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Bezahlbarer Wohnraum:Immobilie für mehr Mobilität

Eine Genossenschaft will in Haar Familienwohnungen in Holzbauweise errichten und den Mietern Platz für Carsharing, E-Bikes und Pedelecs bieten

Von Bernhard Lohr, Haar

Auch wenn die SPD jetzt in Haar nicht mehr den Bürgermeister stellt: Genossen sind im dortigen Rathaus mehr denn je gerne gesehen. Der neue CSU-Bürgermeister Andreas Bukowski hält große Stücke auf Genossenschaftsmodelle, wenn es um die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum gerade für Familien geht. Letztens im Bauausschuss des Gemeinderats zogen dann alle Fraktionen an einem Strang, um genau einer solchen Genossenschaft zu helfen. Der Beamtenwohnungsverein München möchte in Unterhaar eine Wohnanlage erweitern und große Wohnungen schaffen. Dabei kommt ihm die Gemeinde weit entgegen.

Das hatte mit den Argumenten zu tun, die doch ziemlich gut ankamen. Die im Jahr 1921 gegründete Genossenschaft zählt mit 1731 Wohnungen im Bestand zu den Großen im Raum München. Man hat Wohnungen quer durch München in etlichen Stadtvierteln und auch an vielen Orten in Haar. Nun ging es in einem Vorbescheid darum, ob drei existierende Gebäude an der Waldstraße mit insgesamt fünf Wohnungen aufgestockt werden dürfen. Außerdem will der Beamtenverein, der an Beamte und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes Wohnraum weit unter den ortsüblichen Mieten anbietet, eine Garagenanlage abreißen und dort in aufgeständerten Gebäuden zwei Drei-Zimmer-Wohnungen schaffen. Die größte Zustimmung gab es dafür, dass es sich bei den fünf Apartments, die in Holzbauweise auf Wohnhäuser aufgesetzt werden sollen, fünf Vier-Zimmer-Wohnungen und eine Fünf-Zimmer-Wohnung handelt. "Ich finde das grandios", sagte Peter Schießl (SPD). Das dürfe man nicht leichtfertig abweisen, sagte Peter Siemsen (FDP). Und Dietrich Keymer (CSU) überlegte hin und her, wie man das gut begründet befürworten könne.

Das Problem war dabei nicht in erster Linie die Ausweitung der Gebäudegrenzen, wenngleich es in der Nachbarschaft schon Widerstand gibt, weil man um Lebensqualität fürchtet oder um einen Wertverlust der eigenen Immobilie. Den Knackpunkt bildet nach Ansicht der Gemeinderäte vor allem die Frage, wie das Projekt ermöglicht werden kann, ohne eine Tiefgarage zu fordern. Denn eigentlich wäre eine solche nach der Stellplatzsatzung notwendig, wonach ab sechs Stellplätzen mindestens 80 Prozent unterirdisch angelegt werden müssen. Wenn man aber das einfordere, argumentiert die Genossenschaft, sei das gesamte Wohnungsausbauprojekt nicht mehr darzustellen. Der Bau der Tiefgarage würde die Kosten in die Höhe treiben, diese wären auf die Miete umzulegen und diese wären dann nicht mehr günstig.

Um das ganze Vorhaben billigen zu können, hat die Genossenschaft den Gemeinderäten eine Brücke gebaut: Unter dem aufgeständerten Bau soll es verschiedene Mobilitätsangebote geben, vom Carsharing mit Nachbarn über Pedelecs und E-Bikes bis hin zu Ticketautomaten für den Öffentlichen Personennahverkehr. Für das gesamte Quartier sollen so Anreize geschaffen werden, öfter auf das Auto zu verzichten. Dabei bleibt freilich die Sorge bei den Gemeinderäten, wie verbindlich das Versprechen gehalten wird. Es dürfe nicht bei schönen Worten bleiben, sagte etwa Ulrike Olbrich (Grüne). Auch die Bauverwaltung fordert ein "tragfähiges und dauerhaftes Mobilitätskonzept" ein.

Trotz mancher Bedenken war der Wille stark, das "spannende Projekt" nicht scheitern zu lassen, wie es Alexander Zill (SPD) nannte. Peter Paul Gantzer (SPD) riet dazu, die Zustimmung zu dem Ausnahmeprojekt konkret mit der Schaffung der so seltenen wie dringend von Familien benötigten Vier- und Fünf-Zimmer-Wohnungen zu begründen. Keymer riet zu einer möglichst fundierten Begründung, damit man keinen Präzedenzfall schaffe. Henry Bock (Grüne) empfahl, bald die Stellplatzsatzung zu ändern.

© SZ vom 07.07.2020

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