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Hochschulen:LMU will den berühmten Romano-Guardini-Lehrstuhl abschaffen

Entrance of the University of Munich, LMU, 'Ludwig-Maximilians-Universitaet' is pictured in Munich

Die LMU will vakanten Lehrstuhl für Religionswissenschaft nicht neu besetzen.

(Foto: REUTERS)
  • Der renommierten Romano-Guardini-Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität soll nach dem Willen der Hochschule nicht neu besetzt werden.
  • Der Lehrstuhl für Religionswissenschaft ist bereits seit 2012 vakant. Ein Nachwuchswissenschaftler soll auf eine einfache Professur berufen werden.
  • Doch es gibt Widerstände gegen die Pläne.

Mehrmals stand er bereits vor dem Aus, nun wird es erneut eng für den renommierten Romano-Guardini-Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Wie die Universität bestätigt, wollen Fakultät und Hochschulleitung den seit 2012 vakanten Lehrstuhl für Religionswissenschaft nicht neu besetzen, sondern stattdessen einen Nachwuchswissenschaftler auf eine einfache Professur berufen. Das habe die LMU im vergangenen Jahr beim bayerischen Wissenschaftsministerium beantragt.

Doch dort gibt es offenbar Widerstände; die Genehmigung steht bislang aus. Und der emeritierte Lehrstuhlinhaber und frühere bayerische Wissenschaftsminister Hans Maier warnt bereits vor dem "Ende der Guardini-Tradition in München".

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Geht es nach der LMU, soll es künftig keinen "Lehrstuhl für Religionswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der europäischen Religionsgeschichte und der christlichen Weltanschauung" mehr geben - so hieß der Guardini-Lehrstuhl zuletzt. Stattdessen will die Uni eine W2-Professur schaffen, die sich allgemein der Religionsphilosophie widmen soll. Sie soll befristet sein, aber eine Option auf ein sogenanntes Tenure Track haben, also entfristet werden, wenn sich ihr Inhaber bewährt.

Dabei beruft sich die LMU auf ein "Zukunftskonzept", das eine Kommission aus Vertretern aller am Studiengang Religionswissenschaft beteiligten Fakultäten erarbeitet habe; es orientiere sich an Empfehlungen des Wissenschaftsrats von Bund und Ländern. Gleichwohl reagiert das bayerische Wissenschaftsministerium auf Anfrage skeptisch: Man sei sich der Bedeutung des Lehrstuhls bewusst, sagt ein Sprecher. Daher habe man die LMU um eine ergänzende Begründung gebeten.

Die Pläne der Universität sind dabei nur der jüngste Ruck in einem jahrzehntelangen Gezerre. Der Guardini-Lehrstuhl zählte lange zu den bedeutendsten geisteswissenschaftlichen Lehrstühlen der LMU. Zugleich war er stets Anfeindungen von Theologen und Philosophen ausgesetzt: Die einen begriffen ihn als unliebsame Konkurrenz, die anderen als Fremdkörper in der Fakultät. Geschaffen worden war er 1948 für Romano Guardini "ad personam", das heißt: Der Religionsphilosoph musste kein Fach betreuen, keine Seminare anbieten oder Prüfungen abnehmen. Er konnte sich auf seine Forschung und seine berühmt gewordenen Vorlesungen konzentrieren.

Bei jedem Wechsel gab es Diskussionen

Obwohl der Lehrstuhl auf ihn zugeschnitten war, fiel er nach Guardinis Ausscheiden nicht weg - das hatte der Philosoph selbst mithilfe des bayerischen Landtags durchgesetzt. Der Lehrstuhl wurde neu besetzt, jeweils mit herausragenden Vertretern ihres Faches: mit Karl Rahner und Eugen Biser, später mit Hans Maier und schließlich mit Rémi Brague, der seit 2012 emeritiert ist. Und nahezu bei jedem Wechsel gab es Diskussionen darüber, den Lehrstuhl wieder abzuschaffen. Zuletzt verhinderte 1997 der damalige bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) mit einem Machtwort, dass der Lehrstuhl nach Maiers Emeritierung eingezogen wurde. Maier war bis 1986 selbst Wissenschaftsminister.

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Bei der Berufung von Rémi Brague fünf Jahre später wurde der Lehrstuhl allerdings halbiert: Weil die Sorbonne ihn nicht freigab, lehrte der Philosoph nur im Sommersemester in München, im Winter weiter in Paris. Mit den übrigen Ressourcen schuf die LMU damals eine neue Professur für Religionswissenschaft. Und jetzt? Mit der neuen Form werde nicht nur die Tradition Guardinis fortgeführt, der Fachbereich Religionsphilosophie werde sogar wieder gestärkt, argumentiert die Universität: Der künftige W2-Professor werde schließlich in Vollzeit arbeiten.

Endet eine Münchner Tradition?

Doch zumindest Ex-Lehrstuhlinhaber Hans Maier überzeugt das nicht: Für eine nur nach Besoldungsgruppe W2 bezahlte Professur werde man keinen renommierten Wissenschaftler gewinnen, befürchtet er. Durch eine solche Herabstufung würde Guardinis Tradition in München enden. Schon den Lehrstuhl zu halbieren, sei falsch gewesen: Die neue Professur sei nicht in Guardinis Sinne verwendet worden, und man hätte die Winter ohne Weiteres mit Gastprofessoren überbrücken und den Lehrstuhl so vollständig erhalten können, glaubt er. Bei anderen Lehrstühlen sei das wiederholt so geschehen.

Und bei alldem sei der Guardini-Lehrstuhl aktueller denn je, sagt Maier: Gerade heute, da es nicht mehr nur um das Zusammenleben verschiedener Konfessionen, sondern um dasjenige verschiedener Religionen gehe, habe er doch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Den Lehrstuhl durch eine Professur zu ersetzen und damit letztlich aufzulösen, bedeute einen herben Verlust.

© SZ vom 15.06.2016/vewo
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