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Kino:Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder

"Enfant terrible" erzählt vom früh verstorbenen Regieberserker.

Von Josef Grübl

Es soll ja Leute geben, die bei Filmen nur nach Fehlern schauen, nach Anschlussfehlern, Anachronismen oder technischen Pannen. Dann schreiben sie das Internet voll mit mäßig spannenden Enthüllungen über Mikros, die ins Bild hängen oder über Handymodelle, die es zum Zeitpunkt des Filmgeschehens noch nicht gab. Diese Leute kriegen in der jüngsten Regiearbeit von Oskar Roehler einiges geboten: Denn Enfant terrible, sein Film über Rainer Werner Fassbinder, steckt voller Goofs, wie die angeblichen Fehler in Fachkreisen heißen. Da passieren Dinge, die erst später geschehen sollten, da hört man Hits, die zu der Zeit noch gar nicht gesungen wurden. Und man sieht Männer, die eigentlich Frauen darstellen sollen. Das Ganze spielt in Kulissen, die es gar nicht gibt, die nur lässig im Studio an die Wand gesprüht wurden. Man könnte aber auch sagen: Roehler hat kein Fassbinder-Biopic gemacht, sondern einen Film wie ihn der 1982 im Alter von 37 Jahren verstorbene Regisseur vielleicht auch gedreht hätte: Künstlich, rastlos, radikal.

Triumph in Cannes: Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) und Brigitte Mira (Eva Mattes) freuen sich über die Preise für ihren Film Angst essen Seele auf.

(Foto: Bavaria Filmproduktion)

"Das ganze Leben ist ein Risiko", sagt er am Anfang im Münchner Antiteater. Da will er die Zuschauer entscheiden lassen, ob sie die verteilten Tomaten essen oder werfen, später spritzt er sie mit einem Wasserschlauch nass. Man erkennt Szenen aus Fassbinder-Filmen wie Whity, Warnung vor einer heiligen Nutte, Die Sehnsucht der Veronika Voss oder Querelle. Das Leben imitiert das Kino - und umgekehrt. Die Hauptrolle spielt Oliver Masucci (Er ist wieder da), der mit über fünfzig eigentlich viel zu alt ist, um Fassbinder zu spielen. Das weiß er, also sagt er einmal: "Du bist viel zu alt für die Rolle." Und trotzdem ist er der Richtige: Der ehemalige Burgschauspieler spielt Fassbinder als Sadisten und Masochisten, als einen Mann, der an beiden Enden brennt. Gleichzeitig spürt man seine tiefe Sehnsucht, die Sucht nach Sex, Drogen und Liebe. Dieser Film ist ein Wagnis, ein großer Wurf - und alles andere als ein Fehler.

Enfant terrible, Regie: Oskar Roehler

© SZ vom 01.10.2020

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