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Kulturpolitik:Auf Augenhöhe

Alleinherrscher war gestern, die Ära der Doppelspitzen ist angebrochen: Bayerns Kunstministerium zieht Konsequenzen aus den finanziellen Debakeln wichtiger Kulturinstitutionen im Freistaat

Von Susanne Hermanski

Das Haus der Kunst und das Deutsche Museum sind die jüngsten Beispiele. Bis vor kurzem herrschten in beiden Institutionen noch betont selbstbewusste Solisten. Jetzt stehen bei beiden Kulturtankern Führungsduos am Steuerrad. Jeweils ein Mann für die Kunst und einer fürs Geld - ein Kreativer also und einer, der auf der Kriegskasse hockt. In beiden Fällen war der Entscheidung des Kunst- und Wissenschaftsministeriums, Doppelspitzen einzusetzen, ein Finanzdebakel vorausgegangen - wenn auch aus unterschiedlichen Ursachen und in verschiedenen Größenordnungen. Stets jedoch war sie verbunden mit Ärger für die politisch Verantwortlichen. Dem will das Kunst- und Wissenschaftsministerium in Zukunft vorgreifen.

Das Haus der Kunst hatte unter Okwui Enwezor in der internationalen Kunstszene zwar viel beachtete Ausstellungen zu bieten, trotzdem war deren Finanzierung aus dem Ruder gelaufen. Das Haus stand unmittelbar vor dem Konkurs. Eine Finanzspritze des Freistaats im einstelligen Millionenbereich und die ordnende Hand des dann auch schon zweiten Interimgeschäftsführers Bernhard Spies haben die Lage bereinigt. Das Deutsche Museum dagegen hatte keine Probleme mit seinem laufenden Ausstellungsgeschäft, dort uferten vielmehr massiv die Sanierungskosten aus. Und wohl das Schlimmste daran: das Controlling vermisste dabei ernsthaft belastbare Kalkulationen. Im vergangenen Jahr mussten Freistaat und Bund je 150 weitere, bisher nicht budgetierte Millionen Euro für den Bau auf der Museumsinsel in der Isar freigeben.

Andrea Lissoni und Wolfgang Orthmayr, 2020
Foto: Maximilian Geuter

Mit Sinn für Humor begegnen sich Andrea Lissoni, der Künstlerische Direktor, und Wolfgang Orthmayr, der Kaufmännische Direktor des Hauses der Kunst. Die beiden Männer haben vor wenigen Wochen die Arbeit dort aufgenommen. Der Lockdown war gleich ihre erste große Herausforderung.

(Foto: Maximilian Geuter)

Der Minister, Bernd Sibler, will künftig offenbar nicht mehr warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Ihm sei es ein Anliegen, die Führungsriege an allen staatlichen kulturellen Einrichtungen Bayerns "zukunftsfest aufzustellen", sagt er. Dafür müssten die Verwaltungsstrukturen "gestärkt" und die künstlerischen Leitungen unterstützt werden. Die Reform diene vor allem dazu, den künstlerischen Leitern mehr Konzentration auf ihre eigentliche Arbeit zu ermöglichen.

Im Haus der Kunst haben sich in diesem Sinne jüngst Andrea Lissoni, Kurator mit Sinn für Poesie, und Wolfgang Orthmayr, Manager mit Erfahrung im nicht gerade zimperlichen Musik-Business, als gut gelauntes Führungsgespann präsentiert. Beide sind mit dem Corona-bedingten Lockdown ins Amt gekommen. Welche finanziellen Herausforderungen mit dieser Krise etwa für international agierende Kunstmuseen einhergehen, hat Orthmayr bereits umrissen: Aufs Achtfache waren die Transportkosten für Kunst zeitweise gestiegen. Die Einnahmen aus Eintritten haben sich geviertelt.

An diesem Montag tritt nun Henrik Häcker im Deutschen Museum als "Generalbevollmächtigter Haushalt" an die Seite von Wolfgang Heckl. Heckl war seit 2004 "Generaldirektor" des Deutschen Museums und damit Herr aller Dampfloks nebst 94000 weiterer Objekte, und sämtlicher Blitze in der Physikabteilung, nicht zu vergessen. Ob es jetzt donnert, bleibt abzuwarten. Häcker sollte zunächst erst im Oktober seine neue Stelle antreten, doch offenbar konnte er sich schon etwas früher von der für ihre Rock-Veranstaltungen bekannten König-Pilsner-Arena in Oberhausen loseisen. Dort war der Manager seit 2017 als Geschäftsführer tätig. Dass er wie Orthmayr Erfahrungen aus dem Musikgeschäft mitbringt, dürfte unterdessen reiner Zufall sein. Häcker war zuvor vor allem für Messen, etwa in Stuttgart und Salzburg verantwortlich.

Aktuell ausgeschrieben ist noch eine andere Stelle, an einem neuralgischen Punkt in Bayerns Kulturzirkus Maximus: bei den Bayreuther Festspielen. Holger von Berg, der seit 2016 Geschäftsführender Direktor der Festspiele war, hatte im Mai überraschend seinen Abschied aus dem Amt verkündet. Unmittelbar nachdem Katharina Wagner bekannt gegeben hatte, dass sie aus gesundheitlichen Gründen ihr Amt als künstlerische Leiterin für einige Zeit würde ruhen lassen. Die Urenkelin des Komponisten Richard Wagner steht seit 2008 an der Spitze der Wagner-Festspiele, seit 2015 ohne ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier. Beiden war schon 2013 ein Kaufmann an die Seite gestellt worden. Das war damals Dieter Sense, Bergs Vorgänger, der auch jetzt wieder einspringt - in seinem 80. Lebensjahr. Katharina Wagner hat unterdessen in dieser Woche über die Festspielhausverwaltung angekündigt, im Herbst wieder auf den Grünen Hügel zurückkehren zu wollen. Inwieweit die Geschäftsführer-Frage damit verknüpft ist, bleibt dahingestellt.

Klar ist aber: Wann immer bei einer Kulturinstitution des Freistaats nachhaltig Dissens herrscht zwischen einer gleichberechtigten Intendanz und Geschäftsführender Direktion, wird das Ministerium eingeschaltet - oder ein Stiftungsrat, dem in der Regel wiederum der Minister vorsitzt. Und es steht zu erwarten, dass eine entsprechende Neuordnung der Verhältnisse in der nächsten Zeit auch noch andere Institutionen trifft, deren Direktoren bisher noch in Personalunion entscheiden - künstlerisch wie wirtschaftlich. Das dürfte nicht immer so frohgemut vonstatten gehen wie aktuell im Haus der Kunst.

© SZ vom 18.07.2020

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