Fahrradstraßen "Manche Autofahrer ignorieren die Regel einfach"

Die Wunschlösung: Fahrradstraßen sollen möglichst große Markierungen bekommen.

(Foto: imago/Emmanuele Contini)

München hat so viele Fahrradstraßen wie keine andere deutsche Stadt - ein Vorbild? Der Radbeauftragte der Stadt im Gespräch.

Interview von Elisa Britzelmeier

Wegen verstopfter Innenstädte, drohender Dieselfahrverbote oder einfach, um Geld zu sparen: Immer mehr Menschen fahren Fahrrad. Und in der Politik gibt es zahlreiche Bestrebungen, damit es noch mehr werden - zu jeder Jahreszeit, auch im Berufsverkehr. Wie sehen die besten Lösungen aus, damit Radfahren angenehmer und sicherer für alle wird? Eine mögliche Maßnahme: Fahrradstraßen. München ist dabei vorne dran. Der Radbeauftragte der Stadt, Florian Paul, hat zum Thema Radverkehr promoviert und erklärt im Interview, wie Fahrradstraßen funktionieren und inwiefern München Vorbild für andere Städte werden könnte.

SZ.de: In München gibt es 62 Fahrradstraßen, so viele wie in keiner anderen deutschen Stadt. Aber nicht alle scheinen verstanden zu haben, worum es dabei geht. Erklären Sie es bitte nochmal.

Florian Paul: Fahrradstraßen sind Straßen, auf denen Radfahrer Vorrang haben. Gleichzeitig gilt in der Regel rechts vor links. Es gibt sie in München nur in Tempo-30-Zonen. Die gesamte Fahrbahn wird zum Radweg, Radfahrer dürfen nebeneinander fahren und Autofahrer müssen sich an der Geschwindigkeit der Radler orientieren. Nur eine einzige der Münchner Fahrradstraßen ist allerdings eine reine Fahrradstraße. Auf allen anderen sind auch Autos erlaubt, die sich aber eben nach den Radfahrern richten müssen.

Interview am Morgen

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Ist das nicht ein fauler Kompromiss?

Naja, es ist in erster Linie eine sehr günstige und einfache Maßnahme, um den Radverkehr zu fördern - man stellt Schilder auf und malt eine Markierung auf den Boden, das kostet fast nichts, und es muss meistens nichts umgebaut werden. Im Gegensatz zu Fahrradbrücken und Radschnellwegen etwa. Natürlich dauert es eine Zeit, leider, bis es sich bei allen Autofahrern rumgesprochen hat.

Aus eigener Erfahrung: Als Radfahrer wird man auf Fahrradstraßen durchaus öfter von Autos überholt.

Wenn Autofahrer die Fahrradstraßen nicht beachten, ist das sehr ärgerlich. Auch ich bin jeden Tag mit dem Rad unterwegs und habe öfter den Eindruck: Manche Autofahrer ignorieren die Regel einfach. Und auch dass Autofahrer Radfahrer bedrängen, erlebt man tatsächlich immer wieder. Manche merken aber auch einfach nicht, dass sie in einer Fahrradstraße fahren. Wir wollen jetzt größere Schilder aufhängen und die Fahrbahn deutlicher markieren. Und es muss besser kontrolliert und sanktioniert werden.

Also mehr Polizeikontrollen in Fahrradstraßen?

Ich bin kein Freund von Kontrollen überall, aber natürlich müssen Radfahrer besser geschützt werden, gerade dort, wo sie Vorrang haben. Bayernweit wird ja diskutiert, dass künftig mehr Polizisten auf dem Rad unterwegs sein sollen. Da ist es wünschenswert, dass die nicht nur die Radfahrer kontrollieren, sondern auch die Autofahrer überwachen. Irgendwann werden einfach so viele Radfahrer unterwegs sein, dass die Autofahrer ohnehin nicht überholen können. Je mehr Fahrradstraßen es gibt und je mehr Radfahrer sie nutzen, desto eher begreifen es die Autofahrer. Radfahrer müssen sich diesen Raum auch nehmen.

