Karlsgymnasium Pasinger Schüler schicken Ballon an die Grenze zum Weltall

Nachdem der Ballon endlich in der Luft war, folgten ihm die Schüler in drei Autos.

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40 Kilometer über der Erde macht der selbst gebastelte Ballon Tausende Fotos - bis er in Österreich in einem Baum landet.

Von Anna Hoben

Einmal mussten sie den Start verschieben, weil das Wetter nicht mitspielte; an einem sonnigen Tag war es dann schließlich soweit. Sie machten eine Durchsage, und die Schüler, von der Unterstufe bis zu den Abiturienten, versammelten sich draußen auf der Wiese vor dem Karlsgymnasium in Pasing, um beim Start dabei zu sein. Über ein Jahr lang hatte eine Gruppe von Schülern an dem Projekt getüftelt, im Rahmen eines sogenannten Projekt-Seminars zur Studien- und Berufsorientierung. Am Ende war die ganze Schule gespannt, ob es klappen würde. Ob der Ballon tatsächlich in die Stratosphäre fliegen würde, die zweite Schicht der Erdatmosphäre. Und wenn ja, ob sie die mit Technik gefüllte Kapsel, die am Ballon hing, je wieder zu Gesicht bekommen würden.

Stratosphärenballons sind bislang vor allem in der Forschung verwendet worden. Sie brachten wissenschaftliche Instrumente in die Höhe und füllten damit die Lücke zwischen den Beobachtungen am Boden und teuren Satelliten. Die Idee, mit Schülern einen solchen Ballon zu fertigen, der bis zu 40 Kilometer hoch fliegt, hatte Stefan Reißl, Lehrer für Mathematik und Physik. Bei einer Fortbildung hatte eine andere Schule ein ähnliches Projekt vorgestellt. Die Begeisterung des Lehrers übertrug sich schnell auf die Schüler. Eine Arbeitsgruppe baute das Gehäuse der Kapsel, die am Ballon angebracht werden würde; eine kümmerte sich um die Finanzierung, 1500 Euro mussten über Sponsoren aufgetrieben werden; eine berechnete, wie viel Helium nötig sein würde; eine vierte kümmerte sich um die Technik.

Die Schüler sind noch am überlegen, was sie mit den vielen Fotos machen. Auf diesem hier ist Schloss Nymphenburg zu sehen.

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Für das Gehäuse benutzten sie eine Styroporkugel - leicht, aber stabil. Sie bauten ein GPS-Gerät ein, wie es sonst von Wanderern oder Piloten eingesetzt wird. Damit würden sie den Standort der Kapsel bis auf fünf Meter genau bestimmen können - allerdings nur bis in etwa 19 Kilometer Höhe. Sie packten einen Mini-Computer mit Speicherkarte ein und besorgten 16 Hochleistungsbatterien. Die Kamera programmierten sie so, dass sie alle paar Sekunden durch ein Loch im Gehäuse ein Bild machen würde. Für die Isolierung sollten Wasserbeutel und Watte sorgen.

Und dann war es so weit. Am Tag des Starts wehte ein kräftiger Wind, sie hatten eine luftfahrtrechtliche Genehmigung eingeholt, der Ballon stieg auf, bewegte sich Richtung Südosten, und die Schüler nahmen mit drei Autos die Verfolgungsjagd auf: ab nach Österreich. Zwischendurch bekamen sie lange Zeit kein Signal, ein Hinweis darauf, dass der Ballon sehr hoch gestiegen war. Sie hatten keine Ahnung, ob sie ihn je wiedersehen würden, "die Wahrscheinlichkeit war nicht sehr hoch", sagt die Schülerin Marlena Rädler, 17. Wären Ballon und Kapsel in einem Alpental gelandet, hätten sie wahrscheinlich keine Chance gehabt - zumal zu der Zeit noch winterliche Bedingungen herrschten.

Aber sie hatten Glück. Als sie den Tauerntunnel verließen, hörten sie zum ersten Mal wieder das charakteristische "Ping". Und irgendwann sahen sie, dass die Kapsel gelandet war. 250 Kilometer von München entfernt, mitten in Kärnten. Drei Stunden und vier Minuten war sie in der Luft gewesen. Sie wussten, dass sie richtig viel Glück gehabt hatten, als sie sahen, dass die Kapsel nahe einer Forststraße heruntergekommen war - gut erreichbar also. Kurz darauf zweifelten sie doch noch ein bisschen an ihrem Glück, als sie feststellten, dass das Ding in etwa 30 Metern Höhe in einem Baum festhing.

Was tun? Sie warfen Steine hoch - ohne Erfolg. Dann versuchten sie, einen Förster ausfindig zu machen, und hatten schließlich die Idee mit der Feuerwehr. Die hatte gerade nichts Besseres zu tun und rückte an, mit Kletterausrüstung und Kettensäge. Mittlerweile war es Abend. Und so kalt, dass das Steigeisen verbog beim Versuch, es in den Baum zu hauen - er war eingefroren. Irgendwann fuhren die Schüler zurück nach München, nachts um zwei waren sie zu Hause. Tags darauf meldete sich die Feuerwehr: Ein Sturm hatte in der Nacht die Kapsel heruntergeworfen. Mittlerweile hatten die Feuerwehrleute Gefallen an der Sache gefunden; sie fuhren nach München, statteten der Schule einen Besuch ab und übergaben die Kapsel.

Dann kam der große Moment: Hat die Kamera funktioniert, sind Daten auf der Speicherkarte? Es waren Daten drauf, Tausende Fotos, um genau zu sein. Die galt es nun zu sortieren. Es sind beeindruckende Bilder, von München, von den Alpen, von der Erde, wie sie von der Stratosphäre aus aussieht. Es hatte alles funktioniert: Dank der Isolierung war in der Kapsel alles heil geblieben, die Temperatur im Inneren war trotz Außentemperaturen von bis zu minus 60 Grad kaum unter null gesunken. Allein die Kapsel und die Schutzhülle des Computers waren zerbrochen.

"Da haben wir erst realisiert, was wir als Gruppe geschafft haben", sagt Jonas Zehetbauer, 18. Das Projekt habe ihn und seine Mitschüler "in ganz vielen Punkten weitergebracht". Vor allem darin, wie man ein großes Projekt im Team beackert. Ein Schüler hat Gefallen am Programmieren gefunden, ein anderer sein Interesse an der Luftfahrt vertieft. Dass ihr Ballon exakt 40 569 Meter hoch flog, "das ist schon ungewöhnlich", sagt Lehrer Reißl. Bei Studentenexperimenten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt schaffen es die Ballons üblicherweise 20 bis 30 Kilometer hoch. Jetzt müssen sie sich nur noch überlegen, was sie mit den Bildern machen, mit all den tollen Bildern von der Grenze zum Weltall.

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