SZ-Serie: Platz da! Kreativquartiere in Bayern:Raum für freie Radikale

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SZ-Serie: Platz da! Kreativquartiere in Bayern: Das Heizhaus in Nürnberg: Wo einst Feuerwehr-Wägen in Bereitschaft standen, darf sich jetzt kreatives Chaos ausbreiten.

Das Heizhaus in Nürnberg: Wo einst Feuerwehr-Wägen in Bereitschaft standen, darf sich jetzt kreatives Chaos ausbreiten.

(Foto: Quellkollektiv)

Das Nürnberger "Quellkollektiv" hat aus dem "Heizhaus" auf dem Quelle-Areal einen preisgekrönten Nukleus urbaner Stadtkultur gemacht.

Von Oliver Hochkeppel, Nürnberg

Es dürfte weltweit keine andere 500000-Einwohner-Stadt mit monumentaleren Überresten großer Pleiten geben als Nürnberg. Da ist das monströse Reichsparteitagsgelände als Monument des Nationalsozialismus, dem größten Verhängnis der deutschen Geschichte. Da ist das riesige Gewerbegebiet nahe dem Frankenstadion (heute Max-Morlock-Stadion), das einst Grundig beherbergte, zeitweise Europas größter Elektrokonzern, der 2003 pleite ging. Und dann ist da noch Quelle, lange Zeit Europas größtes Versandhaus, ein Stück deutscher Handelsgeschichte, schon von weitem am 90 Meter hohen "Quelle-Turm" erkennbar, der zu Nürnberg gehört wie die Burg. Dort kam 2009 das Aus. Mit rund 256000 Quadratmeter Gebäude- und 6,8 Hektar Grundstücksfläche hinterließ die Firma den zweitgrößten Leerstand in Deutschland nach dem Flughafen Berlin-Tempelhof.

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(Foto: SZ-Grafik)

Solche Relikte von historischen wie wirtschaftlichen Katastrophen bergen freilich auch immer Chancen für die sonst oft genug von Gentrifizierung, Lärmschutz oder auch nur spießbürgerlichen Vorbehalten vertriebenen Kreativen. Was man ansatzweise beim "Grundig-Park" beobachten kann, besser beim "Z-Bau" des Reichsparteitagsgeländes mit einem professionellen Konzertsaal und angeschlossenen Ateliers, vor allem aber beim "Heizhaus" des Quelle-Areals. 2013 gründete sich der Verein "Quellkollektiv", der aus dem Leerstand etwas Sinnvolles entwickeln wollte. Ein Zusammenschluss von weit über hundert Kreativen und Initiativen - "freie Radikale" ganz im physikalischen Sinne hat sie der ehemalige Kultur-Projektbüro-Leiter Andreas Radlmaier mal genannt -, die sich laut Satzung so verstehen: "Eine Plattform für gelebte, zukunftsweisende Formen der Arbeit und des Miteinanders, sowie soziale und soziokulturelle Projekte in den Bereichen Stadtentwicklung, Ökologie, Kunst, Kultur und Bildung."

Schon vor der Vereinsgründung hatten bis zu 250 Kreative, darunter viele spätere Mitglieder, das Gelände für sich entdeckt und kleine Flächen des Riesenkomplexes okkupiert. "Die Leute kamen teilweise bis aus Mexiko und Kanada. Weil das Areal einfach so ein Magnet war," berichtet Veranstalterin und Quellkollektiv-Mitglied Wally Geyermann. Eine lebendige junge Kunst- und Unternehmerszene war am Entstehen. Doch die Zwischennutzungen fanden Ende 2015 mit der Versteigerung für 16 Millionen Euro an den einzigen Bieter, den portugiesischen Investor Sonae Sierra (mit dem das Quellkollektiv von vorneherein nicht mithalten konnte), ein jähes Ende. Mit dessen Planung - teure Wohnungen und ein paar Kultur-Feigenblätter rund um ein gigantisches Einkaufszentrum - war niemand wirklich glücklich. Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Investor und der Stadt sowie aufwändigen Renovierungsarbeiten, um die geforderten Brandschutzauflagen zu erfüllen, bekam das Quellkollektiv 2016 immerhin das an den Hauptkomplex angrenzende, südlich des "Quelle-Turms" gelegene "Heizhaus" zugestanden, ursprünglich tatsächlich eine Kraftwerkshalle, zuletzt aber Brandmeldezentrale und Betriebsfeuerwehr-Gebäude von Quelle. Man wähnte sich am Ziel. Bis 2018 das Areal völlig überraschend an den heutigen Besitzer, die Düsseldorfer Projektentwicklungsfirma Gerch Group, weiter verkauft wurde. Alles war plötzlich wieder ungewiss.

SZ-Serie: Platz da! Kreativquartiere in Bayern: Kooperation ist ein Schlüsselwort des "Quellkollektivs". Dafür braucht es auch gewisse Strukturen, wie die Planzeichnung verdeutlicht.

Kooperation ist ein Schlüsselwort des "Quellkollektivs". Dafür braucht es auch gewisse Strukturen, wie die Planzeichnung verdeutlicht.

