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Nürnberg:Wie Hühner bei der Inklusion helfen sollen

Inklusion am Bauernhof: Diese Hühner sollen behinderte und nicht-behinderte Menschen zusammenbringen.

Miethühner auf dem inklusiven Hühnerhof.

(Foto: SZ)

Mit dem Projekt "Rent-a-Huhn" will eine Tochterfirma der Stadt Nürnberg behinderte und nicht-behinderte Menschen zusammenbringen.

Von Claudia Henzler, Nürnberg

Mitten in der Nürnberger Altstadt steht ein Laden leer, beste Lage, direkt im Rathausgebäude, mit Blick auf den Hauptmarkt, Nürnbergs zentralen Veranstaltungsplatz. Vom Schaufenster, großflächig mit einer Folie beklebt, schielt eine weiße Henne herunter, daneben verkündet ein Schriftzug in großen Buchstaben: "Hier entsteht etwas Besonderes." Der schräge Vogel wirbt für das Projekt "Rent-a-Huhn" von Noris Inklusion, doch das ist nicht alles: Die Henne ist das Symbol für eine originelle Strategie, mit der ein gemeinnütziges Unternehmen ernst macht mit seinem Motto: "Mitten drin und dabei."

Noris Inklusion ist eine hundertprozentige Tochter der Stadt Nürnberg und Arbeitgeber für mehr als 500 Menschen mit geistiger, seelischer oder körperlicher Behinderung. Schon lange hat sich das Unternehmen vorgenommen, Schwellen zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen abzubauen. Dank des schielenden Huhns ist man auf diesem Weg einen wichtigen Schritt vorwärts gekommen, sagt Michael Volland, der den Gärtnereibetrieb von Noris Inklusion leitet.

Die Idee hinter dem Projekt "Rent-a-Huhn": Kunden mieten eine glückliche Biohenne und bekommen dafür jede Woche sechs frische Eier. Knapp 300 Stück Federvieh werden bei Noris Inklusion gehalten. Sie leben auf einem 3000 Quadratmeter großen Freigelände auf dem Areal des unternehmenseigenen Gärtnereibetriebs im Norden der Stadt, können dort nach Lust und Laune herumlaufen und im sandigen Boden picken. Wenn die Dämmerung kommt, finden sie Schutz in zwei Ställen, 15 Hähne kümmern sich um die Sozialordnung.

Wer die 60 Euro pro Halbjahr für ein Leihhuhn bezahlt, mietet das Tier allerdings nur symbolisch. Die Kunden bekommen kein spezielles Tier zugewiesen, sie wissen nicht, ob ihre Eier von Henrietta, Daisy oder Kunigunde stammen. Tatsächlich tragen die Hühner noch nicht einmal Namen. Das mögen manche Städter als schade empfinden, die sich einen Haustierersatz zulegen wollen, bewahrt sie aber vor der Enttäuschung, in der eine allzu persönliche Bindung enden könnte. Denn alle zwei Jahre wird der Bestand komplett ausgetauscht, dann werden die Hühner an die Raubtiere im Nürnberger Tiergarten verfüttert - selbstverständlich, nachdem sie fachgerecht getötet wurden, wie Volland betont.

2014 hat der Gartenbetrieb von Noris Inklusion mit der Hühnerhaltung begonnen, damals noch mit 60 Tieren. Inzwischen gibt es eine lange Warteliste für den Eierservice, doch an eine weitere Aufstockung sei nicht gedacht, sagt Volland. Es gehe ja nicht in erster Linie darum, die Nürnberger Bevölkerung mit Ökoeiern zu versorgen. "Das ist im Supermarkt viel einfacher. Wir wollen Menschen der Stadt mit unseren Beschäftigten zusammenbringen, das ist der Sinn des Projekts." Die Kunden würden ihre Patenschaft zwar auch als Bekenntnis zu einer ökologischen Haltungsform begreifen, vor allem aber als Bekenntnis zur Inklusion.

Gespräche auf Augenhöhe

Neben dem Gärtnereibetrieb hat das Sozialunternehmen Arbeitsplätze in industriell und handwerklich geprägten Werkstätten, auch eine Druckerei. In jeder dieser Werkstätten können Hühnerpaten ihre Eier abholen, zu bestimmten Öffnungszeiten - ein oder zweimal die Woche. Das erspart den Kunden lange Wege und hat den Hintergedanken, dass die Behindertenwerkstätten von den Nürnbergern wahrgenommen werden. In jeder Werkstätte gibt es Beschäftigte, die sich zusätzlich zu ihrem normalen Job um die Eierausgabe kümmern. "Dadurch sind viele persönliche Kontakte entstanden", erzählt Volland. Man begegnet sich jede Woche auf einer geschäftlichen Basis, und dadurch auf Augenhöhe, lernt sich ein wenig kennen, spricht über Eier und Hühner, manchmal auch über den Urlaub. "Dadurch entstehen ganz normale Begegnungen."

Weiterer Nebeneffekt: Mit der Hühnerpflege ist das ohnehin recht breite Job-Angebot für Menschen mit Behinderung noch vielfältiger geworden. Es reicht allein im Gärtnereibetrieb von der Pflanzenzucht über die Imkerei bis zu Außeneinsätzen bei der Parkreinigung.

In der Nürnberger Inklusionsstrategie ist das Projekt Huhn dabei erst der Anfang. Aus dem 53 000 Quadratmeter großen Areal des Gärtnereibetriebs soll im Laufe des Jahres eine "Naturerlebnisgärtnerei" werden, in der Besucher Hühner, Schafe und Alpakas anschauen können, Zierpflanzen und Küchenkräuter kaufen, oder Honig, Brennholz und Töpferwaren aus eigener Herstellung. Ein Teil ist schon fertig, bald soll noch ein Café eröffnen, was auch die Beschäftigten freue, wie Christa Schmidt sagt, die bei Noris Inklusion für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Diese Arbeitsplätze seien nämlich sehr beliebt.

Und wenn dann im Rathaus, da wo jetzt noch das Bild der weißen Henne klebt, ein Laden und ein Café einziehen, dann werden die Menschen mit Behinderung unübersehbar im Herzen der Stadt ankommen. Einen besseren Platz, um mit der Stadtgesellschaft in Kontakt zu kommen, ist schwer vorstellbar. Die Eröffnung ist Anfang Dezember geplant.

© SZ vom 28.07.2018/imei

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