probleme.

Und die wären?

Die Kontaktverfolgung haben teilweise Leute gemacht, die sich wegen ihres bisherigen Werdegangs schwertaten, diese Aufgabe zu leisten. Natürlich erfolgt in jedem Fall eine Einarbeitung, aber es herrscht dann und wann ein Mangel an Erfahrung mit dieser komplexen Thematik, für die man weniger medizinisches Wissen benötigt als das Wissen über Regularien und rechtliche Fragen. Es ist wirklich nicht einfach, geeignete Mitarbeiter zu finden und diese dann auch noch längerfristig halten zu können. Teilweise kamen neue Leute, haben sich eingearbeitet und waren dann gleich wieder weg. Ich würde ganz klar Kontinuität und Qualität bei den Beschäftigten vor Quantität stellen.

Gesundheitsamt: Gerhard Schmid leitet das Gesundheitsamt, das beim Landratsamt angesiedelt ist.

Gerhard Schmid leitet das Gesundheitsamt, das beim Landratsamt angesiedelt ist.

(Foto: Claus Schunk)

Das heißt, Sie würden eine Aufstockung Ihres Amtes um weiteres Personal gar nicht benötigen?

Wir bekommen demnächst wieder zusätzliche Kräfte. Und das ist auch notwendig und gut. Denn dass wir alle Überstunden machen, ist vollkommen klar. Aber wir versuchen, unsere Mitarbeiter nicht zu überfordern. Die Pandemie ist ein Marathonlauf, wer sich zu schnell verausgabt, kommt nicht ins Ziel. Bei uns gab es Erschöpfungsfälle, da haben wir dann die Belastung zurückfahren müssen.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als die Kontaktnachverfolgung von Infizierten zu priorisieren, und zwar auf die jeweiligen Haushaltsangehörigen und auf vulnerable Gruppen. Dass uns die meisten Landkreisgemeinden dabei unterstützen, hilft natürlich ungemein. Von den 29 Kommunen ist ein knappes Dutzend allerdings dazu nicht in der Lage.

Welche Gemeinden tun sich denn besonders hervor und welche können keine Unterstützung leisten?

Ich bitte um Verständnis, dass ich hier keine Namen nennen kann. Das würde nur für Unmut sorgen und auch dem Engagement der Kommunen nicht gerecht werden, die unabhängig von der Kontaktnachverfolgung auf vielfältige Weise zur Bewältigung der Pandemie beitragen.

Was tun Sie zusätzlich, um effizienter zu arbeiten?

Wir schulen unsere Mitarbeiter, die Bürgeranfragen entgegennehmen, möglichst effizient zu sein. Es schafft nicht jeder, ein Telefonat in freundlichem Ton innerhalb von 15 Minuten zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu bringen. Aber wir müssen auch innerhalb des Amtes effizient sein: Es ist nicht möglich, den ganzen Tag an Konzepten zu arbeiten und intern zu kommunizieren. Andererseits ändern sich jede Woche die Sachverhalte und Vorschriften, darauf muss man reagieren. Das ist keine Kritik an Freistaat oder Landratsamt. Es ist einfach so, wie es ist.

Das Gesundheitsamt

Gerhard Schmid leitet im Landratsamt am Mariahilfplatz eine Abteilung mit dem wohl breitesten Aufgabengebiet. Der 64-Jährige Mediziner ist seit 2001 Leiter des Gesundheitsamtes, zuvor war er in mehreren bayerischen Staatsministerien tätig, unter anderem dem Gesundheits- und Innenministerium. Im Gesundheitsamt unterstehen ihm circa 100 Mitarbeiter, die Zahl schwankt laut Schmid aber immer wieder - zuletzt natürlich auch durch die Corona-Pandemie, die seit nahezu zwei Jahren die Arbeit in seinem Referat bestimmt und manch anderes in den Hintergrund treten lässt. Zu den Aufgaben des Gesundheitsamtes gehören etwa die Erstellung amtsärztlicher Gutachten, die Überprüfung von Heilpraktikern oder der Hygiene in Arztpraxen. Aber auch die Kontrolle der Badeseen, des Trinkwassers, der Kindergärten und Schwimmbäder sowie der Infektionsschutz. Trotz Corona sagt Schmid: "Gefahrenabwehr ist immer vorrangig." müh

Können Sie den Ärger der Leute über die Politik und die vermeintlich überforderte Verwaltung nachvollziehen?

In unserer Gesellschaft muss es für jedes Problem einen Schuldigen geben. Aber bei Corona gibt es den eben nicht. Wir brauchen nur die aktuelle Situation herzunehmen: Jeder hatte mit einer vierten Welle gerechnet, aber doch niemand ernsthaft mit Inzidenzen von 1000 und mehr. Die Entscheidungsträger müssen die Dynamik der Infektionen im Blick haben, aber auch den Verhältnismäßigkeitsaspekt, was die Grundrechte angeht. Die Politik steuert immer wieder nach, und der Bürger hat den Eindruck, dass sie keine gerade Linie fährt. Aber das tut das Virus eben auch nicht.

Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation ein? Gibt es Anlass zur Hoffnung, dass sich die Entwicklung bald wieder umkehrt?

Da muss ich eine Antwort schuldig bleiben, denn dafür bräuchte man den Blick in die Glaskugel. Wo der Wellenkamm sein wird, kann man nicht sagen. Klar ist, dass wir derzeit in der problematischsten Phase der Pandemie sind. Aber wir haben jetzt eine Waffe in Form der Impfung, das ist auch psychologisch wichtig. Persönlich wünsche ich mir, dass es bald einen zugelassenen Impfstoff für die Fünf- bis Elfjährigen gibt. Und zwar mit einer Kommunikation, die die Eltern nicht verunsichert.

Wie beurteilen Sie die Software Sormas, die bundesweit zur Kontaktnachverfolgung eingesetzt wird? Es hat ja technische Probleme bei der Verknüpfung der hauseigenen Systeme im Landratsamt mit diesem Tool gegeben.

In der Tat hat uns Sormas am Anfang Probleme bereitet, wie so viele Werkzeuge hat auch dieses Vor- und Nachteile. Es ist ein bisschen aufwendig zu bedienen, aber bevor jetzt wieder etwas Neues eingeführt wird, würde ich dafür plädieren, es dabei zu belassen. Eine Umstellung kostet enorm viel Zeit und Energie, das sollte man erst tun, wenn die Infektionszahlen deutlich geringer sind als derzeit.

Würden Sie sich, wie von den Grünen gefordert, für eine bessere Vergütung der Beschäftigten in den Gesundheitsämtern und Boni für alle aussprechen, die in ihrer täglichen Arbeit mit Corona belastet sind?

Mit diesem Thema tue ich mich schwer. Natürlich freue ich mich, wenn die Tätigkeit unserer Mitarbeiter im Gesundheitsamt honoriert wird, aber ich würde das nicht aktiv fordern. Das muss die Politik lösen. Überhaupt will ich kein Klagelied gegenüber Freistaat oder Landkreis anstimmen. Wir müssen mit unseren Kräften haushalten, sonst passieren Fehler. Aber grundsätzlich bin ich zuversichtlich, dass wir als Gesundheitsamt mit unseren insgesamt über hundert Mitarbeitern unsere Sache auch weiterhin gut machen.

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