(Foto: Grit Koalick)

Doch Gerch kam nicht nur mit einem zeitgemäßen Konzept, einem unter dem Namen "The Q" laufenden Mix aus Wohnraum, gewerblicher Nutzung und Handel, also quasi einer Stadt in der Stadt, sondern auch mit einer Bestandsgarantie für das Heizhaus. Seit 2021 und einem neuen Mietvertrag hat das Quellkollektiv Sicherheit für seine 2000 Quadratmeter und die rund 40 Mieter. Wer aber sind die? Getreu dem Selbstverständnis des Vereins als "Soziokulturprojekt" ein ziemlich bunter Haufen. Von Musikern - und Bands wie Die japanische Clubjacke - über Grafiker bis zu Illustratorinnen. Vom angehenden Kunststudenten bis zum renommierten Architekten. Vom Produktdesigner über die Film- und Videoproduzenten "Flashfabrik" bis zur Fotografin und DJane. Vom "Motorradliebhaber und Schrauber" bis zum "Besten Mann mit Holz". Vom "Sportswear Startup" Phoebe Hess bis zur Umwelt-zertifizierten Textildruckerei "Subucoola" mit dem Ziel, "nice Produkte so nachhaltig wie möglich herzustellen." Von der Urbanistin bis zur "kleine Hackgruppe" 0x90.space, die - Hackerspace, die "unserem Namen (nop-space) entsprechend nichts tut."

SZ-Serie: Platz da! Kreativquartiere in Bayern: Kollektiver Jubel: Das Kreativquartier und seine Akteure bei der Verleihung des Bayerischen Staatspreises.

Kollektiver Jubel: Das Kreativquartier und seine Akteure bei der Verleihung des Bayerischen Staatspreises.

(Foto: Bayern Innovativ GmbH)

Als beispielhaft für die "Urbane Produktion" im Heizhaus, die dem Quellkollektiv vorschwebt, dürfen der Glasbildner Tobias Witt oder das Mode-Atelier YAR gelten. Das von Schneiderinnen und Textiltechnikerinnen betriebene Modelabel YAR verbindet die Produktion von Kleidung mit Bildungsangeboten und umweltpolitischen Aktivismus. Schon die Stoff-Auswahl richtet sich nach ökologischen Gesichtspunkten, die Kleidung wird vor Ort gefertigt, zusätzlich werden in Zusammenarbeit mit den anderen Heizhaus-Bewohnern eine für alle offene Nähwerkstatt ("Schnittstelle"), Workshops und Bildungskurse angeboten, etwa zu den Themen Textilpflege, Konsum oder Kulturgeschichte, bis hin zur politischen Dimension von Mode. Ohnehin gehört Kooperation und die Einbindung der Stadtgesellschaft zum Konzept. Mit Konzerten, Ausstellungen und Feiern, mit einem Wochenmarkt, dem "Repair Café" oder einem Designfestival.

Von Anfang an dabei war Maria Trunk, Fachjournalistin für kulturelle Stadtentwicklung, die für das Nürnberger Kultur- und Freizeitamt das EU-Projekt "Forget Heritage" leitete und drei Jahre lang im Vorstand des Heizhauses saß - in der heißen Phase. "Es ist immer noch ein kleines Wunder, dass wir das hinbekommen haben," sagt sie. Sie hatte ihre "Amtszeit" von vorneherein auf drei Jahre beschränkt, hat aber nach wie vor ein Büro im Heizhaus und engagiert sich. Dank ihrer Erfahrungen leitet sie inzwischen beim Kulturamt die "Kompetenzeinheit für kulturelle Ermöglichungsräume", eine Anlaufstelle für Kreative und Kulturschaffende im Raum Nürnberg zur Belebung von Leerständen.

Trunks Rolle als Projektleiterin übernahm 2018 die Urbanistin und Stadtaktive Hanna Rentschler, damals noch Studentin der Geographien der Globalisierung. Was sie besonders fasziniert: "Dass hier ein Projekt komplett durchgezogen werden kann. Man kommt rein und findet alles von der IT über die Hardware von Stoffen bis Metall bis zum Design, Marketing und Unternehmensberatung." Ein modellhaftes selbstverwaltetes Kulturlabor, was nicht zuletzt der mit 10 000 Euro dotierte "Bayerische Staatspreis" beweist, den man im Sommer gewonnen hat. "Eine wichtige Auszeichnung für uns, sowohl ideell als auch finanziell", sagt Rentschler. Als gemeinnützig arbeitendes Projekt mit dem Grundsatz, finanziell niederschwellig zu arbeiten, verfügt man nicht über große Rücklagen. Ein Preisgeld hilft da. Einmal, um die vielen ehrenamtlich geleisteten Stunden teil- und ansatzweise zu vergüten, "damit Menschen sich durch ihr Engagement im Projekt nicht weiterhin prekarisieren müssen", wie es Rentschler formuliert. Aber auch angesichts der aktuellen Entwicklungen: "Im Bereich der Bau- und Energiekosten ist auch unser Projekt vor große Herausforderungen gestellt. Das bedeutet, dass wir gerade mit all unseren kreativen Köpfen nach Ideen und Lösungen suchen, um unser liebes, aber altes und sanierungsbedürftiges Heizhaus nicht zum Kühlhaus werden zu lassen."

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