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Kunst:So kann sich jeder einen Warhol ins Wohnzimmer hängen - auf Zeit

Die Städtische Artothek im Rosental 16 in München.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In Bibliotheken kann man sich Bücher ausleihen. Und in der Artothek? Bekommt man Gemälde und Plastiken auf Zeit. Seit 30 Jahren bietet die Stadt diesen Service schon an.

Von Evelyn Vogel

Prolog: Der Geiger gehört jetzt mir. Jedenfalls für eine gewisse Zeit. Mein Vergnügen ihn zu betrachten - bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen und in verschiedenen Stimmungen - ist unendlich groß. "Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft. Mit ihrer Fähigkeit zu stimulieren ist sie in machtvoller Funktion", sagte Rupprecht Geiger über seine Kunst. Wie recht er doch hatte. Ich weiß, dass schon einige Menschen in der Artothek nachgefragt haben, wann er denn wieder zur Verfügung stehe. Aber sorry Leute, fürs erste gehört der Geiger mir. Und ich kann nicht versprechen, dass ich ihn vor Ablauf der Ausleihfrist zurückbringe.

Dass man in Bibliotheken Bücher ausleihen, sie mit nach Hause nehmen und in aller Ruhe lesen kann, ist bekannt. Dass man das gleiche aber auch mit Kunst tun kann, wissen nur wenige. Dabei gab es die Idee der Kunstausleihe schon im 19. Jahrhundert in den USA, bald auch in Deutschland. Durch die Ausleihe sollte jeder die Möglichkeit erhalten, Kunst in Ruhe zu Hause zu studieren. Der Bildungsauftrag stand im Vordergrund. Damals gehörten Buch- und Kunsthandel noch zusammen, und über die Distributionskanäle der Bücher wurde auch die Kunstausleihe organisiert. Im 20. Jahrhundert trennten sich beider Wege. Der eigenständige Kunstverleih begann, beispielsweise in Frankfurt und Berlin. Die Nationalsozialisten machten der zeitgenössischen Kunst auch hier den Garaus. Und es dauerte bis in die 1970er Jahre, bis in Berlin Reinickendorf und anderen Orten gleich mehrere Artotheken eröffneten.

Mittlerweile gibt es in Deutschland etwa 150 dieser öffentlichen Kunstausleihen. Die meisten sind städtisch organisiert und verlangen nur eine geringe Gebühr. Doch die öffentliche Hand zieht sich mehr und mehr zurück, es gibt eine Tendenz zur Public Privat Partnership, wie Johannes Stahl aus dem Vorstand des Artothekenverbands berichtet. Dieser kümmert sich bundesweit um die Kunstausleihen und bietet auch Fortbildung für Artothekare an. Die meisten Einrichtungen gibt es übrigens in Nordrhein-Westfalen. Die Münchner Artothek, die wie die in Bonn vor nunmehr 30 Jahren gegründet wurde, zählt bundesweit mit zu den größten.

Wer in München an den Schaufenstern am Rosental vorbeigeht, erkennt nicht sofort, was sich dahinter verbirgt. Das liegt zum auch daran, dass die Schaufenster des Stadtmuseums angrenzt und die Glasfront zudem den Blick in die Ausstellungsräume der Artothek frei gibt. Denn die Institution, die unter der Obhut des Kulturreferats agiert, ist nicht nur ein Bilderverleih, sondern auch eine Galerie. Regelmäßig wird hier zumeist jungen Münchner Künstlern eine Plattform geboten. Viele Werke der Artothek gehen auf Ausstellungen in den städtischen Kunsträumen zurück. Zu ihrem Auftrag gehört auch, durch Ankäufe die zeitgenössische Kunstlandschaft Münchens zu fördern. An die 2000 Exponate von mehr als 800 Künstlern stehen mittlerweile in der Sammlung zur Auswahl.

Christian Schubert mag vorwiegend abstrakte Kunst. Derzeit hat er aber eine Landschaft aus der Artothek ausgeliehen. "Ich habe sie dann verkehrt herum aufgehängt, das fand ich noch eindrücklicher und spannender", erzählt er. So viel Freiheit, mit der Kunst umzugehen, hat man eben nur zu Hause. Der 64 Jahre alte Pädagoge kam 1995 von Hamburg nach München und entdeckte alsbald die Artothek, die damals noch am Jakobsplatz war. "Ich fand die Idee mit der Ausleihe toll, aber es hat eine Weile gedauert, bis ich selbst Kunde wurde", erinnert er sich.

Neben Malerei, Grafik und Fotografie finden sich auch kleine Plastiken oder skulpturale Bildwerke in der Sammlung. Derzeit wird diskutiert, wie man der zunehmenden Präsenz von Medienkunst gerecht werden kann. Was in die Artothek gelangt, darüber entscheidet eine Ankaufskommission, bestehend aus Kulturpolitikern, Künstlern, Museumsleuten und Mitarbeitern der Artothek. Bei einem Jahresetat von nur circa 15 000 Euro reicht das für 15, vielleicht auch mal 20 Ankäufe im Jahr. Dass sich Schätze wie die Druckgrafik von Geiger oder ein Objekt mit einer von Andy Warhol handsignierten Campbell's Suppendose darunter befinden, geht auf frühe Erwerbungen, Schenkungen und ähnliche glückliche Umstände zurück.

Immer mehr Kunstinteressenten aus München und dem Umland leihen sich Werke auf Zeit aus. Kein Wunder, denn so günstig kommt man sonst nicht an zeitgenössische Kunst. Der Ausleihausweis kostet regulär fünf Euro, pro Kunstwerk muss man als Privatperson im Monat drei Euro bezahlen, bei gewerblicher Nutzung sind es sieben Euro. Viele Büros und Kanzleien sind Kunden.

Alix Stadtbäumer, die sich zusammen mit Johannes Muggenthaler um die Artothek kümmert, stellt und hängt wieder mal um. Das macht sie recht regelmäßig. Nicht nur, weil es ihr Spaß macht, dadurch selbst immer mal wieder verschiedene Arbeiten näher anzuschauen. Sie weiß auch, dass sie damit selbst langjährige Kunden, die den Bestand schon kennen, neugierig machen kann. Denn neben dem wenigen, was in Petersburger Hängung präsentiert werden kann, steht das meiste dicht an dich aneinander gelehnt. Elvira Vogt gehört zu den langjährigen Artothekkundinnen. Sie würde sich wünschen, "dass mal auf einen Schwung so richtig viel Neues dazu kommt". Alle paar Monate schaut sie vorbei, um für Wohnzimmer und Flur was anderes zu holen. Die meisten Arbeiten leiht sie für wenige Monate aus. "Natürlich habe ich aber ein paar Lieblingsstücke. Die behalte ich dann auch etwas länger", erzählt die 54 Jahre alte Übersetzerin, "oder ich hole sie mir immer wieder mal".

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