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Bildung:Schluss ohne Noten

Zeit für Experimente. Vor den Sommerferien stehen in den meisten Schulen Projekte auf dem Stundenplan, die auch mal einen anderen Blick auf die Welt ermöglichen.

(Foto: Robert Haas)

Exkursion, Benefizlauf und Projekttag: Vor den Ferien funktioniert Schule plötzlich anders. Lehrer, Eltern und Schüler loben die wertvolle Zeit.

Chemie fällt heute aus, in Französisch wird ein Film angeschaut und der Musiklehrer geht mit der ganzen Klasse zum Eisessen. Es ist noch eine Woche bis zu den Sommerferien, die Noten sind längst gemacht, die Bücher zurückgegeben, und viele Eltern haben den Eindruck, als befänden sich die Schulen schon seit geraumer Zeit in einer Art Vorferien-Modus. Statt Mathe und Geschichte stehen Ausflüge, Spiele und Feste auf dem Stundenplan. Nicht alle finden das gut.

Mitunter ist bei manchem der Unmut über den vermeintlichen Schlendrian deshalb so groß, weil in den Wochen zuvor der Druck mit Schulaufgaben und Abfragen immens war. Muss das sein? Es muss, sagen die Schulleiter, Lehrer und auch Schüler. Denn die letzten zwei Wochen vor den Sommerferien dienen der Entschleunigung und dem Gemeinschaftsgefühl. Sie lassen Raum für eine andere Form der Pädagogik und Zeit für Dinge, die im laufenden Schuljahr nicht möglich sind.

Simone Fleischmann, die Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnen-Verbands (BLLV) kennt diese Bedenken von Eltern zu genüge. Das Thema komme regelmäßig vor den Sommerferien wieder auf. "Ich nehme das den Eltern auch nicht übel", sagt sie. Das habe eben etwas mit der Erwartungshaltung der Gesellschaft an die Schule zu tun. Gleichwohl mache es sie auch traurig, wenn Projektarbeit als etwas gesehen werde, was nicht sinnvoll sei. Denn in der Schule müsse es um mehr als um den Erwerb von theoretischem Wissen gehen. "Macht es Sinn und ist es immer nur etwas wert, wenn ich mir etwas reinziehe und dann auskotze, weil eine Schulaufgabe geschrieben wird?", fragt Fleischmann.

"Schule ist Gemeinschaft."

"Wir brauchen mehr denn je eine ganzheitliche Sicht auf Bildung", sagt die BLLV-Vorsitzende und verweist auf den Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi und dessen Bildungsbegriffe Herz, Kopf und Hand. Für Fleischmann bietet genau die Zeit vor den Sommerferien die Möglichkeit, in diesem Sinne zu arbeiten, was sie sich viel häufiger wünschen würde. "Das hat nichts mit Kuschelpädagogik zu tun", stellt sie klar. Trotzdem können spannende Projekte genauso wie Eisessen wichtig sein. "Schule ist Gemeinschaft, da begegnen sich Menschen", sagt sie, "und diese Begegnungen tun gut."

Claudia Sander, Leiterin der Mittel- schule Oberhaching, bringt es so auf den Punkt: "Schule darf auch mal Spaß machen." Sie hat sich mit dem Kollegium auf das Motto "Die Welt und wir" für die Zeit vor den Ferien verständigt. Achtsamkeit und Umweltprojekte stehen auf dem Programm. Natürlich werden auch Filme geschaut, aber eine Klasse hat ein Fahrrad-Kino veranstaltet. Da hieß es, kräftig in die Pedale zu treten, damit der Streifen läuft. Auch gab es einen Spendenlauf zugunsten des Vereins "Helfende Hände" für Menschen mit schweren Behinderungen. Die Sechstklässler aus Oberhaching sind daher in diesen Tagen dort zu Besuch. Besonders stolz ist Sander auf den gemeinsamen Ausflug am Mittwoch, wenn die gesamte Schule das Further Bad besucht, das an diesem Tag der Mittelschule exklusiv zur Verfügung steht. Die Jüngeren dürfen dann noch im Schulhaus übernachten und dort zusammen Pizza backen. "Wir sind eine kleine Schule", sagt Sander, "entsprechend gut funktioniert es, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Durch solche Veranstaltungen lernt man sich einfach noch besser kennen".

"Es wird ja nicht nur wegen der Noten unterrichtet."

