Kriminalfall Rätsel um Skulptur gelöst: Sonnengott wieder aufgetaucht

Seit Donnerstag wieder daheim an der Schrobenhausener Straße: der liegende "Sonnengott".

(Foto: Robert Haas)

Ein Galerist bietet eine Skulptur des Bildhauers Seff Weidl an, plötzlich kommt die Polizei: Die Figur ist aus einer Schule geklaut worden.

Von Sabine Reithmaier

Christoph Dürr wirkt immer noch ein bisschen erstaunt. In seinem langen Leben als Galerist habe ihn noch nie sein Gespür so verlassen, wie im Falle jener Skulptur des Bildhauers Seff Weidl, die er im vergangenen Herbst kaufte. Der liegende "Sonnengott" war nämlich gestohlen, entwendet aus der Grundschule an der Schrobenhausener Straße. "Ich hatte einfach das Gefühl, ich muss die Figur retten", sagt der 83-jährige Dürr.

Der Galerist kennt sich mit Weidl-Werken aus. Vor drei Jahren, anlässlich des 100. Geburtstags des Bildhauers und Grafikers, veranstaltete er eine Ausstellung. Die Retrospektive würdigte einen Mann, der einst ein international gefragter Künstler war. Mit seinen reduzierten Grafiken und den wuchtigen Plastiken machte der in Eger geborene Bildhauer als einer der ersten deutschen Nachkriegskünstler Karriere in den USA. In der Ausstellungsbesprechung der Süddeutschen Zeitung wurde die gestohlene Skulptur sogar erwähnt. "In München gibt es 16 Weidl-Werke im öffentlichen Raum, darunter einige Mosaike ... oder der drei Meter lange Wisent im Siemens-Sportpark oder einen Sonnengott an der Schule an der Schrobenhausener Straße", hieß es dort.

Kunst Groß, bunt und selfietauglich Bilder
"Mastaba" im Hyde Park

Groß, bunt und selfietauglich

Im Londoner Hyde Park präsentiert Verhüllungskünstler Christo seine jüngste Arbeit - eine Art Pyramide aus 7605 Ölfässern. Nicht nur Enten wundern sich über die "Mastaba".   Von Alexander Menden

Der aktuelle Kriminalfall nahm im Oktober 2017 seinen Lauf. Da rief ein Antiquitätenhändler bei Dürr an und erzählte, ihm sei eine Großplastik Weidls zum Schrottpreis angeboten worden. Angeblich sei die Figur in Grünwald gestanden, dort müsse sie aber weg, weil gebaut würde. Sollte der Händler kein Interesse haben, würde man sie einfach verschrotten. Dürr war alarmiert. Weidls Werke sind auf dem Kunstmarkt derzeit nicht nachgefragt, für Schrott dagegen wird viel gezahlt. Er entschied, die Figur zu retten, der Verkäufer verlangte nur 1200 Euro. Der Händler vollzog den Deal, die Skulptur landete bei Dürr. Er stellte sie als "Liegende Frau" ins Internet und bot sie zum Verkauf an. Dass der "Sonnengott" in einem seiner Weidl-Kataloge verzeichnet ist, entging ihm.

Dürr verständigte auch den Sohn des Bildhauers, Peter Weidl, der sich um den Nachlass des Vaters kümmert. Der dachte sofort an den "Sonnengott". Er hatte die Figur selbst nie gesehen, dafür aber das kleine Modell, das sein Vater in den Fünfzigerjahren gefertigt hatte. Und er erinnert sich noch daran, dass der "Sonnengott" abstrakter gestaltet werden musste, als im Modell vorgesehen. "Die große Figur musste quasi geschlechtslos werden, schließlich wurde sie in einer Grundschule aufgestellt." Weidl rief in der Schule an und erwischte dort den Hausmeister, der ihm riet, sich an das Baureferat der Stadt zu wenden. Denn man habe wegen Baumaßnahmen keinen Zugang zu dem Bereich, in dem sich die Skulptur befinde. Im Baureferat wusste man laut Weidl zunächst auch nichts, im Protokoll einer Begehung vor Beginn des Umbaus fand sich kein Hinweis auf die Figur. "Daraus schließe ich, dass sie schon vorher weg war", sagt Weidl.

Das verneint Grundschulrektorin Petra Ebert, der der SZ-Artikel von 2015 erst ins Gedächtnis gerufen hatte, dass ihre Schule eine Seff-Weidl-Plastik besitzt. Der "Sonnengott" sei bis zum Beginn der umfangreichen Bau- und Erweiterungsarbeiten im September 2017 in einem Innenhof gelegen, berichtet auch Ulrich Dendorfer, der Rektor der Mittelschule, die sich den Gebäudekomplex mit der Grundschule teilt. Dendorfer ist dort auch für die Kunst am Bau zuständig. Da der Teil, in dem sich die Skulptur befand, abgerissen werden sollte, habe man sie an die Grenze des Bauzauns verlagert, sagt er. Dort sei der "Sonnengott" von der Straße aus sichtbar gewesen. Wann genau er verschwunden ist, wisse man nicht.

Ebert jedenfalls war erstaunt, als der Hausmeister nach dem Anruf Peter Weidls googelte und die Figur auf der Internetseite der Galerie entdeckte. "Plötzlich hieß sie anders." Ulrich Dendorfer marschierte mit dem Internetbild zur Polizei und erstattete am 14. November Anzeige - auch wegen eines anderen Kunstwerks, zweier Bronze-Enten von Ludwig Deller, die ebenfalls verschwunden und bis heute nicht mehr aufgetaucht sind. Die Kripo meldete sich zwei Tage später bei Dürr und teilte ihm die Hiobsbotschaft mit. Inzwischen, sagt Dürr, habe sie denjenigen auch gefunden, der die Figur vermutlich gestohlen hat. Er wartet jetzt auf seinen Prozess.

Dürr entschied, die Figur zurückzugeben. Am Donnerstag hat sie eine Spedition in der Galerie abgeholt und in die Schule gebracht. Dort zieht der "Sonnengott" nun in einen anderen Innenhof, direkt vor dem Rektorat der Mittelschule, gut bewacht von Bienen. Und vielleicht bald mit ein wenig mehr Aufmerksamkeit betrachtet als bisher.

Kunst "Ein geradezu beglückender Anblick"

Fritz-Koenig-Retrospektive in Florenz

"Ein geradezu beglückender Anblick"

Eicke Schmidt, Direktor der Uffizien in Florenz, erläutert, warum der Bildhauer Fritz Koenig eine Retrospektive verdient.   Von Thomas Steinfeld