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Konzert:Summers Sternstunde

Drei Soloabende von Pianistinnen im Schwere Reiter

Von Oliver Hochkeppel

Es klang harmlos, wie Johanna Summer bei ihrem Konzert im Schwere Reiter in ihr Schumann-Jazzprojekt einführte: Sie habe immer zwei Stücke aus dem "Album für die Jugend" und den "Kinderszenen" zusammengespannt, "um eine größere Geschichte zu erzählen." Ein gewaltiges Understatement. Denn aus Schumanns Miniaturen machte Summer 20-minütige Großwerke. Mit dem gebotenen Respekt vor den Vorlagen, ja mit hörbarer Liebe zu ihnen entwickelte die 25-Jährige mit überwältigender Kreativität aus dem Augenblick heraus eigene Klangwelten. Wie sie da aus dem Bekannten etwas Neues machte, demonstrierte so anschaulich wie selten, was den Geist der Freiheit ausmacht, den man gemeinhin Jazz nennt.

Summer nutzte für ihre Schumann-Variationen oder besser -Fantasien die ganze Palette, die der musikalische Werkzeugkasten zur Verfügung stellt. Das Wechselspiel mit Harmonien, Tempi, Rhythmen, Farben, Lautstärken, Steigerungen, Pausen, Intervallen, Mono- und Polyphonie. Nie erzwungen, stets sich natürlich aus dem Spielfluss entwickelnd und zur Struktur passend. Gerade bei den grandiosen Überleitungen und Auflösungen ging einem das Herz auf, wenn sich aus dem freien Spiel wieder Schumanns Motive herausschälten und umgekehrt. So vollkommen versank Summer in diesem Gedankenfluss, dass sie ungeplant den "Ritter vom Steckenpferd" und den "Ersten Verlust" neu verkoppelte. Einfach, weil es sich im Moment richtig anfühlte. Über diese Langstrecken nie die Spannung zu verlieren, sich nicht in alte Muster oder Manierismen zu flüchten, ist eine hohe Kunst, an der schon große Jazzpianisten gescheitert sind. Zum Höhepunkt wurde die "Träumerei", der Summer eine geradezu bedrohliche Note verlieh und weit aus der Romantik herausholte. Ein Triumph der Musik jenseits jeder Genre-Zuweisungen.

Summers Sternstunde war freilich nur eine von drei. Die Solo-Pianistinnen-Abende hatte Lokalmatadorin Masako Ohta am Donnerstag eröffnet. Seit Jahren nicht zuletzt durch ihre Vielseitigkeit bekannt, bezauberte sie hier mit ausschließlich japanischen Klavierkompositionen aus vier Jahrhunderten. Und zum Abschluss gab es eine weitere begeisternde Talentprobe. Die junge Haruka Ebina bewältigte nicht nur alle pianistischen Herausforderungen, die die Neue Musik bereit hält. Herausragend war schon ihre Programm-Auswahl, die einen so perfekten Bogen von Claude Debussy und György Ligeti über Alice Ho und Stockhausen bis zu Isang Yun und Messiaen schlug, dass die disparaten Stücke fast ineinander überzugehen schienen. Auch weil Ebina für jedes einen eigenen Rhythmus und Ausdruck fand. Drei Abende, die einen spüren ließen, was man monatelang vermisst hat.

© SZ vom 06.07.2020

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