SZ-Adventskalender:Eine ganz besondere WG

SZ-Adventskalender: In der Küche der Tagesstätte sind zwei Klientinnen gerade dabei, Vanillekipferl zu formen.

In der Küche der Tagesstätte sind zwei Klientinnen gerade dabei, Vanillekipferl zu formen.

(Foto: Jana Islinger)

In der Tagesstätte Rückenwind können Menschen mit Psychiatrieerfahrung gemeinsam ihren Alltag verbringen. Damit alle die Angebote nutzen können, braucht es finanzielle Unterstützung.

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Wie in einer großen WG geht es zu, hier in einer großen Wohnung in einem Innenhof an der Fürstenfeldbrucker Hauptstraße. Aus dem Wohnzimmer hört man Stimmen, auf dem Weg zur Küche steigt einem der warme Duft von gerade in den Ofen geschobenem Plätzchenteig in die Nase. Man geht gemeinsam einkaufen und unternimmt Ausflüge. Nur dass hier, in der Tagesstätte Rückenwind der Caritas, alles ein wenig anders ist. Denn die Einrichtung ist Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen, ein Team aus pädagogischen Fachkräften begleitet die Klienten, spielt und kocht mit ihnen, organisiert kleine Sporteinheiten und den Einkaufsplan. Weil viele der Klienten durch ihre Situation kaum finanziellen Spielraum haben, benötigt die Tagesstätte immer wieder Geld, um ihnen die Materialanschaffung, sei es für die Malgruppe oder ein neues Yogakissen, oder die Ausflüge zu ermöglichen. Deshalb will der Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung die Einrichtung finanziell unterstützen.

Die Mitarbeiterinnen der Tagesstätte bieten den Klienten auch Aktionen an, die zur Jahreszeit passen. Und so steht die Einrichtungsleitern Alexandra Lachner an diesem frühen Nachmittag in der großen Küche und bereitet Plätzchenteig zu. An einem Tisch sitzen zwei Klientinnen und formen daraus Vanillekipferl. Die ersten Bleche sind bereits im Ofen, aber damit die Plätzchen am Ende reichen, haben sie noch etwas Arbeit vor sich. Etwa 70 Klienten hat die Einrichtung aktuell, erzählt Lachner. Damit ist die Tagesstätte langsam wieder auf dem Vor-Corona-Niveau angekommen. Während er Pandemie musste das Angebot stark reduziert werden, viele Klienten haben danach erst wieder eine Anlaufzeit gebraucht.

SZ-Adventskalender: Pädagogin Astrid Roßkopf vor dem Spieleschrank der Tagesstätte.

Pädagogin Astrid Roßkopf vor dem Spieleschrank der Tagesstätte.

(Foto: Jana Islinger)

Im Team-Büro sitzt Astrid Roßkopf und telefoniert. Ein potenzieller neuer Klient will mehr über die Einrichtung erfahren. Roßkopf erklärt ihm alles und dann machen die beiden einen Kennenlerntermin aus. "Wir sind ein niederschwelliges Angebot für Menschen mit psychiatrischer Erfahrung. Wer zu uns kommen will, muss eine gewisse mentale Stabilität haben und ein Mindestmaß an Gruppenfähigkeit haben. Niemand muss bei irgendetwas mitmachen, aber es zumindest aushalten", erzählt die Pädagogin. Neben ihr gehören drei Sozialpädagoginnen, eine Psychologin und Lachner zum Team der Tagesstätte. Was dort nicht angeboten wird, ist eine therapeutische Begleitung der Klienten. Vielmehr geht es darum, ihnen nach oder während einer Therapie einen Raum zu schaffen, an dem sie sich aufhalten können, Beschäftigung haben - und viel Spaß. Dafür arbeitet man eng mit anderen Einrichtungen wie der psychiatrischen Klinik Fürstenfeldbruck zusammen. Viele Klienten kämen seit vielen Jahren regelmäßig, erzählt Roßkopf. "Wir haben sogar zwei, die seit Eröffnung der Tagesstätte vor 25 Jahren dabei sind."

SZ-Adventskalender: Im großen Flur gibt es eine Tafel mit Motivationssprüchen zum Mitnehmen.

