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Anonyme Alkoholiker in Garching:Saufen, nüchtern betrachtet

Whiskey-Trinker

Willy ließ sich lange nichts sagen, der Arzt lehnte eine weitere Behandlung ab. Doch als Willy in einer Fernsehsendung hörte, wie viel jeder Deutsche im Jahr trinkt, griff er spontan zum Telefonhörer und rief bei einer Selbsthilfegruppe an.

(Foto: dpa)

Seit 25 Jahren trifft sich die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker in Garching. Viele Teilnehmer sind seit den Anfängen dabei. So wie Sepp, dem der Arzt einst nur noch wenige Monate gab. Heute ist er 90 und hat immer noch Angst davor, rückfällig zu werden.

Von Marie Ludwig, Garching

Mit 50 hat Sepp aufgehört zu trinken. "Sie haben nur noch ein Vierteljahr zu leben", hatte der Arzt ihm nach einem Zusammenbruch prophezeit. 30 Jahre Alkoholsucht. Dann sechs Wochen Krankenhaus. Sepp trank trotzdem weiter. Doch nach dem Vierteljahr lebte Sepp immer noch.

Dann kam die Kehrtwende: "Ich ging zu den Anonymen Alkoholikern!" Sie treffen sich jeden Sonntag um 19 Uhr: Die Anonymen. Die AAs. Im Keller der Stadtbibliothek in Garching zwischen DVDs und Bücherregalen sprechen sie jede Woche über ihr Problem. Erzählen ihre Geschichten. Geschichten von einem Leben mit der Alkoholsucht.

Sie hören einander zu - ohne Kommentar

Mal sind sie 20; mal mehr. Sie lauschen kommentarlos den Geschichten der anderen. Auf dem Tisch in ihrer Mitte erinnert ein Schild an die wichtigste Regel: "Wen du hier siehst, was du hier hörst, wenn du gehst, behalt's für dich." Doch heute, heute wollen Sepp, Christian, Isabella, Anette, Peter und Willy, die voneinander alle nur den Vornamen kennen, nicht schweigen. Heute feiern sie das 25-jährige Bestehen der Gruppe in Garching. Heute wollen sie den Leuten da draußen - außerhalb der Mauern der Bibliothek - ihre ganz eigenen Geschichten erzählen.

"Ein Arbeitskollege hat mich und meine Frau zu einer Sitzung der Anonymen Alkoholiker in Freising mitgenommen", erzählt Sepp. Damals habe es die Gruppe in Garching noch nicht gegeben. Doch nicht nur der weite Weg nach Freising war für Sepp zunächst ein Hindernis: "Ich wollte mein Problem erst nicht wahrhaben", sagt er, das furchige Gesicht zu einem Lächeln verzogen. Ein kurzer Blick zu seiner Frau Isabella. Sie nickt. "Ich bekam den Rat: Geh' mit in die Gruppe, denn du machst auch Fehler", sagt sie. Isabella hat die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz hochgezogen. "Ich und Fehler?, dachte ich damals - Quatsch! Aber mitgefahren bin ich trotzdem."

Jede Dorfkneipe an der Straße war eine Versuchung

Sie fuhren den Weg nach Freising über Land: "Viele Ortschaften. Viele Wirtschaften", sagt Isabella. Sie war damals Sepps Wachhund; hat aufgepasst, dass er nicht auf halbem Weg an irgendeiner Dorfkneipe schwach wurde. "Wir haben das zusammen geschafft. Es war gut so", sagt Sepp, heute mit 90 Jahren. "Ich war dabei, mich tot zu saufen."

Mit Alkoholismus haben viele Menschen weltweit zu kämpfen. Allein in Deutschland gibt es über 2100 anonyme Treffs. Wolfgang Laske ist Geschäftsführer der Anonymen Alkoholiker Deutschland. "Ich bin auch Alkoholiker", sagt Laske über sich selbst. Inzwischen ist er seit 25 Jahren trocken. In seiner Zeit als Alkoholiker war er selbst sechs Wochen in der Haarer Entziehungsklinik. Dort sei er auch das erste Mal den Anonymen Alkoholikern begegnet. "Damals dachte ich, ich schaffe es allein", erzählt er.

Er dachte: Das schaffe ich selbst. Dann kam der Rückfall

Zehn Monate später kam der erste Rückfall. Zwei Jahre habe er weiter getrunken. Dann erst ist er in die erste AA-Gruppe gegangen. Sepp habe er in vielen Treffs rund um München getroffen. "In Bayern gibt es viele Gruppen, die mit unseren Schritten arbeiten", erzählt Laske. Mit Schritten meint er das Zwölfe-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker. Zwölf Sätze, die dem Alkoholiker bei der Genesung helfen sollen.

