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Vergangenheitsbewältigung:Von Ignoranz bis Aufklärung

Am Beispiel Hindenburgs zeigt sich der wechselhafte Umgang mit NS-belasteten Straßenpatronen

Von Peter Bierl, Fürstenfeldbruck

Bruck ist nicht alleine. Landauf landab streiten Kommunalpolitiker und Bürger in dutzenden von Kommunen, ob der ehemalige Reichspräsident Paul von Hindenburg weiterhin als Straßenpatron geehrt werden darf. In Ebersberg wurde die Hindenburgallee umbenannt, in Ludwigsburg nicht. In Garmisch entschied sich die Mehrheit der Einwohner per Bürgerentscheid dafür, in Münster dagegen. Und in Feldkirchen beschloss der Gemeinderat diese Woche, die Schilder abzunehmen. Einzigartig ist die Lösung von Bad Tölz, wo der Stadtrat einen Geschichtspfad mit Stelen einrichtete.

Eine siegreiche Schlacht in Ostpreußen gegen die zaristische Armee Ende August 1914 begründete die Hindenburg-Euphorie. Der eigentliche Stratege war zwar Generalmajor Erich Ludendorff, während Hindenburg gut schlief, aber hinterher so clever war, daraus einen Mythos zu stricken. Straßen, Plätze, Schulen, Kasernen sowie der Damm nach Sylt wurden dem "Sieger von Tannenberg" gewidmet, ein Ort in Schlesien benannte sich bereits 1915 in Hindenburg um. Ab 1916 war er eine Art Militärdiktator, mitverantwortlich für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, die Ablehnung eines Verständigungsfriedens sowie die Diktatfrieden von Bukarest und Brest-Litowsk, die Deutschland gewaltige Annexionen in Osteuropa erlaubten.

Nach Kriegsende setzte Hindenburg die Dolchstoßlegende in Umlauf, eine Verschwörungstheorie, der zu Folge erst demokratische Politiker eine im Feld unbesiegte Armee durch jenen Waffenstillstand, den er selbst gefordert hatte, "von hinten erdolcht" hätten. 1925 wurde Hindenburg in der Stichwahl als Kandidat eines antirepublikanischen Rechtsblocks zum Präsidenten gewählt. Sieben Jahre später stellten sich SPD und katholisches Zentrum hinter ihn, um Adolf Hitler zu verhindern. Ab 1930 unterminierte Hindenburg mit Notverordnungen die Republik, am 30. Januar 1933 ernannte er Hitler zum Reichskanzler und trug die Errichtung der faschistischen Diktatur mit, etwa durch das Ermächtigungsgesetz.

Hindenburg als umstrittener Straßennamensgeber: In Fürstenfeldbruck bleibt er es mit einem Zusatzschild.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ein Brucker Kuriosum ist, dass es sogar zwei Straßen gab, mit denen der Militär und Politiker geehrt wurde. Die erste Hindenburgstraße widmeten die Kommunalpolitiker dem Ersatzkaiser im September 1932, sie führt am Amtsgericht vorbei. Kein halbes Jahr später, am 28. März 1933, beschloss der Marktgemeinderat einstimmig, Hitler und Hindenburg zu Ehrenbürgern zu ernennen und mit je einem Straßennamen auszuzeichnen. Die Hauptstraße wurde zum Hitler-Platz, die Schöngeisinger Straße zum Hindenburgplatz. Zu dem Zeitpunkt saß kein einziger Nazi im Gremium, sondern nur bürgerliche Politiker und drei Sozialdemokraten. Ein SPD-Vertreter fehlte an dem Tag entschuldigt.

Bis zum Juli 1933 wurden die Vertreter der demokratischen Parteien durch Nationalsozialisten ersetzt. In der Folgezeit ehrte das Kommunalparlament NS-Größen wie Joseph Goebbels, Hermann Göring, den SA-Märtyrer Horst Wessel, Gauleiter Adolf Wagner und den amtierenden Nazi-Bürgermeister Adolf Schorer, dazu Ludendorff und Leo Schlageter, eine nationale Heldenfigur aus dem sogenannten Ruhrkampf von 1923 gegen die alliierte Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg.

Diese Straßen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg umbenannt. Die Alliierten wollten den Faschismus mit Stumpf und Stiel ausrotten, und das schloss eben auch den Militarismus ein. Die Kontrollratsdirektive Nummer 30 sah vor, alle öffentlichen Denkmäler, Straßenschilder, Museen und Sammlungen auf ihren militaristischen und nationalsozialistischen Gehalt hin zu überprüfen und entweder zu entfernen oder baulich zu verändern und durch neue Inschriften im Sinne eines stillen Gedenkens an die Toten umzudeuten.

