Kunst im öffentlichen Raum "Ich denke, wir haben mit dem Bild jetzt schon viele Leute entsetzt"

Tausende Flüchtlinge kamen in München an, die Stadt stehe aber gut da. In Medien und Politik werde vieles zu schwarz gemalt, finden die Künstler.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Unter der Brudermühlbrücke sind neue Graffiti zu sehen: München als Wunschtraum und München als Schreckensszenario. Was hat die Künstler dazu bewegt?

Interview von Franziska Schwarz

Zwischen zwei Pfeilern der Brudermühlbrücke sind zwei neue, flächendeckende Graffiti zu sehen: Auf der einen Seite München als Wunschtraum - auf der anderen Seite als Schreckensszenario: Eine Brücke ist kaputt, die Straßenbahn hängt schon halb in die Isar hinein. Der O2-Tower ist zerstört.

Die zwei Bilder gehören zusammen, sie wurden vom Sprayerkollektiv "Der Blaue Vogel" und zwei befreundeten Künstlern, Sckre und Frau Bath, angefertigt. Der Blaue Vogel, das sind die Künstler unter den Pseudonymen Sanz, Pyser, Kult und Zwist. Die letzteren drei, Benjamin Herzberg, 30, Robert Posselt, 34, und Samuel Feustel, 36, erklären, was sie zu diesem Graffito bewegt hat.

Graffiti in München

Zwei Welten unter der Brudermühlbrücke

SZ: Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Benjamin Herzberg: Die Grundthematik war die Flüchtlingssituation. Dass man den Leuten näherbringt, was passieren würde, wenn ihre eigene Heimat zerstört würde. Das ist die eine Seite. Die andere ist: Wie gehen die Menschen mit den Flüchtlingen und der aktuellen weltpolitischen Lage um? Die Leute haben Katastrophenszenarien ausgemalt. "Meine ganzen Sachen, mein ganzes Geld - und jetzt geben die das dafür aus, dass die aufgenommen werden."

Robert Posselt: Ja, es geht um Katastrophisierung in den Köpfen. Das Leid der Flüchtlinge gibt es, und die Leute sollten sich damit vernünftig auseinandersetzen und das kanalisieren. Wir sind nicht blauäugig und sagen: "Hey, die sollen alle herkommen!" Was wir mit unserem Graffiti aber darstellen wollen, ist: Wie ist es gerade tatsächlich? Und da sieht es für München gut aus. In den Köpfen der Leute, in den Medien, in der Politik, in der Werbung zum Teil auch, wird die Situation sehr schwarz gemalt. Und jetzt ist ja etwas Zeit vergangen. Und man muss sagen, die Leute sitzen immer noch auf ihrem Geld. Man muss ja nur mal durch die Straßen gehen und sich die Autos anschauen. Haben die jetzt alle nur noch einen Käfer, den sie fahren können? Nein.

Samuel Feustel: Ich denke, wir haben mit dem Bild jetzt schon viele Leute entsetzt - obwohl sie Nachrichten schauen. Weil das Bild halt München zeigt und sie sich dann einfach mehr damit beschäftigen.

Warum wählen Sie für diese Botschaft ein Graffiti?

Feustel: Die Leute, die zufällig unser Graffiti entdecken, die mit dem Hund spazieren gehen oder vorbeiradeln, denken vielleicht erst mal: "Ach du Scheiße." Und das ist auch, was wir bewirken wollen. Das Graffiti kommt zu den Leuten - und nicht andersherum.

Die Fläche für das Graffiti wurde Ihnen von der Stadt gestellt. Mussten Sie für Ihr Motiv kämpfen?

Herzberg: Politik ist im öffentlich geförderten Graffiti ja eher ein No-Go, da haben wir uns schon etwas aus dem Fenster gelehnt. Es gab an der Brudermühlbrücke aber schon Porträts von Angela Merkel und anderen Politikern. Wir selbst machen jetzt keine konkrete politische Aussage, sondern sagen nur: Das ist die eine Seite, das ist die andere Seite.

Und gibt es schon Resonanz auf Ihr Werk?

Herzberg: Wenn wir da stehen und malen, bleiben viele stehen, und wir kommen ins Gespräch. Am Wochenende hat mir ein Rentnerpaar gesagt: "Wir erinnern uns noch genau, wie das damals aussah." Das stimmt uns nachdenklich.

Subkultur in München München braucht mehr Mut zum Dreck

Subkultur

München braucht mehr Mut zum Dreck

Kulturkutter, ein riesiges Pop-up-Projekt, Elektro-Club im Deutschen Museum: Man könnte meinen, München kann plötzlich Subkultur. Aber die Stadt muss noch mehr tun.   Kommentar von Michael Bremmer