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Garching/München:Alles im Fluss

Die Technische Universität will auch in den kommenden 30 Jahren radioaktives Abwasser aus ihrem Garchinger Reaktor in die Isar einleiten. Ob sie das darf und wann dieser wieder hochgefahren wird, ist offen

Sommerzeit, Badezeit. Auch an der Isar. Die Meldung, dass die Technische Universität (TU) bei Kilometer 130,300 schwach radioaktives Wasser aus dem Garchinger Forschungsreaktor und der Radiochemie auch die nächsten 30 Jahre einleiten will, stört nicht nur Badegäste. Auch zahlreiche Kommunen und Umweltverbände sowie Reaktorgegner kämpfen dagegen. Insgesamt gingen im laufenden Genehmigungsverfahren 1400 Einwendungen ein. Entscheiden muss nun das Landratsamt. Es hat in einem Erörterungstermin diese Woche nicht nur Fragen zum wasserrechtlichen Verfahren zugelassen, sondern auch zum atomrechtlichen. Denn der Reaktor steht momentan still, weil er keine Brennelemente hat. Auch besteht der Vorwurf, der Betrieb sei illegal, weil nicht auf niedriger angereichertes, nicht waffenfähiges Uran umgerüstet wurde. Die Fakten im Überblick.

Zwischenlager-Nord der Energiewerke Nord

Die bisherige wasserrechtliche Erlaubnis zum Abführen radioaktiven Wassers läuft jetzt aus. Sie wurde 1999 erteilt.

(Foto: Jens Büttner/dpa (Bearbeitung: SZ))

Warum steht der Forschungsreaktor seit März still?

Die Forschungs-Neutronenquelle Heinz- Maier-Leibnitz (FRM II), so der offizielle Name, benötigt maximal vier Brennelemente im Jahr. Sie kommen aus Russland. Bearbeitet werden sie in Frankreich, wo derzeit auch vier Brennelemente für den Reaktor liegen. Von dort aus wurden sie bisher nach Garching gebracht. Aktuell gibt es aber Lieferprobleme, weil die Sicherheitskonzepte beider Staaten neu abgestimmt werden müssen. Gespräche dazu laufen.

Warum arbeitet der Forschungsreaktor mit hoch angereichertem Uran?

Der Garchinger FRM II ist der einzige nach 1980 gebaute Hochflussreaktor, der mit hoch angereichertem Uran betrieben wird, wie die amerikanische National Academy of Sciences festgestellt hat. Nach Ansicht des Umweltinstituts München hätte man die in den Neunzigerjahren fortgeschrittene Technik für einen Hochfluss-Reaktor mit niedriger angereichertem Uran (unter 20 Prozent) nutzen können. Die TU betont, dank des kompakten Reaktorkerns könne sie "brillantes Neutronenlicht von unerreichter Qualität den Experimenten zur Verfügung stellen". Für diesen Kern sei eine hohe Anreicherung nötig.

Welche Arbeit wird am FRM II geleistet?

Neutronen ermöglichen es, Dinge zerstörungsfrei zu durchleuchten. Das nutzen Wissenschaftler in der Materialforschung, aber auch für die Medizin. So haben Wissenschaftler am FRM II das Innere von Lithium-Ionen-Batterien untersucht, um nach Methoden zu forschen, sie schneller zu befüllen. Und sie haben nachgewiesen, dass die Haut von Neurodermitis-Patienten einen Natrium-Wert aufweist, der dreimal so hoch ist als normal. Geforscht wird auch an Krebsmedikamenten. Laut dem Komitee Forschung mit Neutronen gehört der Garchinger Reaktor zu den weltweit führenden Neutronenstreuzentren.

Erörterungstermin zu Isar-Einleitung radioaktiver Abwässer

Der Forschungsreaktor München II steht auf dem Gelände der Technischen Universität München (TUM).

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Ist der Betrieb des Reaktors illegal?

Das Umweltinstitut München hat gemeinsam mit dem Bund Naturschutz, der Landtagsfraktion der Grünen sowie der Bürgerinitiative gegen den Atomreaktor Garching ein Rechtsgutachten erstellen lassen. Dieses kommt zu dem Ergebnis, der Reaktorbetrieb sei seit acht Jahren illegal, weil er 2003 nur unter der Auflage genehmigt worden sei, dass spätestens 2010 von hoch angereichertem Uran (HEU) auf niedriger angereichertes Uran umgerüstet werden muss. Hintergrund ist die Proliferationsgefahr. Hoch angereichertes Uran gilt als potenziell waffentauglich und könnte in falsche Hände geraten. Doch bis heute wurde nicht umgestellt. Das bayerische Umweltministerium lässt das Gutachten gerade prüfen. Nach Ansicht des Ministeriums hat der FRM II eine bestandskräftige Genehmigung, die atomrechtliche Genehmigung sei unbefristet. Dass der Reaktor noch nicht umgerüstet ist, wird damit begründet, dass kein anderer geeigneter Brennstoff zur Verfügung stehe. Einen hochdichten Brennstoff, der nicht zu signifikantem Leistungsverlust führe und der allen Sicherheitsansprüchen gerecht werde, "gibt es momentan weltweit noch nicht", sagt Ulrike Kirste vom bayerischen Wissenschaftsministerium. Daher hat die Auflage in der Genehmigung nach Ansicht der Behörden keine Rechtswirkung.