In Ebersberg verschwand Hindenburg als Straßenname.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im Januar 1948 meldete der Brucker Bürgermeister dem Landratsamt Vollzug: Das Schlageter-Denkmal an der Maisacher Straße war demontiert worden, vom Denkmal zur Stadterhebung von 1935, das der Nationalsozialist und Stadtrat Wilhelm Donaubauer geschaffen hatte, wurden zwei Inschriften entfernt, es steht bis heute an der Ecke Schöngeisinger und Landsberger Straße. Auf den Friedhöfen waren Hakenkreuze von Grabsteinen abgekratzt worden. Insgesamt 21 Straßennamen wurden gemäß der Kontrollratsdirektive entnazifiziert, darunter der Hindenburgplatz. Die Hindenburgstraße von 1932 aber wurde übergangen.

Die Renazifizierung von Straßennamen begann in Bruck 1961, als unter Bürgermeister Fritz Bauer (FW), einem ehemaligen NSDAP-Mitglied, der völkische Schriftsteller Peter Rosegger eine Straße bekam. Ein Jahr später meldete die Standortverwaltung der Bundeswehr, dass sie die Straßen in der Fliegerhorstsiedlung nach Wehrmachtspiloten benennen wollte, darunter zwei Flieger der Legion Condor, die 1937 die Stadt Guernica in Schutt und Asche gelegt hatte, sowie nach General Emil Zenetti, vormals Freikorps-Offizier und NS-Führungsoffizier. 1977 musste die Stadtverwaltung wegen der Gemeindegebietsreform doppelt vergebene Straßennamen tilgen: Bis dahin hatte man dem antisemitischen Schriftsteller Julius Langbehn in Bruck und Puch gehuldigt, der Name in Puch blieb, weil der Hassprediger dort beerdigt liegt. Die Kaiser-Ludwig-Straße in Bruck wurde Wernher von Braun als Vater der Mondlandung gewidmet.

In Bruck tobt der Namensstreit seit Frühjahr 2013, als der damalige Oberbürgermeister Sepp Kellerer (CSU) eine Initiative von Grünen und SPD aufnahm, problematische Namen zu überprüfen. In Ebersberg war eine Hindenburgallee bereits 2005 umbenannt worden. Eine Gruppe von Radlern hatte sich empört, nachdem sie auf einer Tour in Frankreich die Soldatenfriedhöfe gesehen hatte. Ihnen ging es nicht um den Reichspräsidenten, sondern um den Mitverantwortlichen für das Blutbad des Ersten Weltkriegs. Der Stadtrat schloss sich an und ließ sich nicht beirren, als Hindenburg-Fans auf einer Bürgerversammlung die Mehrheit erlangten.

Informationsweg Hindenburgstraße

In Bad Tölz wurde aus der Hindenburgstraße ein Geschichtspfad.

(Foto: Manfred Neubauer)

In Tölz waren die Meinungen ebenfalls gespalten. "Es war eine sehr emotionale Debatte und oft fehlten die Kenntnisse", erzählt Bürgermeister Josef Janker (CSU). Eine Kommission wurde einberufen und nach intensiver Diskussion ein ganzer Informationsweg eingerichtet, der in Stadtführungen einbezogen wird. Die Schulen sind aufgefordert, das Angebot für den Unterricht zu nutzen. Dieser Informationsweg "hat uns überregional Schulterklopfen eingebracht, und ich bin heute noch stolz darauf", sagt Janker.

Dass das Wirken des kaiserlichen Generalfeldmarschalls ins Verderben führte, können Passanten in Tölz seit drei Jahren nicht nur anhand von Bildern und Texten nachvollziehen, sondern rein visuell dadurch, dass sich die Form der Stelen verändert. Die erste steht aufrecht, die weiteren knicken immer stärker ab, die letzte liegt fast wie eine Grabplatte auf dem Boden. In Bruck hingegen ließ Oberbürgermeister Erich Raff (CSU) nach fast fünfjähriger Debatte ohne Absprache ein Zusatzschild aufhängen, bei dem obendrein das Amtszeitende mit 1933 falsch angegeben ist. Hindenburg war Reichspräsident bis zu seinem Tod im Sommer 1934.

© SZ vom 19.01.2019

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