Wie viel Stickstoffdioxid atmen Radfahrer ein?

Um das herauszufinden, fährt ein Team der Universität München mit einem Messlabor auf dem Anhänger durch die Stadt. Das Ergebnis: In einigen Straßen wird der als bedenklich geltende Grenzwert erreicht. Von Thomas Hummel mehr ...

Abgesehen von den geringen Kosten für neue Fahrradstraßen: Wieso sollten andere Städte dem Münchner Vorbild folgen?

Fahrradstraßen sind politisch kaum umstritten. Genauso wie die Öffnung von Einbahnstraßen in beide Richtungen für Radfahrer. Das ist in München inzwischen bei etwa der Hälfte der Fall, und es tut niemandem groß weh. Fahrradstraßen sind außerdem ein wichtiger Baustein, um den Radfahrern zu signalisieren: Ihr seid wichtig, ihr bekommt Platz. Ich wohne selbst an einer Fahrradstraße - früher fuhren nur vereinzelt Radfahrer dort entlang. Jetzt ist morgens zwischen sieben und neun alles voll mit Rädern, mit Lastenanhängern, Familien und Kindern. Das ist schön zu beobachten. In München macht der Radverkehr inzwischen 18 Prozent des gesamten Verkehrs aus, 2008 waren es noch 14 Prozent. Bei den Millionenstädten liegen wir damit an der Spitze, vor Hamburg, Berlin und Köln.

Ist die Fahrradstraße in der häufigsten Form, mit Zusatzerlaubnis für Autos, nur eine Zwischenlösung?

Bestimmt wäre es an einigen Stellen wünschenswert, wenn die Straßen zu reinen Fahrradstraßen würden. Aber oft liegen sie in Wohngebieten, da ist das schwer zu etablieren, weil die Leute mit dem Auto zu ihren Wohnungen kommen wollen. Generell empfiehlt es sich, bei der Einrichtung neuer Fahrradstraßen die Anwohner gezielt zu informieren. In München wurden dazu Flyer verteilt. Und es gibt online eine Liste mit allen Fahrradstraßen. Wir haben in München festgestellt: 80 Prozent der Straßen sind Tempo-30-Zonen, da gibt es noch viele Möglichkeiten - in anderen Städten dürfte das ähnlich sein.

Immer wieder ist von sogenannten Rad-Rambos zu lesen, egal in welcher deutschen Stadt. Ein Mythos?

Das Thema taucht gerne im Sommer auf, wenn es sonst nicht viel zu berichten gibt. Ganz ehrlich: Verkehrsteilnehmer, die sich daneben benehmen, gibt es überall - unter Fußgängern, Autofahrern und Radfahrern. Die sogenannten Rad-Rambos sind häufig Zeichen für fehlenden Platz und fehlende Rad-Infrastruktur. Je mehr Radfahrer unterwegs sind, desto sicherer wird es für alle.

Für manche fühlt sich das aber nicht so an.

In vielen deutschen Städten herrscht Druck, weil die Radwege so schmal sind und Radfahrer auf Fußwege ausweichen. In Städten wie Amsterdam und Kopenhagen haben Radfahrer mehr Platz - dass sie präsenter sind im Stadtbild, macht viel aus, damit alle gelassener werden. Autofahrer wissen dort, wenn sie rechts abbiegen, dass noch zehn Radfahrer kommen können. Und auch Radfahrer untereinander sind rücksichtsvoller miteinander. Gleichzeitig beobachte ich bei uns aber auch eine Entwicklung, die es anderswo ebenso gibt: Die Leute sind unter Zeitdruck und haben es eilig. Was mich persönlich ärgert: Wenn man übersehen wird und dann auch noch blöd angeblafft. Dass viele sich nicht entschuldigen. Es wäre doch so viel einfacher, mal einen Fehler zuzugeben und etwas zu sagen wie "oh, tut mir leid" - und gut wäre es.

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