Innenstadt Unten durch

Der Verkehrsclub Deutschland vermisst bei den Plänen für den neuen Hauptbahnhof die Funktionalität. Vorgeschlagen wird, die Paul-Heyse-Unterführung auszubauen und als Westzugang zu den Bahnsteigen zu nutzen

Von Marco Völklein, Innenstadt

Ein neues, schickes Empfangsgebäude, ein 75 Meter hoher Turm an der Stelle des Starnberger Flügelbahnhofs für künftige Hotel- oder Büronutzung, dazu der Bahnhofsvorplatz, auf dem nur noch Platz sein soll für Fußgänger, Radfahrer und die Trambahnen der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) - so sehen die Pläne der Stadt und der Deutschen Bahn (DB) für den neuen Hauptbahnhof aus. Sollte tatsächlich irgendwann einmal der geplante zweite S-Bahn-Tunnel unter der Innenstadt gebuddelt werden, will der Schienenkonzern auch ein neues Empfangsgebäude errichten. Bis zu einer Milliarde Euro Baukosten kalkuliert die Bahn dafür ein.

Aus Sicht des ökologisch orientierten Verkehrsclubs Deutschland (VCD) allerdings legen Stadt und Bahn dabei zu viel Gewicht auf die Gestaltung des neuen Bahnhofes und seines Umfeldes - und achten zu wenig auf die Funktionalität. Die Stadtspitze sollte "nicht nur die Architektur und die Kosten des Projektes betrachten", fordert der Münchner VCD-Vorsitzende Wolfram Liebscher. Vielmehr sollten die Planer in den städtischen Referaten sowie die Entscheider im Stadtrat auch "die Belange der Fahrgäste betrachten". Dem VCD geht es dabei vor allem "um eine Optimierung der Zugangswege" für die derzeit etwa 420 000 Passagiere, die die Bahn pro Tag am Münchner Hauptbahnhof zählt. Deren Zahl, glaubt Liebscher, wird "in den nächsten Jahren weiter wachsen".

Schon heute seien die Wege für die Reisenden innerhalb des Bahnhofs "zu lang, es gibt zu wenige und diese sind heute schon in den Spitzenzeiten stark belastet", kritisiert der VCD-Chef, "eine Entzerrung wäre aus unserer Sicht unbedingt notwendig." Vor allem eine Querverbindung zwischen den Bahnsteigen am westlichen Ende der Bahnhofshalle wäre laut Liebscher dringend geboten. Denn aktuell müssen Fahrgäste, die zum Beispiel mit einem Regionalzug aus Landshut kommen und zu einem ICE auf ein anderes Gleis wechseln wollen, erst auf dem einen Gleis bis zum Querbahnsteig vorlaufen, auf diesem dann zum anderen Bahnsteig wechseln und dort erneut lange gen Westen marschieren, um den Fernzug zu besteigen. Noch ärger trifft es beispielsweise Fahrgäste, die mit der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) am Starnberger Flügelbahnhof ankommen und dann quer durch die Halle zum Holzkirchner Bahnhof gehen müssen, um dort die Regionalzüge nach Rosenheim, Mühldorf, Salzburg oder Kufstein zu erreichen.

Eine Querverbindung unter den Gleisen würde eine erhebliche Entlastung bringen, fordert daher Liebscher. Am Stuttgarter Hauptbahnhof, der wie sein Münchner Pendant als Kopfbahnhof ausgelegt ist, gibt es eine solche Querspange für Fußgänger, die allerdings nicht barrierefrei ist. Mit der Umwandlung des alten Stuttgarter Kopfbahnhofes in einen Durchgangsbahnhof ("Stuttgart 21") wird diese Querspange indes verschwinden.

Das aber sollte die Münchner Planer nicht daran hindern, Verbesserungen bei der Neugestaltung des hiesigen Bauwerkes vorzunehmen, argumentiert Liebscher. Er schlägt vor, die ohnehin sanierungsbedürftige Paul-Heyse-Unterführung aufzuweiten und dort nicht nur eine solche Unterquerungsmöglichkeit für die Fahrgäste zu schaffen, sondern auch noch einen weiteren Makel des bestehenden Gebäudes zu beheben: den fehlenden Westzugang zu den Bahnsteigen. Diese könnten von der Paul-Heyse-Unterführung aus geschaffen werden. Mehr noch: Liebscher würde gerne durch die dann generalsanierten Unterführung auch die Trambahn fahren lassen und unter den Bahngleisen eine Haltestelle für die Straßenbahn errichten: "So könnten die Fahrgäste die Züge auf kurzem Wege erreichen."

Bislang allerdings sind solche Verbesserungen in die Planungen der Bahn und der Stadt für den neuen Hauptbahnhof nicht eingeflossen. Lediglich die MVG hatte im Rahmen einer völlig anderen Idee die fehlende Querverbindung zwischen den Bahnsteigen aufgegriffen: So würde MVG-Chef Herbert König gerne eine neue U-Bahn-Strecke (Projektname: "U 9") parallel zur bestehenden Trasse von U 3/6 graben lassen; den U 9-Halt am Hauptbahnhof würden die MVG-Planer dann unter den Gleisanlagen der Bahn errichten. Das Zugangsgeschoss zu dem neuen U-Bahnhof, der in Nord-Süd-Richtung verlaufen soll, könnte dann, so die Idee der MVG, auch als Querungsmöglichkeit für die DB-Nutzer dienen. Ob daraus allerdings etwas wird, ist äußerst fraglich. Denn nach derzeitigem Stand dürfte die U 9-Idee allein schon an den immensen Kosten scheitern.