Kritik:Ohren machen

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Cembalist Jean Rondeau mit Johann Sebastian Bachs "Goldberg-Variationen" in der Allerheiligen-Hofkirche.

Von Reinhard J. Brembeck

Ein Elefant im Film ist ein sich gelegentlich rasant bewegendes Kuschelmonster. Steht man aber im Tierpark Hellabrunn einem Elefanten gegenüber, der seine Riesenohren aufstellt, ist man a) froh um den Graben, der einen von dem Tier trennt, und b) stellt man sich nur ungern vor, ihm in freier Wildbann zu begegnen. Ein Cembalo ist dezidiert kein Elefant, sondern nicht nur von der Größe her so ziemlich das Gegenteil.

Von CD gehört, klingt es so mächtig wie ein Bösendorfer, in freier Wildbahn erlebt, vulgo der Allerheiligen-Hofkirche, flüstert es nur zart. Der Hörer muss seine vom Alltagsweihnachtslärm geschwächten Ohren dafür erst einmal freischaufeln. Den zarten Tonfall kultiviert der 31-jährige, auch als Jazzpianist tätige Meistercembalist Jean Rondeau in den schillerndsten Nuancen. Zudem hat er sich fürs Megacembalostück schlechthin entschieden, für Johann Sebastian Bachs 30 "Goldberg-Variationen", die bei Rondeau pausenlose eindreiviertel Stunden dauern. Er hat das Stück auf CD eingespielt (Erato), das Münchner Konzert ist das letzte seiner "Goldberg"-Tournee durch Amerika und Europa.

Das schütter erschienene Publikum ist mehr als interessiert und fast mucksmäuschenstill. Überraschend heftig detoniert also ein offenbar lang unterdrückter Huster nach der von Rondeau zu einem schmerzzerklüfteten Menschenporträt ausgesponnenen Adagio-Variation, dem Herzstück dieses Zyklus. Die erinnert in der Intensität an Bachs Passionen. Rondeau sucht immer Wege abseits des Glatten, des Abschnurrenden, des Musikantischen.

Er bietet Meditationen, die wirken wie ein Nachdenken über Kreativität, Sinn von Kunst, Humanismus. Der helle, sogleich ins Unhörbare fliehende Klang des Cembalos, die durchdachte Inegalität von Rondeaus Spiel, sein Verliebtsein in Tänze, die er stets leicht stört: Rondeaus "Goldberg-Variationen" sind bei aller Eigenwilligkeit erstaunlich schlüssig. Großer Jubel, der nach so viel Cembalolautstärkenminimalismus elefantös klingt.

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