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Gedichtband:Zeilen, in denen die Zeit fassbar wird

Franz Dobler: Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will. Gedichte 1991 – 2020, Starfruit Publications, 288 Seiten, 25 Euro

Franz Dobler will "nur kriegen was ich haben will".

Von Christian Jooss-Bernau

"So ein Gedicht kann man / entnahm ich dem Interview mit dem Dichter / eins in sechs Monaten / kann man schaffen - mehr nicht. / Ich glaubte zu verstehen / dass der Mann damit ein geniales meinte / und nicht irgendeins / in dem dann irgendein / beschissener Scheiß steht". Ja, der Dichter. Sitzt in seinem Turmstübchen und dichtet hinunter auf die Unwürdigen. Geschrieben hat dieses Gedicht, das in der Folge noch um einige Umdrehungen witziger wird, einer, der es mit der intellektuellen Pose nicht so hat. Mehr damit, beispielsweise in einem Zug durchs Land zu fahren und zu beobachten, bis ihm aus Menschen und Welt und Alltag ein paar Zeilen gerinnen, in denen die Zeit fassbar wird.

Franz Dobler, vor allem bekannt als Prosaautor, auch von Krimis, hat mit "Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will. Gedichte 1991 - 2020" seine fast drei Jahrzehnte umfassende Nebentätigkeit als Lyriker veröffentlicht, die das Zeug hat, ein Defibrillator zu sein auch für Menschen, die glauben, sie hätten kein Herz für Poesie. Ein starker Auftritt gelang Dobler schon 1991 mit "Jesse James und andere Westerngedichte", in denen Amerikas Outlaws den bayerischen Volkshelden der Widerständigkeit nahe rücken. In den neuen Gedichten ist Dobler kein Revolverheld, sondern einer, der sich, wenn es ungemütlich wird, auch auf die Seite der Unglücklichen, aktuell der Geflüchteten stellt. Visuell erweitert werden Doblers Gedichte durch Fotos von Juliane Liebert, die, wie eine Spiegelkugel an der Kellerdecke zeigt, ein eigenes Gespür für die Gesellschaft und die ihr innewohnenden Merkwürdigkeiten hat.

© SZ vom 20.01.2021
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