Warum haben dann andere Forschungsreaktoren umgerüstet?

"Bis heute wurde keine Hochleistungs-Forschungs-Neutronenquelle erfolgreich umgerüstet", lautet dazu die Aussage der TU. Eine Gruppe von etwa zehn Forschern sei mit der Umrüstungsthematik befasst und in internationale Forscherverbünde eingebettet. Die Versuche für den neuen Brennstoff liefen nicht in Garching. Sie seien sehr zeitaufwendig, betont die TU, eine Testreihe dauere mindestens vier Jahre.

Forschungs-Neutronenquelle FRM II der TU München in Garching, 2019

Die Forschungs-Neutronenquelle am Heinz Maier-Leibnitz Zentrum der Technischen Universität in Garching. Im Bild das Reaktorbecken (links) sowie das Abklingbecken (rechts).

(Foto: Robert Haas)

Was passiert mit den abgebrannten Brennelementen?

Derzeit liegen 46 abgebrannte Brennelemente im Abklingbecken des FRM II in Garching. Platz ist für maximal 50. Geplant ist, sie mit Spezialbehältern in ein Zwischenlager nach Ahaus in Nordrhein-Westfalen zu bringen. Laut FRM-II-Betriebsleiter Anton Kastenmüller liegt die Zulassung für die Behälter seit Januar vor. Der Transport nach Ahaus soll voraussichtlich nächstes Jahr stattfinden. Umweltschützer fordern, ein Zwischenlager in Garching zu bauen. Das lehnt die TU ab. Ahaus sei im Genehmigungsbescheid genannt, dort könnten 105 abgebrannte Brennelemente gelagert werden. Ein Endlager gibt es in Deutschland noch nicht.

Wie belastet ist das Abwasser aus dem Reaktor und der Radiochemie?

Seit 1999 leitet die TU schwach radioaktive Abwässer in die Isar. Sie sei dabei immer unter den genehmigten Grenzwerten geblieben, heißt es. Im neuen Antrag geht es um die Erlaubnis, pro Jahr 190 000 Kubikmeter Wasser einleiten zu dürfen. 0,2 Prozent, das entspricht 370 Kubikmeter, davon sollen schwach radioaktiv sein. Nach Aussage der TU beträgt ihr Anteil an der gesamten Vorbelastung der Isar 0,33 Prozent - das sei weniger als der von der Kläranlage Großlappen (3,78 Prozent). Gegner argumentieren mit dem Minimierungsgebot im Strahlenschutz und verlangen, das radioaktive Wasser müsse als Atommüll entsorgt werden. Kommunen wie Ismaning und Freising betonen den Freizeitwert der Isar. Zudem handelt es sich um ein FFH-Gebiet, wie Florian von Brunn, der Umweltexperte der Landtags-SPD, betont. Auch die Grünen wehren sich dagegen, die Isar als "Atomklo" zu missbrauchen. "Es gibt das Vorsorgeprinzip, vermeidbare Belastungen zu vermeiden. Diese Einleitung ist vermeidbar", sagt der Grünen-Abgeordnete Markus Büchler.

In die Isar soll in Garching auch zukünftig schwach radioaktives Wasser abgelassen werden.

(Foto: Wasseramt München)

Wie gefährlich ist die Strahlung?

Die Strahlung der Abwässer darf maximal 4000 Becquerel betragen. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Kunstdünger hat 6300 Becquerel, ein Kilogramm Granit 1220. Wenn sich ein Mensch 41 Tage unentwegt an der Einleitstelle aufhalten würde, bekäme er eine Strahlendosis ab wie bei einem Flug von Frankfurt nach Mallorca oder wie nach zweimaligem Röntgen von Zähnen.

Wie wird überprüft, ob die Grenzwerte eingehalten werden?

Proben nehmen nicht nur die Betriebslabore des FRM II, sondern auch das Bundesamt für Strahlenschutz und das Landesamt für Umwelt sowie akkreditierte Labore. Der Vertreter des Landesamts für Umwelt, Michael Bielz, sagte bei der Anhörung, Grundwasser, Oberflächenwasser, Wasserpflanzen und Fische würden regelmäßig beprobt.

Gibt es Alternativen zur Einleitung?

Die Gegner der Einleitung werfen der TU vor, Alternativen nicht geprüft zu haben. Die Technik für eine andere Entsorgung sei vorhanden. Die TU sagt dazu, bei einer Verdunstung stünde der materielle Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen. Der Abfall fiele dann in Form von Feststoffen an. "Und schwachradioaktive Abfälle benötigen keinerlei Abschirmung."

Wie geht das Verfahren weiter?

Nach dem Erörterungstermin prüft das Landratsamt München die Einwendungen. Es wird dabei, wie Verhandlungsführer Alexander Mayer ankündigte, in einigen Punkten Rücksprache mit den Ministerien geben. Eine Entscheidung ist laut Amt erst in einigen Monaten zu erwarten. Liegt der Bescheid vor, ist er vom ersten Tag an wirksam. Von diesem Zeitpunkt an kann innerhalb eines Monats dagegen geklagt werden. Die Unterlagen werden im Internet veröffentlicht und zwei Wochen in den Kommunen ausgelegt.

© SZ vom 27.07.2019

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