Eröffnungsabend beim 9. fsff; 9. Fünf Seen Film Festival

Ein Glas Sekt? Bei gesellschaftlichen Anlässen gehört Alkohol dazu. Da ist es für trockene Alkoholiker besonders schwer, standhaft zu bleiben.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

"Alkohol säuft man. Man trinkt ihn nicht", sagt Christian. Er hat das ganze Rosa-Brillen-Gehabe über die Sauferei satt: "Trinken wir noch ein Sektchen? Nur noch einen Kleinen!" Christian hat die Stimme zu einer süßlichen Frauenstimme angehoben; fährt sich mit den Fingern durch die grauen Haare und über den Bauch. "Diese ganzen Floskeln rund ums Trinken sind Verharmlosung", sagt Christian ernst. In der Sprache müsse sich dringend etwas ändern. Doch Groll hegt Christian nicht gegen die, die den Alkohol trinken. "Ich bin kein Anti-Alkoholiker. Ich habe die Entscheidung nur für mich getroffen - allen anderen nehme ich das nicht übel", sagt er.

Doch im Restaurant, da ärgert er sich Christian manchmal: "Ist da Alkohol drin?", fragt er laut in die Runde. Zustimmendes Raunen aus der Gruppe. Die Situation kennen sie alle. Rotweinsauce. Schwarzwälder Kirsch. Amaretto-Kekse. Der Alkohol verstecke sich in so vielen Gerichten. Für einen trockenen Alkoholiker ein ausgewachsenes Problem: "Es ist ganz egal, wie viel Alkohol drin ist oder auch nur war - jeder Tropfen kann den Rückfall bedeuten!" Christians Stirn ist ganz kraus. Ihm lief bei seinem letzen Rausch der Schnaps aus der Nase. Es war ein Delirium. Die wenigsten überleben das. "Ohne die anderen Anonymen hätte ich es nicht geschafft", sagt Christian.

Betroffen sind Menschen aus allen Schichten

Betroffen sind Menschen aus allen Schichten. Männer wie Frauen. Warum oft nur Ältere zu den Sitzungen kommen? Christian legt den Kopf in den Nacken. "Na ja, auch Jüngere haben Alkoholprobleme, aber nach 20 bis 30 Jahren gibt der Körper nach - erst dann reagieren die meisten", erklärt er. Das Schlimmste am Alkoholismus sei, "dass es eine Krankheit ist, die einem vorgaukelt, keine zu sein", sagt er.

Anette ist 46 und kennt das Alkoholproblem aus einer anderen Sichtwarte. Sie ist ein "Eka": ein erwachsenes Kind mit alkoholkranken Angehörigen. Auch sie geht regelmäßig zu den Anonymen Alkoholikern. "Als Kind ist man co-abhängig. Das eigene Leben dreht und kreist um den abhängigen Elternteil. Aber man selbst gerät auch in eine Rolle." Scham und Schuldgefühle haben Anette lange begleitet. Die Unmöglichkeit, über das Erlebte zu sprechen, machte es noch schlimmer: "Man versucht, es unter den Teppich zu kehren."

Es gibt einen Treff für Angehörige von Alkoholkranken

Doch das habe nicht funktioniert. Immer wieder kamen Situationen, in denen sie alles andere als normal reagierte; auch in eigenen Beziehungen: "Ich wusste, so kann das nicht weitergehen." Neben den Anonymen Treffs gibt es auch eigene Treffen für Ekas. Anette geht dort schon seit Jahren hin; hat sich endlich Dinge von der Seele reden können. Doch auch zu den Anonymen kommt sie regelmäßig: "Hier lerne ich, die andere Seite zu verstehen." In Garching können jeden zweiten Sonntag Angehörige und Interessierte in das offene Treffen kommen.

Anonyme Alkoholiker

Die Anonymen Alkoholiker (AA) sind eine Selbsthilfegruppe, in der Betroffene ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander teilen, um vom Alkoholismus zu genesen. Die Gemeinschaft wurde in den USA im Jahr 1935 von einem Arzt und einem Börsenmakler gegründet. Beide litten schwer unter der Krankheit Alkoholismus und setzten sich zum Ziel, das Problem in einer Gesprächsrunde anzugehen. Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Die Gemeinschaft kennt keine Mitgliedsbeiträge oder Gebühren, sie erhält sich durch eigene Spenden. Neben der Gruppe in Garching, die immer sonntags um 19 Uhr in der Stadtbibliothek zusammenkommt, gibt es auch weitere Gruppen im Landkreis: In Ottobrunn treffen sich die Anonymen Alkoholiker immer mittwochs um 19.30 Uhr im Kindergarten an der Hermann-Löns-Straße 31. In Ismaning haben Betroffene die Auswahl: Ein Treffen findet mittwochs um 19 Uhr im katholischen Pfarrzentrum am Kirchplatz 1 statt, eins samstags um 19 Uhr im evangelischen Gemeindezentrum an der Dr.-Schmidt-Straße 1. In Unterschleißheim kommen die Anonymen Alkoholiker freitags um 19 Uhr im Pfarrzentrum St. Ulrich im Klosterfeld 14 zusammen. In Höhenkirchen findet immer mittwochs von 19.30 Uhr an im Pfarrzentrum Mariä Geburt an der Schulstraße 11 ein Treffen statt. malu

