Heizkraftwerk Nord Schmutziges gutes Geschäft

Die Stadtwerke rühmen sich für den Ausbau der erneuerbaren Energien, doch an der Stadtgrenze in Unterföhring wird tonnenweise Kohle verfeuert.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Im Kraftwerk Nord werden pro Stunde 110 Tonnen Kohle verfeuert - so diskret, dass viele Münchner gar nicht wissen, was sich in der Anlage befindet.
  • Umweltschützer halten den Kohlestrom für nicht mehr zeitgemäß und fordern die Umstellung auf Gas.
  • Der Stadtrat muss darüber abstimmen, ob die Stadtwerke aus der Kohleverstromung aussteigen.
Von Dominik Hutter

Kohle ist nicht zu sehen. Keine Halden, keine offenen Förderbänder, es staubt nicht, und man riecht nichts. Das ist das Konzept im Heizkraftwerk Nord, sagt Stephan Schwarz. Der für die Versorgung zuständige Geschäftsführer der Stadtwerke steht in 64 Meter Höhe auf einer verglasten Brücke und kann von dort aus die gesamte Anlage überblicken. Im Osten sind die drei zylinderförmigen Kohlesilos zu sehen, in denen insgesamt 60 000 Tonnen lagern - genug für 20 bis 30 Tage Betrieb. Zu ihren Füßen werden die Güterzüge entladen - geschlossene Waggons rollen dafür in eine Halle. "Früher war das maßstabbildend", sagt Schwarz. Damals, als bei vielen Kraftwerken noch der Wind den Kohlestaub durch die Gegend wirbelte.

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Im Kraftwerk Nord läuft alles so diskret ab, dass viele Münchner gar nicht wissen, was da in dem grau-silbernen Komplex eigentlich verbrannt wird. Müll natürlich, das ist an der täglichen Armada orangefarbener Müllautos zu erkennen. Aber eben auch Steinkohle. Von seinem Aussichtspunkt aus muss Schwarz nur wenige Meter durch eine Feuerschutztür gehen, um zum riesigen Kessel von Block 2 zu gelangen. Der birgt ein wahres Inferno in sich: eine 60 Meter hohe Flammenwand, gespeist von 110 Tonnen Steinkohle pro Stunde. Etwa 1000 Grad Celsius hat es im Inneren des Ungetüms, das sich durch die Hitze um gut 30 Zentimeter ausdehnt und deshalb an einer Stahlkonstruktion aufgehängt ist. Die so angetriebene Turbine steht nebenan in einer Halle, die groß genug ist, um die gesamte Apparatur auszubauen und gleich an Ort und Stelle zu warten. Im Vergleich zu dem überdimensionierten Höllenkessel wirken die Turbine, die mit 3000 Umdrehungen pro Minute läuft, wie auch der Generator eher klein.

Steinkohle ist günstiger als andere Energien

Geht es nach den Umweltschützern, hat es sich bald ausgefeuert in dem 1991 eröffneten Kohleblock. Steinkohle zählt zu den "schmutzigeren" Energiequellen, nur Braunkohle hat unter den fossilen Energieträgern einen noch schlechteren Ruf. Die Verbrennung im Kraftwerk Nord ist denn auch für 17 Prozent aller Münchner Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich. 800 000 Tonnen Steinkohle wandern jedes Jahr durch den Kessel und letztlich - nach einer aufwendigen Rauchgasreinigung - über den 130 Meter hohen Kamin in die Atmosphäre. Was viele Klimaschützer nicht mehr zeitgemäß finden.

Die Kohle stammt aus Tschechien, den USA und Russland und wird per Bahn angeliefert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Aber es gibt eben auch die andere Sicht - und die hat im Münchner Rathaus derzeit mehr Anhänger. Steinkohle ist derzeit eine weit preisgünstigere Energieform als beispielsweise Erdgas, das zwar bessere Emissionswerte aufweist, aber kaum noch wirtschaftlich ist. Zwar rühmen sich die Stadtwerke, rein rechnerisch bis 2025 den Münchner Strombedarf und bis 2040 auch die Fernwärme aus regenerativen Quellen zu decken. Noch aber sieht die Realität anders aus: Fast die Hälfte der gesamten Strom- und Fernwärmeproduktion der Stadtwerke stammt aus dem Kohleblock des Kraftwerks Nord. Nummer zwei ist die Gas- und Dampfturbinenanlage im Kraftwerk Süd. Bei der Fernwärme spielt noch die Müllverbrennung eine nennenswerte Rolle. Dann aber kommt lange nichts, die kleinen Wasserkraftwerke an der Isar können die Versorgung einer 1,5-Millionen-Stadt nicht absichern.

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Noch einmal anders sieht der Strommix aus, wenn man auch Anlagen berücksichtigt, die nicht in den Statistiken der Stadtwerke auftauchen. Das Atomkraftwerk Isar 2 vor allem, das zu 25 Prozent den Stadtwerken gehört. Es produziert nach Angaben von Schwarz etwa ein Drittel des Münchner Stroms. Für die Stadtwerke ist der Kohleblock vor allem von wirtschaftlicher Bedeutung. Eine Stilllegung könnte einen Gewinnausfall in dreistelliger Millionenhöhe bedeuten. Das will die große Rathauskoalition ihrem kommunalen Unternehmen in ohnehin schwierigen Zeiten nicht zumuten.