Kabarett:Den Finger in die Wunde legen

Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig bei Auftritt in Unterschleißheim, 2017

Endlich darf der Mann mit dem karierten Hemd und dem Pepita-Hut wieder sein Täschli schwingen und die Welt erklären: Erwin Pelzig, die geniale Kreatur von Frank-Markus Barwasser.

(Foto: Robert Haas)

Frank-Markus Barwasser kehrt als Pelzig mit neuem Programm auf die Bühne zurück.

Von Oliver Hochkeppel

Es war am 8. März 2020 in Putzbrunn, da ging der Mann mit dem karierten Hemd, dem Pepitahütli und dem Täschli von der Bühne ab. Und kehrte nicht zurück. Nicht zu den folgenden Auftritten und auch nicht zur fest eingeplanten großen Münchner Dernière des Programms mit dem ungewollt prophetischen Titel "Weg von hier". Die unterfränkische Kunstfigur des Erwin Pelzig verschwand erst einmal ganz im Körper und Geist ihres Schöpfers Frank-Markus Barwasser. Und der konnte sie auch zwischen den Lockdowns nicht wieder freilassen, weil er sich um seinen vierjährigen Sohn kümmern musste. Dabei hätte man den Pelzig gerade in Coronazeiten gut gebrauchen können, ist er doch mit seiner Volksnähe und einfachen Schlauheit so ein genialer Katalysator zur Erkenntnis des komplexen Weltgeschehens.

Erst jetzt also sind sie wieder da, der Barwasser und sein Alter Ego Erwin Pelzig. Mit dem neuen Programm "Der wunde Punkt", das nach den Vorpremieren jetzt offiziell im Innenhof des Deutschen Museums das Licht der Welt erblickt. Viel Zeit zum Nachdenken haben die beiden gehabt, die Pandemie ist da nur ein Aspekt bei Pelzigs neuerlichen Versuchen, die Welt zu verstehen und zu erklären. Im Mittelpunkt steht diesmal ein psychologischer Ansatz: "Schon vor Corona hatte ich den Aufsatz von Sigmund Freud über die drei Kränkungen der Menschheit gelesen und ins Auge gefasst, daraus etwas zu machen," erzählt Barwasser. "Dann kam Corona, und ich habe gemerkt: Das passt jetzt erst recht. Denn die Kränkungen sind ja seither immer mehr geworden. Und dass so ein Drecksvirus wirklich alles auf den Kopf stellt, ist auch eine schwere Kränkung." Im übrigen nicht nur für Pelzig. Auch seine alte Freunde sind nach längerem mal wieder mit von der Partie. Vorneweg der Geisteswissenschaftler Dr. Goebel, dem es gar nicht so schlecht geht, hat sich die Lage doch endlich einmal seiner schlechten Grundstimmung angepasst. Der Brachialfranke Hartmut dagegen hat sich zum krankhaften Hypochonder entwickelt, der selbst seine Kumpels nicht mehr zur Tür herein lässt. Dank des unerschütterlichen Erwin Pelzig bleibt zumindest die Zuversicht nicht auf der Strecke, dass es noch Chancen gibt, die Anwesenheit unserer Spezies auf der Erde weiterhin zu rechtfertigen.

Frank-Markus Barwasser als Erwin Pelzig, Mi. und Do., 14. und 15. Juli, Di. und Mi., 10. und 11. Aug., 20 Uhr, Deutsches Museum, Telefon 34 49 74

© SZ vom 08.07.2021
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