Artenschutz:Nicht alles, was blüht, gibt Honig

Als Hobby-Imker in Straßlach-Dingharting hat Oliver Seth festgestellt, dass Bienen kaum noch Nahrung finden. Als Kreisrat der Grünen setzt er sich dafür ein, dass sich das ändert - unter anderem mit einer App zur Pflanzenbestimmung.

Von Claudia Wessel, Straßlach-Dingharting

"Warum sind die denn nur so nervös?", fragt sich Oliver Seth, als er sich über die Beute beugt. "Ist das etwa ein Raubüberfall?" Es wäre durchaus möglich, erklärt der Straßlacher Gemeinde- und Kreisrat der Grünen, dass hier gerade eine feindliche Übernahme stattfindet, also der Angriff eines fremden Bienenvolks auf das hier lebende.

Aber dann wären die Bienen vielleicht doch noch nervöser und es würden Kämpfe stattfinden. Wächterbienen würden die Angreifer abwehren. Ein Kampf, bei dem meistens beide Seiten sterben, so der Hobby-Imker. Es scheint also doch andere Gründe zu haben, dass vor dem einen der beiden Bienenstöcke, auch Beute genannt, ein großes Schwirren im Gange ist.

Oliver Seth hat gemeinsam mit seinen Kollegen von den Grünen im Kreistag das Projekt "Smart. Bienen. Retten!" ins Leben gerufen, eine App, mit der man Pflanzen und deren Wert für Bienen bestimmen kann. Mit dieser Aktion für den Artenschutz wollen sie quasi die Zeit überbrücken, bis ihr lang gehegter Wunsch nach zwei hauptberuflichen Artenschützern im Landkreis München wahr wird. Seit fünf Jahren setze sich die Fraktion dafür ein, berichtet Seth. "Doch es passiert nie was."

Artenschutz: Unruhe vor der Beute: Zum Glück sind es aber doch keine Raubbienen, die hier ein Volk verjagen wollen.

Unruhe vor der Beute: Zum Glück sind es aber doch keine Raubbienen, die hier ein Volk verjagen wollen.

(Foto: Claus Schunk)

Die Grünen haben das Projekt "Der blühende Landkreis" beantragt. Damit es umgesetzt werden kann, bemüht sich der Landkreis seit zwei Jahren um Fördergelder. 2,6 Millionen Euro würden bei einer Zusage an den Landkreis fließen, die aber einzig und allein für zwei Artenschützer-Stellen auf sechs Jahre vorgesehen wären. Während die Grünen darauf hoffen, dass das endlich klappt, stimmen sie die Landkreisbewohner schon mal mit ihrer App auf Artenschutz ein, in diesem Fall speziell auf Bienenschutz.

Ohne Blüten kein Honig

Oliver Seth gehören knapp zwei Hektar Wald am Rand von Holzhausen in der Gemeinde Straßlach-Dingharting. Hier hält er seit acht Jahren vier Bienenvölker mit jeweils rund 30 000 Insekten. Eine Ausbildung als Imker hat er an der Imkerschule in Landsberg gemacht. Damals startete er das umweltfreundliche Bienen-Projekt, stellte die Stöcke in dem Wald auf und wartete dann auf den Ertrag. Doch als er nach geraumer Zeit nachsah, stellte er fest: Es gab überhaupt keinen Honig. Den Grund dafür erkannte er natürlich als Naturschützer sehr bald: Es gab rundum gar keine bienenfreundlichen Blüten. Kein Wunder, dass die hungernden Tiere nichts produzieren konnten. "Da muss man was machen", dachte er damals.

Gelbe Stöcke, die heute überall im Wald zu sehen sind, demonstrieren, was Seth damals begann: Er pflanzte nach und nach neue Bäume, die blühen, und das am besten in einer solchen Auswahl, dass das ganze Jahr über irgendwo Nektar zu holen ist. Eine Esche, eine Elsbeere, schwarzen Holunder und viele andere sind seither neu in dem Waldstück.

"Die Auswahl muss heterogen sein, weil man nicht weiß, was in 20 Jahren noch wachsen kann." Und zwar aufgrund des Klimawandels und der stetig steigenden Temperaturen. "Da mache ich mir wirklich große Sorgen", sagt Oliver Seth. Er erwartet, dass es immer wärmer wird. So mancher heimische Baum könnte bei großer Trockenheit nicht mehr überleben. Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, also etwa 1850, ist die Durchschnittstemperatur laut Seth bereits um 1,2 Grad gestiegen. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts würden es laut Vorhersagen 1,5 Grad werden. Und im Jahr 2100 wären es nach Schätzungen von Klimaforschern 4,8 Grad Unterschied zu 1850.

Artenschutz: Oliver Seth besitzt vier Bienenstöcke und einen eigenen Wald, in dem er bienenfreundliche Bäume hält.

Oliver Seth besitzt vier Bienenstöcke und einen eigenen Wald, in dem er bienenfreundliche Bäume hält.

(Foto: Claus Schunk)

Wie die App funktioniert, führt Seth beim Besuch in seinem Wald vor, der übrigens auch einen Gemeinschaftsgarten beinhaltet. Ein Zweig voller gelber, schön blühender Blüten ist zu sehen. Seth fotografiert die Blüten mit seinem Smartphone, nach ein paar Klicks wird sie von der App identifiziert als Forsythie. Im zweiten Schritt gibt er diesen Namen in die Suchmaske auf der Seite trachtfliessband.de ein. Ist es eine bienenfreundliche Blüte, wird sie dort angezeigt.

Bei der Forsythie passiert leider nichts. "Mit dieser können Bienen leider nichts anfangen", erklärt der Hobbyimker. "Sie enthalten weder Nektar noch Pollen." Trotzdem sei diese Blume für den Naturschutz sehr wichtig, denn es sei eine "Klimawandelanzeigerin": Laut einer Studie des Deutschen Wetterdienstes blüht sie immer früher, ein Beweis für den Temperaturanstieg, zumindest seiner Meinung nach, denn es gebe auch gegensätzliche Ansichten, räumt Seth ein.

Auf jeden Fall aber hoffen die Grünen, dass die App die Menschen im Landkreis inspiriert, "Blühlücken" zu schließen. Dass Gartenbesitzer also darauf achten, für jede Jahreszeit ein Gewächs zu haben, das Bienen Nahrung bietet. In Straßlach selbst wird sich auch darum vermutlich bald ein Klimaschutzmanager kümmern. Gerade laufen die Bewerbungen für diese neue Stelle in der Gemeinde. Sicher wird der Auserwählte dem Imker und Waldbesitzer Seth dann bald einen Besuch bei seinen Bienen abstatten.

© SZ vom 23.04.2021/belo
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