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Hidalgo-Festival:Ungeahnte Schlagkraft

Hidalgo

Musik im Ring: Ein Konzert findet im Boxwerk in der Maxvorstadt statt. Im Bild die Sängerin Indunuu Münch, die im vergangenen Jahr bei Hidalgo auftrat.

(Foto: Max Ott)

Das Programm des dritten Hidalgo-Festivals steht fest. Die Aufführung klassischer Musik wird hierbei völlig neu gedacht

Von Rita Argauer

Vom eigenen Prophetentum erschlagen, so wirken die Macher des Münchner Hidalgo-Festivals, als sie das Programm der diesjährigen Ausgabe des experimentierfreudigen Klassik-Festivals im Boxwerk in der Maxvorstadt vorstellen. Das Motto lautet "Scheitern". Also etwas, was im Herbst 2019, als es zum Motto erkoren wurde, noch etwas eher Intimes war. Und heuer? Scheitert die ganze Welt. In erster Hinsicht natürlich am Virus, in zweiter auch am Klimawandel und dem nicht vorhandenen Katastrophen-Management.

In München sitzen derweil ein Kernteam von drei und ein erweitertes von 90 jungen Menschen, die trotz aller Faszination des Scheiterns auf eine ziemliche Erfolgsgeschichte blicken. Man begann klein mit diesem Festival. Intendant Tom Willmersdörffer und Geschäftsführer Philipp Nowotny taten sich mit der Dirigentin Johanna Malangré (Musikalische Direktion, Orchesterleitung) zusammen, um die klassische Musik und insbesondere den Liedgesang raus aus den "altehrwürdigen Weiße-Männer-Tempeln" zu holen, wie Malangré es ausdrückt.

Gut, Klassik im Club gibt es seit geraumer Zeit von verschiedenen Orchestern - Barrieren abbauen, Hemmschwellen senken, das entspricht ganz und gar dem Zeitgeist. Doch Hidalgo, an dem nun eben zur dritten Ausgabe knapp 100 Menschen mitarbeiten, geht einen Schritt weiter. Hier veranstaltet die Generation, für die Klassik und Pop kein Ausschluss mehr bedeutet, die Musik dort, wo es gut für Musik und Publikum ist. Man verlässt sich nicht darauf, dass es reicht, einen Sänger an einen anderen Ort als eine Konzertsaal-Bühne zu stellen. Hier werden in intellektueller Feinarbeit Ort, Musik und Inszenierung verknüpft. Und im Idealfall kommt dabei eine solch gelungen-gewitzte Version von Musiktheater heraus wie es bei der Münchner Biennale zum Teil der Fall ist, seit Daniel Ott und Manos Tsangaris den Radius und die Spielstätten des Festivals so massiv ausgeweitet haben.

Bei Hidalgo passieren solche Verschränkungen etwa, wenn das eigens gegründete Festivalorchester mit jungen Musikern der BR-Symphoniker, des Bayerischen Staatsorchesters und der Berliner Philharmoniker in einer Kletterhalle zwischen zwei Boulderwänden auftritt. Doch der ungewöhnliche Ort ist hier nicht Zweck sondern Mittel, in dem ein Programm gespielt wird, das über Bacewicz und Eisler in einen Schönbergschen Abgrund hineinfällt und die Kletterwände für Malangrés eigentlich eine Schlucht sind (13. September). Oder wenn die barocke Zartheit eines Dowland-Lieds auf die Derbheit eines Brecht/Weill-Songs trifft, die beiden aber in ihrer prinzipiellen Gebrochenheit eine Einheit bilden, die dann in einem Boxring zur Aufführung kommt, während ein Pianist zu den ebenfalls live stattfindenden Faustschlägen improvisiert (12. September). Das selbe Programm gibt es auch im Bahnwärter Thiel, dort allerdings im Kontext interaktiver Social-Media-Posts und einer "Kontaktlosbörse" für das Publikum.

Hinzu kommen Musik als Streetart an 24 verschiedenen Orten in 23 Münchner Stadtbezirken über einen Tag hinweg (12. September), Beethovens "Ferne Geliebte" auf einem Parkdeck als Klanginstallation und Lied-Tanz-Identität-Verknüpfungen mit Migrationshintergrund im Strom. Doch in der Erfahrung wünscht sich Malangré in erster Linie gar nichts Konzeptuelles, auch wenn das hier so stark durchdacht ist. Das erste Anliegen der Festivalmacher aber bleibe: die klassische Musik physisch erlebbar zu machen.

Hidalgo Festival, Do., 10., bis Do., 17. September, Programm unter www.hidalgofestival.de

© SZ vom 28.08.2020/lfr
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