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Kurzkritik:Ende vom Lied

Jazz-Sänger Jeff Cascaro im Bayerischen Hof

In Zeiten, in denen man nicht genau einschätzen kann, wo Vorsicht anfängt und Hysterie aufhört, schlägt der Assoziationsapparat eigenartige Kapriolen. Man sieht beispielsweise Jeff Cascaro und sein Quartett auf der Bühne des Night Clubs im Bayerischen Hof und im Hintergrund spult der Film der wackeren Kapelle ab, die noch im Angesicht des Untergangs des Ozeanriesen die hohe Kunst der gepflegten Unterhaltung kultiviert. Ein reißerischer Vergleich, natürlich, aber trotzdem ist es für mehrere Wochen eines der letzten Konzerte in diesen Räumen, denn der Club schließt von Montag (16.3.) bis Ende April seine Pforten.

Das Virus nimmt nicht mehr nur die großen Säle als Geisel, auch das kleine Publikum verliert inzwischen seine Vergnügungsräume. Für den Sänger und Trompeter Jeff Cascaro, ein Entertainer mit der Chuzpe der alten Schule, ist das jedoch kein Grund für Traurigkeit und schon gar kein Anlass, seine Musik einzubremsen. Im Gegenteil: Er packt seinen besten Ray Charles und Marvin Gaye aus, groovt mit bewährt swingender Gelassenheit, lehrt sein Publikum den sexy Soul Clap, mit dem es gegen die Einfalt leistungsethischer Wohlwollensbekundungen von Jazzkonzerten anklatschen kann.

Cascaro ist dabei ein überzeugend selbstbewusster Crooner mit kraftvollem Bariton und außerdem ein eloquent soulboppig improvisierender Trompeter, der bei seinem Programm aus Motown-, Stax- und Swingklassikern auf ein pointiert agierendes Team zurückgreifen kann. Roberto Di Gioias Klavier vereint jazzige Stilübersicht und clubgroovende Geläufigkeit, Christian von Kaphengsts Kontrabass fügt einen volltönenden Soul-Puls hinzu, Paul Hochstädters Schlagzeug klammert die Kompetenzen mit rhythmischer Präsenz. Es mögen herbe Zeiten auf das Clubwesen zukommen, Jeff Cascaro hat der Untergangsstimmung einstweilen die lange Nase gezeigt. Wäre ja noch schöner, sich gute Musik von schlechten Vibrations verderben zu lassen.

© SZ vom 12.03.2020

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