Im großen Flur gibt es eine Tafel mit Motivationssprüchen zum Mitnehmen.

(Foto: Jana Islinger)

Geöffnet ist von Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 16 Uhr, donnerstags wird etwas früher geschlossen, um dem Team Zeit für organisatorische Dinge zu verschaffen. Jeder Klient nehme das Angebot auf seine Weise wahr, sagt Roßkopf. Manche kommen jeden Tag fast die komplette Zeit, andere zweimal pro Woche für ein paar Stunden. Eine Anwesenheitspflicht gibt es nicht. Ein festes Angebot an jedem Tag ist das gemeinsame Mittagessen. Dafür gibt es neben einer Kochgruppe auch eine Einkaufsgruppe, die sich um die Zutaten kümmert. 2,50 Euro kostet eine vollwertige Mahlzeit, für viele Klienten eine wichtige finanzielle Entlastung. Für die Freizeitgestaltung gibt es sowohl feste wöchentliche Gruppen als auch unregelmäßige Angebote.

Roßkopf führt in den Kreativraum. Es riecht noch nach Terpentin, am Vormittag hat sich hier die Malgruppe getroffen. An den Wänden lehnen die noch feuchten Kunstwerke. In der Mitte des Raums steht ein großer Tisch, an dem gemeinsam gearbeitet werden kann. Etwas enger ist es im Sportraum. Dort leitet Roßkopf regelmäßig die Sportgruppe. Nicht das beliebteste Angebot, wie die Pädagogin lachend verrät. Trotzdem seien es meist ein halbes Dutzend Teilnehmer. An den Wänden stehen in großen Tüten die Materialien der Klienten, Yogamatten, Sitzkissen. Jeder hat dabei seine eigene Tasche.

Das Angebot, das die Tagesstätte ihren Klienten macht, beschränkt sich dabei aber nicht nur auf die Räumlichkeiten in der Fürstenfeldbrucker Hauptstraße. Immer wieder gibt es auch gemeinsame Ausflüge. Zum Tollwood nach München, zum Dart spielen oder in die Therme. Und einmal im Jahr organisieren die Mitarbeiterinnen sogar einen fünftägigen Urlaub in Österreich. "Die Meisten machen sonst ja wirklich nie, nie, nie Urlaub", sagt Roßkopf. Umso wichtiger sei dieses wirklich außergewöhnliche Angebot - auch wenn es mit der Finanzierung nicht immer einfach und der logistische Aufwand enorm sei.

SZ-Adventskalender: Im Rückzugsraum liest ein Klient gerade die Zeitung.

Im Rückzugsraum liest ein Klient gerade die Zeitung.

(Foto: Jana Islinger)

Neben den Gemeinschaftsräumen gibt es auch einen kleinen Rückzugsraum. Dort stehen sieben gemütliche rote Sessel und ein kleiner Tisch. Ein Klient hat gerade in dem Raum Platz genommen und liest Zeitung. Jeder soll in der Tagesstätte den Raum finden, den er gerade für sich braucht und das machen, womit er sich wohlfühlt. Wie wichtig die Einrichtung für die Klienten ist, lässt sich an einer Collage erkennen, die vor einigen Wochen zum 25-jährigen Bestehen der Einrichtung entstanden ist. "Die Tagesstätte bedeutet für mich..." steht dort in der Mitte. Darum herum haben die Klienten und Mitarbeiterinnen Papierhände gestaltet, auf denen sie festhalten, was sie mit der Einrichtung verbinden. "Aufgehoben zu sein", ist dort unter anderem zu lesen, "Verständnis", "Sicherheit", "Geborgen zu sein", "Zusammenhalt", "Hilfe", "Herz".

SZ-Adventskalender: Zum 25-jährigen Bestehen der Einrichtung haben die Klienten und Mitarbeiterinnen aufgeschrieben, was die Tagesstätte für sie bedeutet.

Zum 25-jährigen Bestehen der Einrichtung haben die Klienten und Mitarbeiterinnen aufgeschrieben, was die Tagesstätte für sie bedeutet.

(Foto: Jana Islinger)

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