Soziale Betriebe Gemeinsam in einem Boot

Bernd Schmidt arbeitet für einen IT-Betrieb der Pfennigparade. Als 18-Jähriger brachte er ein Rohr zum Explodieren. Seitdem hat seine rechte Hand nur noch zwei Finger.

(Foto: Robert Haas)

Die Behindertenwerkstatt der Pfennigparade kümmert sich um die Inklusion von Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Allerdings hält nicht jeder solche Arbeitsmodelle für sinnvoll.

Von Christina Hertel

Andreas de Biasio trägt einen hellblauen Pullover, an seinem Rollstuhl hängt ein hellblauer Rucksack, darin steckt eine hellblaue Visitenkarte. Andreas de Biasio, 37 Jahre alt, ein Mann mit Oberlippenbart und kurzen braunen Stoppelhaaren, ist Löwen-Fan und blau ist die Farbe seines Vereins. Seit er mit seinem Vater vor 25 Jahren zum ersten Mal im Grünwalder Stadion saß, hat er kaum ein Spiel verpasst - und dabei hat er noch kein einziges gesehen. Andreas de Biasio ist auf beiden Augen blind. Sein Vater sitzt bei den Spielen neben ihm und erzählt ihm, was passiert. "Und ich spüre die Atmosphäre", sagt Andreas de Biasio. Er war schon bei Trainingslagern dabei, bei Auswärtsspielen und seit drei Jahren arbeitet er für den Fußballclub.

Im Nachwuchszentrum koordiniert Andreas de Biasio - der nicht laufen, nicht sehen und seine Arme nur schwer bewegen kann - soziale Projekte. Er war mit jungen Fußballern zum Beispiel im Gefängnis und im Altenheim. Doch angestellt ist Andreas di Biasio nicht beim TSV 1860 - seinen Lohn bekommt er von einer Behindertenwerkstatt der Stiftung Pfennigparade, die sich seit 65 Jahren in München um die Inklusion von Menschen mit einer körperlichen Einschränkung kümmert.

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"Für mich ist das Größte, meinem Verein dienen zu können", sagt Andreas de Biasio. Zwei Tage die Woche organisiert er von zu Hause aus Veranstaltungen für den TSV 1860, schreibt E-Mails und telefoniert mit sozialen Einrichtungen. Den Rest der Woche beauftragen ihn zum Beispiel das Goethe-Institut oder die Bank Unicredit, damit er ihre Websites auf Barrierefreiheit hin überprüft. Ein Programm liest de Biasio vor, was auf der Seite steht. Und eine spezielle Tastatur mit Blindenschrift ermöglicht ihm das Schreiben. Der 37-Jährige sagt, er sei froh über seine Jobs. Und sein Vater Eduard meint, woanders hätte sein Sohn wahrscheinlich überhaupt keine Chance gehabt.

Doch es gibt auch Menschen, die solche Arbeitsmodelle kritisieren. In einer Behindertenwerkstatt bekommen die Angestellten keinen Mindestlohn, sondern bloß ein Taschengeld. Sie sind also auf Sozialhilfe angewiesen, obwohl sie arbeiten. Gleichzeitig bezuschusst der Bezirk Oberbayern die Werkstätten. Außerdem bleiben die allermeisten, die einmal in einer Behindertenwerkstatt angefangen haben, ihr Leben lang dort. Eine Studie der Universität Kassel aus dem Jahr 2011 geht davon aus, dass nur bei 0,14 Prozent der Werkstattbeschäftigten der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt gelingt. Andererseits erhalten sie vergleichsweise gute Rentenansprüche. Und sie bekommen Reha-Maßnahmen und Pflege während der Arbeitszeit. Mit Andreas de Biasio macht ein Pfleger Physiotherapie, begleitet ihn bei Toilettengängen und schenkt ihm etwas zu Trinken ein.

Auch Thomas Heymel, der bei der Pfennigparade neue Aufträge für die Werkstätten akquiriert, sagt, es sei eher unüblich, dass die Unternehmen jemanden von seinen Mitarbeitern übernehmen. Viele fürchteten den hohen Aufwand. Hinzu kommt: In Deutschland ist es schwierig, einem Menschen mit einer Behinderung zu kündigen. Das schrecke viele Unternehmen ab, weil sie - wie Heymel es ausdrückt - so weniger flexibel "mit dem Markt atmen können".

Andreas de Biasio ist bei der Pfennigparade beschäftigt. Er überprüft Websites auf Barrierefreiheit hin und organisiert soziale Projekte für den TSV 1860.

(Foto: Pfennigparade)

Heymel spricht wie ein Manager, weil er ein Manager ist: Er studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete unter anderem für Airbus. Diese Erfahrung helfe, möglichst spannende Aufträge zu finden. Die knapp 1000 Werkstattbeschäftigten der Pfennigparade arbeiten etwa mit der Münchner Rückversicherung, BMW, Robert Bosch und O2 zusammen. Die Stadt München lässt ihre Bauausschreibung von Werkstattbeschäftigen digitalisieren. Doch solche Aufträge zu finden, werde immer schwieriger, sagt Heymel. Es klappe in vielen Fällen nur, wenn man eine passende Nische entdecke. Eine Gruppe macht zum Beispiel digitale Kunstwerke, eine andere realisiert Workshops mit Führungskräften und ihren Teams. Aus Nächstenliebe, meint Heymel würden die Unternehmen sie jedenfalls nicht beauftragen. "Dann spenden sie lieber."

Auf Mitleid will Bernd Schmidt auch gar nicht angewiesen sein. 1981 mischte er als 18-Jähriger in seinem Keller in einem Dorf im Fichtelgebirge in einem Rohr Zucker mit Unkrautvernichter. Es explodierte. Schmidts rechte Hand besteht seitdem nur aus Daumen und Zeigefinger. "Roboter-Mann" würden ihn Kinder deshalb nennen, sagt er. So wie Andreas de Biasio arbeitet auch er für die Pfennigparade - und doch ist bei ihm vieles anders: Er ist in einer sogenannten besonderen Werkstatt angestellt. Die Mitarbeiter dort haben weniger große körperliche Einschränkungen, die Arbeitsplätze werden nicht bezuschusst und die Mitarbeiter erhalten Tariflohn.

Schmidt ist gelernter Elektroinstallateur und kümmert sich zum Beispiel bei BMW und dem IT-Unternehmen CGI um deren Computer und Bürotechnik. Auf dem freien Markt, meint der 55-Jährige, würde er leicht einen Job finden und möglicherweise sogar mehr verdienen. Warum er trotzdem bleibt? Wäre er woanders angestellt, glaubt er, müsste er noch mehr Leistung bringen, vielleicht unbezahlte Überstunden machen. Außerdem habe er das Gefühl, dass er bei der Pfennigparade nicht nur für sich arbeite, sondern auch für viele andere, die eine größere Einschränkung haben als er. Wenn es für die mal keine Aufträge gibt, verdiene er für sie mit. "Wir sitzen gemeinsam in einem Boot und fangen uns gegenseitig auf."

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