Konzert Singen und wischen, seufzen und zischen

Andrea Friedhofen bereitet in kurzer Zeit 16 Kinder der Wichern-Schule auf ein Konzert vor, das noch am selben Abend auf die Bühne kommt. Die Musikpädagogin will bei den Drittklässlern nicht nur die Begeisterung für Musik, sondern auch Kreativität und Teamgeist wecken

Von Patrik Stäbler, Hasenbergl

Der Pirat Kalle hat seinen Besuch angekündigt, und für ihn wollen die Windgeister ihr Schloss herausputzen - zu den Klängen von Brahms, versteht sich. Während von Klavier und Geige der Ungarische Tanz des Komponisten erklingt, wirbeln 16 Kinder der Wichern-Schule am gleichnamigen Förderzentrum des Vereins Diakonie Hasenbergl bunte Tücher durch die Luft. Die Drittklässler sind in die Rolle der Geister geschlüpft, und putzen mit den Tüchern ihr Schloss, während sie passend zur Melodie im Chor singen: "Wischen, Wischen, Wischen, bis es tropft."

Kinder des Wichern-Zentrums entwickelten gemeinsam mit Musikern und Studenten ein ungewöhnliches Konzert.

(Foto: Robert Haas)

Inmitten der Kinder singt und wischt auch Andrea Friedhofen. Sie ist Professorin für Elementare Musikpädagogik am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg und bereitet die Drittklässler hier im Stadtteilkultur 2411 auf ein Konzert vor. Zu diesem sind deren Eltern und die Bewohner der Nachbarschaft eingeladen, und der Clou daran ist: Das Konzert findet noch am selben Abend statt - einzige Vorbereitung ist ein neunzigminütiger Workshop. "Natürlich klingt das erst mal ambitioniert", sagt Andrea Friedhofen. "Aber es geht hier ja um ein Konzert auf einer sehr elementaren Ebene." Oder anders ausgedrückt: "Um Musik zu erleben, müssen sich Kinder nicht gleich Mozart oder Brahms vornehmen", so Friedhofen.

Professorin Andrea Friedhofen gab Anweisungen.

(Foto: Robert Haas)

Und so führen die Professorin, der Profi-Pianist Markus Kreul und ein halbes Dutzend Musiktherapie-Studenten die Schüler zu Beginn erst mal in die Hintergrundgeschichte ein. Sie dreht sich um Windgeister, die um Mitternacht eine Party im Schloss feiern. Diese Story haben Friedhofen und ihre Studenten im Vorfeld speziell für die Wichern-Schüler ersonnen. "Sie ist der rote Faden und dient als Motivation", sagt die Professorin. Ziel sei es zum einen, die Drittklässler für Musik zu begeistern und Hemmschwellen abzubauen, "sodass sie vielleicht später auch mal ein Konzert besuchen wollen", sagt Friedhofen. Zum anderen sollen die Kinder bei der Vorbereitung auf das Improvisationskonzert aktiv werden und kreativ arbeiten - auch miteinander.

Die Schüler wurden in drei Gruppen aufgeteilt. In der ersten erzeugten sie unterschiedliche Klänge.

(Foto: Robert Haas)

Wie das aussieht, zeigt sich, nachdem die Schüler in drei Gruppen aufgeteilt wurden. In der ersten lernen die Kinder, mittels bunter Plastikröhren, den Boomwhackers, verschiedene Klänge zu erzeugen; diese werden im Konzert als Hintergrundgeräusche dienen, etwa wenn im Verlies an den Gitterstäben gerüttelt wird. Derweil ist die zweite Gruppe für den Schauergesang der Geister verantwortlich. Um diesen einzustudieren, heulen die Drittklässler im Chor, wobei stets ein Kind den Dirigenten gibt. Den Anfang darf Leonidas machen, der seinen Klassenkameraden mit Handzeichen die Tonhöhe vorgibt - und dabei bis über beide Ohren strahlt. Auch in der dritten Gruppe, die auf afrikanischen Djemben eine rhythmische Trommel-Begleitung einübt, ist wenig davon zu merken, dass "viele hier große Probleme mit der Konzentration haben", wie es Friedhofen formuliert. Schließlich richtet sich die Wichern-Schule an Kinder mit einem erhöhten Förderbedarf.

Doch in den Kleingruppen sind die Schüler sehr ruhig und bei der Sache. Einige scheinen sogar völlig einzutauchen in die Geschichte und die Welt der Klänge, sodass sie alles um sich herum vergessen - nicht nur im Workshop, sondern auch abends beim Konzert vor 70 Besuchern. "Die Kinder waren total begeistert von dem Tag", sagt Simone Rudroff vom Verein Diakonie Hasenbergl. "Viele wollten am Ende gar nicht aufhören zu spielen." Überdies seien bei dem Konzert 433 Euro an Spenden zusammengekommen. "Mit diesem Geld", verspricht Rudroff, "werden wir wieder ein musikpädagogisches Projekt anbieten".