Klimawandel "Energiewende? Gibt es in München nicht"

Noch immer gebe es in München viel zu wenig Photovoltaikanlagen, beklagen Klimaschützer.

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An diesem Dienstag startet München das "Jahr der Energie" mit Aktionen, wie man Energie einsparen kann. Sechs Umweltexperten geben Tipps.

Von Thomas Anlauf

München will bis 2050 klimaneutral werden. Eine riesige Aufgabe, denn die von der Stadt selbst gesteckten Ziele wird sie mit den bisherigen Anstrengungen nicht erreichen. Ein vom Umweltreferat beauftragtes Gutachten kam vor einem Jahr zu dem Ergebnis, dass die Stadt ihre Anstrengungen zum Klimaschutz in den kommenden Jahren deutlich verstärken muss. Deshalb startete die Stadt vor wenigen Wochen die Kampagne "München Cool City", mit der die Münchner selbst aufgerufen sind, zur Energiewende beizutragen.

An diesem Dienstag startet die Stadt das "Jahr der Energie" mit Aktionen, wie man Energie einsparen kann. Ebenfalls an diesem Dienstag beginnt der 12. Münchner Klimaherbst unter dem Titel "Energie für die Wende" von 9. Oktober bis 1. November mit zahlreichen Diskussionsrunden, Workshops und Exkursionen (www.klimaherbst.de). Kann München die Energiewende schaffen? Die SZ hat sechs Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Forschung dazu befragt.

Axel Berg war auch SPD-Bundestagsabgeordneter.

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Axel Berg, Vorsitzender der deutschen Sektion von Eurosolar, der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien: "Es braucht einen diametralen Wandel in München, wir fahren doch zu hundert Prozent in die falsche Richtung. In München haben wir unter ein Prozent an erneuerbaren Energien. Es gibt praktisch keine Dächer mit Photovoltaik in der Stadt. Die Leute können sich doch überhaupt nicht selbst versorgen mit Energie, stattdessen hängen sie am Tropf der Stadtwerke. Mieterstrommodelle wären die Zukunft, aber es passiert nichts.

Ich denke, wir haben hier eine Stadt mit dem besten Greenwashing-System der Welt, aber wir sind nicht grün. Energiewende? Gibt es hier nicht. Wir sind doch eine reine Autostadt. Auch wenn sich der Anteil der Radfahrer in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat, sind eigentlich nur sportliche Radler unterwegs, viele andere trauen sich bei dem Verkehr überhaupt nicht, mit dem Rad zu fahren."

Gründer Florian Henle sieht Polarstern in größerer moralischer Verantwortung als andere Unternehmen.

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Florian Henle, Geschäftsführer des Münchner Öko-Energieversorgers Polarstern: "Wir haben eigentlich alle Möglichkeiten für die Energiewende, aber da geschieht in München noch relativ wenig. Es gibt zwar schon einige ökologisch orientierte Siedlungen, aber die Stadt hätte doch durchaus großen Einfluss, etwa bei der Vergabepraxis bei Neubauten.

Da wäre für die Energiewende schon viel geholfen, wenn die Stadt darauf achten würde, dass bei Neubauten Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen auch wirklich gebaut werden. Also ganz simpel, fordern statt fördern: Wer bauen will, muss eine Photovoltaikanlage aufs Dach setzen. Wenn eine Großstadt wie München so etwas umsetzen würde, wäre das durchaus ein großes Signal auch für andere Städte in Deutschland."

Jens Mühlhaus war bis 2008 Grünen-Stadtrat.

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Jens Mühlhaus, Vorstand der Green City AG in München: "Das Photovoltaik-Thema ist ja offensichtlich, da ist München im Vergleich zu anderen bayerischen Kommunen unterirdisch unterwegs. Die Stadtwerke haben als Konzern zwar alles richtig gedacht, aber die Energiewende kommt in München und der Metropolregion nicht an, wenn man in Offshore-Windparks investiert. Ich glaube nicht, dass man momentan in der Münchner Politik eine Kraft erkennen kann, das Problem anzugehen. Es fehlt hier eine echte lösungsorientierte Debatte, zum Beispiel bei den Alternativen zur Kohle. Strom aus dem Kohlekraftwerk brauchen wir definitiv nicht.

Aber es geht um die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Brauchen wir unbedingt als Alternative ein Gaskraftwerk in Schwabing? Darüber muss man diskutieren. Oder die Windenergie: Man könnte schon überlegen, in die Forstgebiete im Osten oder Süden der Stadt große Windanlagen zu bauen. In den Hofoldinger Forst zum Beispiel passen locker zehn Anlagen, das reicht zur Versorgung von knapp 100 000 Haushalten. Beim Verkehr wiederum geht es darum, ihn massiv zu verändern. Das Thema muss die Metropolregion jetzt lösen. Man muss der Stadt schon vorwerfen, dass sie da zu wenig tut."