"Ich war emotional komplett leer." 20 Jahre keine Gefühle. Jedenfalls nicht ohne den Einfluss von Alkohol. Peter erinnert sich noch gut daran, wie es war. Durch den Alkohol habe er sich stark gefühlt. Ohne ihn nicht: "Nüchtern saß ich heulend auf der Bettkante." Autoritäten habe er keine mehr anerkannt. "Auch meine Eheschließung hätte eigentlich für ungültig erklärt werden müssen", sagt Peter. Er sei einfach nicht bei sich gewesen. Die ersten Jahre seiner Ehe liefen nicht gut. "Wir dachten, mit Nachwuchs werde alles besser." Doch nichts wurde besser. "Sogar schlimmer."

Der Wendepunkt kam beim Fernsehen

Sie bekamen Zwillinge. Peters Frau war komplett überfordert. "Dreimal hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen." Dann kam der Wendepunkt. "Ich habe eine Sendung geschaut, in der gezeigt wurde: Das trinkt der Deutsche in einem Jahr." Noch während der Sendung habe er bei einer Hilfestelle angerufen. Zwei Fragen: "Hast du ein Problem mit dem Trinken? Ja. Möchtest du, dass es dir besser geht? Ja. Dann geh zu den Anonymen."

Beim ersten Treffen - Peter war damals Ende 30 - hat er sich nicht getraut, etwas zu sagen: "Ich hab mich in eine Ecke gesetzt und nur zugehört", erzählt er. Nicht wenige machen das so. Manche sogar über ein Jahr. "Meist platzt ganz plötzlich der Knoten", sagt Peter.

Willy schlief im Büro ein und flog damit auf

"Man muss sich emotional darauf einlassen", erklärt Willy. Anders funktioniere das hier nicht. "Ich war früher Spiegeltrinker", sagt er. Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Immer auf einem Alkoholspiegel. Doch dann sei er am Schreibtisch eingeschlafen: "Meine Kollegen haben sich die Nase an der Scheibe vor meinem Büro platt gedrückt." Willy war aufgeflogen. Sein Chef drohte ihm mit dem Rauswurf. Willy ging zum Arzt. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Beim siebten Mal sagte der Arzt zu ihm, er solle nicht wieder kommen: "Sie wollen sich nicht helfen lassen", habe er gesagt und Willy nur noch den Kontakt zu den Anonymen Alkoholikern in die Hand gedrückt: "Vielleicht können die noch etwas für Sie tun!" Willy stößt schnaubend die Luft aus. "Am Anfang, da wollte ich nur hören: Wie schaffe ich es, kultiviert zu trinken?", sagt er. Doch bei den Anonymen bekam er solche Ratschläge nicht. Ganz. Oder gar nicht. "Ohne die Gruppe hätte ich das nicht geschafft", sagt er.

Nie wieder Alkohol. Um sich daran zu erinnern, geht Sepp bis zu acht Mal die Woche zu den Anonymen: "Wir haben hier so viele Gruppen - da kann ich jeden Tag gehen", sagt er. Auch Isabella begleitet ihn oft. "Heute mach' ich es für mich. Ich war genauso krank", sagt sie. Die Trunkenheit ihres Mannes hat sie über 30 Jahre miterlebt. "Ich hab ihm jedes Mal, wenn er nach Hause kam, einen Kuss gegeben", erzählt sie.

Doch nicht aus Zuneigung: "Ich kam ihm nur so nah, weil ich an ihm riechen wollte." Als dann die Diagnose vom Arzt kam, war sie nicht traurig: "Ich dachte: Was ein Vierteljahr? So lange noch?" Sie habe ihn damals nicht mehr geliebt. Sie habe sich sogar gewünscht, dass er endlich geht. Heute hat Isabella ihren Mann wieder gern: "Ich hoffe so sehr, dass er mindestens 100 wird."

Willy, Christian, Peter und Sepp haben seit ihrer ersten Sitzung bei den Anonymen nichts mehr getrunken. Jeden Sonntag um 19 Uhr treffen sie sich in der Garchinger Stadtbibliothek. Erzählen ihre Geschichten. Stärken und erinnern sich mit ihren Geschichten daran, nie mehr trinken zu wollen. Egal ob an Weihnachten, Neujahr oder Ostern - ausgefallen ist das Treffen noch nie.

© SZ vom 12.04.2016

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