Das sieht auch die Schulleiterin der Pater-Rupert-Mayer-Realschule in Pullach, Ursula Cieslinksi, so. Dort werden Schüler und Lehrer zusammen mit Teams aus dem benachbarten Gymnasium zu einem "Quatroball-Turnier" antreten, bei dem vier Ballsportarten auf dem Programm stehen. Ebenfalls werden Projekte zum Thema Müllvermeidung und Exkursionen angeboten. Und bevor es in die großen Ferien geht, wird gemeinsam das Schulhaus geputzt und das Gelände gesäubert. "Bis Dienstag stehen auch noch Prüfungen an", sagt Cieslinski. In diesem Jahr sei die Zeit sehr knapp gewesen, um mit dem Stoff durchzukommen. Auch am Werner-Heisenberg-Gymnasium in Garching werde nach Notschluss noch ganz normal Stoff vermittelt, wie Annette Langen berichtet, die zur erweiterten Schulleitung gehört. "Es wird ja nicht nur wegen der Noten unterrichtet", sagt sie und spricht von "ein bisschen mehr Raum für eine andere Art der pädagogischen Arbeit" sowie der Möglichkeit, "Druck rauszunehmen". In der letzten Woche stehen dann Projekte wie der soziale Tag an, bei dem Schüler etwa Altenheime und Behinderteneinrichtungen besuchen.

Am Gymnasium Ottobrunn werden in diesen Tagen auch eine ganze Reihe von Projekten und Workshops angeboten: Die fünften Klassen besuchen einen Bauernhof, die sechsten und achten Jahrgangsstufen untersuchen Gewässerproben, die siebten haben einen Informatiktag und die neunten bauen eine Rakete. Daneben gibt es jede Menge Kulturveranstaltungen. "Es ist für die Lehrer auch jedes Mal ein Kraftakt", sagt Beate Promberger, die stellvertretende Schulleiterin. Sie findet aber, dass sich der Aufwand lohnt. "Es sind zwei Wochen mit speziellem Charakter - Schüler und Lehrer kommen dann auf eine andere Weise zusammen", ist sie überzeugt. Zugleich sei es auch organisatorisch gar nicht möglich, Notenschluss und Zeugnisvergabe anders zu terminieren. Denn die Zeugniserstellung ist mit administrativem Aufwand verbunden. "Wir brauchen diese zwei Wochen, auch um strittige Fälle zu klären", sagt Promberger.

"Die Zeit ist immer etwas Besonderes."

Beim Bayerischen Elternverband (BEV) sieht man die Sache ähnlich wie in den Schulen. Linda Summer-Schlecht, die Beauftragte des BEV für den Landkreis München, sagt: "Die Wochen vor den Ferien sind die wichtigsten Wochen, um endlich mal an einem Gymnasium ausreichend Zeit zu bekommen, um mit Schülern arbeiten zu können." Sie führt Sucht- oder Gewaltprävention an und die Stärkung sozialer Kompetenz am sozialen Tag. Elternbeiräte, die gut mit ihren Schulen zusammenarbeiteten, kümmerten sich darum, dass Sozialkompetenz und Präventionsangeboten Zeit im Schuljahr gewährt werde. "Es gibt Wichtigeres als Noten zu machen im Leben", findet Summer-Schlecht, "gute Schulen interessieren sich wirklich für ihre Schüler - auch oder gerade nach Notenschluss".

Das hat auch Isabel Uffinger von der Schülermitverwaltung (SMV) am Carl-Orff-Gymnasium Unterschleißheim immer so empfunden. "In der elften Jahrgangsstufe nutzen wir zwar jetzt die Zeit, um uns schon auf die Zwölfte vorzubereiten", sagt sie. "Aber in den unteren Klassen wird durch die verschiedenen Aktionen sicher das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Die Zeit ist immer etwas Besonderes."

Gleichwohl gibt es in jedem Jahr Eltern, die einen früheren Start in den Urlaub gerne den Schulprojekten und Klassenausflügen vorziehen würden und die letzten Schulwochen als reines Absitzen von Zeit sehen. Schulfrei vor den Sommerferien gebe es aber nur in Ausnahmefällen, sagt Beate Promberger aus Ottobrunn, "das muss schon etwas anderes sein als nur günstige Flüge". Auch die Kollegin aus Pullach, Ursula Cieslinksi, bekommt regelmäßig solche Anfragen, "einige Eltern versuchen das, aber es geht einfach nicht", sagt sie, schließlich seien sie eine staatlich anerkannte Schule.

Schulleiterin Sanders von der Mittelschule Oberhaching hat in diesem Jahr wieder drei derartige Anträge auf ihren Tisch bekommen. Die Eltern hofften, wenn sie ehrlich seien und ihr Kind nicht einfach krank meldeten, klappe das. "Ich spreche mit den Eltern über die Schulpflicht und was bis hin zu Versicherungen alles daran hängt", sagt Sander. Bisher sei sie damit erfolgreich gewesen. "Die Kinder waren dann alle da."