"Mastaba" im Hyde Park Groß, bunt und selfietauglich

Als hätte er mit Lego gespielt: Christo vor seiner "Mastaba".

(Foto: Niklas Halle'n/AFP)

Im Londoner Hyde Park präsentiert Verhüllungskünstler Christo seine jüngste Arbeit - eine Art Pyramide aus 7605 Ölfässern. Nicht nur Enten wundern sich über die "Mastaba".

Von Alexander Menden, London

Müsste man sich an diesem frühsommerlichen Londoner Vormittag nicht als Kunst- sondern als Wasservogel-Interpret versuchen, würde man den Ausdruck der Gänse, die auf der Serpentine herumpaddeln, wohl "verwirrt" nennen. Verständlich wäre das allemal: Auf dem lang gestreckten künstlichen See ist eine gigantische Struktur aufgetaucht, die sich nicht nur weit über den kleinen Schwimmpavillon am Ufer erhebt, sondern auch über die Baumkronen des umgebenden Hyde Park.

Zwanzig Meter hoch und mit einer Sockelfläche von dreißig mal vierzig Metern glänzt der Koloss in den Londoner Sonnenstrahlen auf, die bisweilen durch die Wolken brechen. Die rot, violett und blau lackierten Deckel der eigens hergestellten, horizontal aufgeschichteten Ölfässer - insgesamt 7506 Stück - aus denen er konstruiert ist, erwecken den Eindruck, ein Riesenkind habe das Dach seines Legohauses ins Wasser fallen lassen. Getragen wird das Ganze von einer Schicht Polyethylen-Würfel, die wiederum an 32 Ankern festgemacht sind.

Christos "Mastaba" schwimmt im Hyde Park

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"Mastaba" heißt die jüngste Arbeit des Verpackungs- und Stoffbahnenkünstlers Christo. Mit 83 Jahren hat der gebürtige Bulgare in London eine Idee umgesetzt, mit der er und seine 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude jahrzehntelang schwanger gingen. Bereits in den späten Fünfzigerjahren hatten sie Dosen und Fässer als preiswertes, wiederverwertbares Material entdeckt. Die Mastaba, ein altägyptischer, sich nach oben verjüngender Grabbau mit rechteckiger Grundfläche, je zwei vertikalen und zwei schrägen Wänden sowie einem abgeflachten Dach, hatte es ihnen als Form ebenfalls schon früh angetan. Christo selbst interessiert der Grabbezug übrigens nicht, für ihn bedeutet "Mastaba" einfach nur Bank, eine Sitzgelegenheit, wie sie in Mesopotamien gebräuchlich war, und wie sie heute noch die Beduinen benutzen.

Der erste Entwurf für ein solches Projekt, das auf dem Lake Michigan schwimmen sollte, stammt von 1968. Im Laufe der Zeit gab es immer neue Anläufe. Das zeigt die Ausstellung in der Serpentine Gallery, die das Projekt mit ausrichtet. Es wurden unter anderem Fässerstapel für die University of Pennsylvania, das Institute of Contemporary Art in Philadelphia, die Fondation Maeght im französischen St Paul de Vence und das niederländische Kröller-Müller Museum erdacht. Sie alle variierten in Höhe und Umfang. Der bisher größte Entwurf sollte 1977 in einer Oase südlich von Abu Dhabi entstehen; er hätte aus mehr als 400 000 Fässern bestanden und wäre fünfmal so hoch gewesen wie die nun realisierte Londoner Version.

Vor der Eröffnung umkurvt der Künstler gemeinsam mit Serpentine-Kurator Hans Ulrich Obrist und dem amerikanischen Milliardär Michael Bloomberg noch rasch auf einer kleinen Barkasse das Objekt; die Gänse schwimmen mittlerweile in sicherem Abstand herum. Bloombergs gemeinnützige Stiftung "Bloomberg Philanthropies" ist am Mastaba-Projekt beteiligt, und der ehemalige New Yorker Bürgermeister betont in seiner Rede, dass es ohne die Unterstützung des Londoner Bürgermeisters Sadiq Khan niemals zustande gekommen wäre. Das ist keine leere Formel, öffentliche Projekte in den Londoner Parks sind nicht leicht umzusetzen, die Genehmigungshürden sind hoch. Aber, und auch darauf weist Bloomberg zu Recht hin, erfahrungsgemäß holt man sich mit einem Christo-Kunstwerk auch viele zusätzliche Besucher in die Stadt. Er prognostiziert touristische Gesamteinnahmen von rund 150 Millionen Pfund.

Der Massenappeal der Mastaba - groß, bunt, selfietauglich - ist auf jeden Fall abzusehen. Anders als etwa die Floating Piers, die Christo zuletzt in den Lago d'Iseo baute, ist sie zwar nicht begehbar, dafür aber als landschaftliche Intervention absolut unübersehbar. Sie mit Sinn zu füllen, wenn man über ihre reine Dinglichkeit hinaus einen benötigt, ist - darin dem Mienenspiel der Hyde-Park-Gänse ähnlich - ganz dem Betrachter überlassen. Christo selbst steht schließlich in einer braunen Funktionsjacke und mit wehendem weißem Haarschopf am Ufer der Serpentine und nimmt jeder potenziellen Frage nach der Bedeutung seiner Mastaba auf die charmantestmögliche Art den Wind aus den Segeln: "Jede Interpretation ist legitim, positiv oder kritisch. Es soll zum Denken anregen. Das Denken macht uns zu Menschen!" Bis zum 23. September wird der Denkanstoß nun in der Serpentine schwimmen.

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