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SZ-Serie: Im Märzen der Bauer:Wenn Gewissheiten schwinden

Markus Friedinger musste den jungen Fichtenwald an der B 2 wegen des Borkenkäfers fällen. Nun hat er Ahorn und Douglasie gepflanzt.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Lange war der Wald für die Bauern eine sichere Anlage. Nun bricht mit Macht der Klimawandel herein

Lange Zeit war der Wald die "Sparbüchse der Bauern". Wenn ein Landwirt Geld brauchte, um zu bauen, Maschinen zu kaufen oder eine schlechte Ernte auszugleichen, schnitt er die passende Zahl Bäume um und verkaufte das Holz. Lange Zeit pflanzten die Bauern Bäume für ihre Kinder und Enkel. 80 bis 100 Jahre dauert es, bis man das Holz ernten kann. Waldbesitzer und Forstleute schauen weit in die Zukunft. Lange Zeit war der Winter die Zeit der Waldarbeit. Zum einen, weil dann die Feldarbeit ruht. Zum anderen, weil man gefrorene Böden befahren kann, ohne große Schäden anzurichten. So erklärt es Markus Friedinger, 44, aus Alling.

Nun ist alles anders, und wie es noch werden wird, weiß keiner. Im Klimawandel schwinden alte Gewissheiten. Welche Bäume ein Waldbesitzer heute pflanzen kann, damit kommende Generationen sie verwerten können, weiß momentan niemand. In diesem Januar ist es so warm wie früher im März, Frost gibt es höchstens nachts. Andererseits ist es so trocken, dass die Waldarbeit trotzdem nur wenig Schäden verursachen würde.

Doch in den Wald fahren die Bauern momentan nur, um Bäume herauszuholen, die irgendwie kaputt gegangen sind - vom Sturm entwurzelt, unter feuchtem Schnee gebrochen wie im Januar 2019, vom Borkenkäfer zerfressen.

Mit Macht ist der Klimawandel besonders über den Wald hereingebrochen, und das macht Friedinger große Sorgen. Extreme Wetterereignisse nehmen zu. Starke Stürme, Trockenheit, heftige Schneefälle: "Die Häufung ist extrem. Ein normales Jahr gibt es nimmer", sagt Friedinger. Und das weltweit - "ein Wahnsinn." Dazu kommt die große Hitze. Früher habe man bei zwei bis drei Tagen über 30 Grad von einer Hitzewelle gesprochen. Jetzt gebe es viele Tage, an denen es fast 40 Grad warm werde. Das setzt die Bäume unter Stress, die dadurch anfälliger werden für Schädlinge und Krankheiten. Werden die Temperaturen zu hoch, vertrocknen sie.

Auch für die Menschen ist die Hitze anstrengend. Friedinger und seine Leute gehen deshalb an heißen Sommertagen oft erst abends zum Arbeiten in den Wald. Dabei habe der Landkreis noch Glück gehabt, sagt Paul Högenauer. Durch den kühlen und regnerischen Mai sei die Trockenheit nicht so schlimm gewesen, und auch der Borkenkäferbefall hielt sich in Grenzen. Der Forstwirt ist Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung, die im Landkreis 800 Mitglieder hat. Sie besitzen zusammen 4500 Hektar Wald.

75 Hektar davon gehören Friedinger, wie zuvor seinem Vater, dem Großvater - vier oder fünf Generationen. Er ist damit einer der größten Waldbauern im Landkreis. Statt aus dem Wald Geld herausholen zu können, muss er momentan welches hineinstecken. "Normalerweise macht das Waldeinkommen die Hälfte vom Einkommen des Betriebs aus", sagt er. Jetzt muss er die Ausfälle kompensieren mit dem Einkommen aus der Pensionspferdehaltung und dem Kartoffelanbau. Sogar seine Rücklagen muss Friedinger angreifen.

Es gibt momentan in Europa so viel "Kalamitätsholz", dass die Preise im Keller sind. "Seit dem Sturm ist es schlecht, wir machen keinen gezielten Hieb mehr." Am 31. März und 1. April 2015 verursachte ein Orkan riesige Schäden, auch bei Friedinger. Auf zwei Hektar warf er Bäume um, 2500 Kubikmeter Holz waren es. Dann kamen der Borkenkäfer und die extrem trockenen Jahre 2018 und 2019 sowie im Januar 2019 die extremen Schneefälle, unter denen zahlreiche Bäume abknickten. In Thüringen, Niedersachsen und Hessen, auch in Franken, stehen wegen der Trockenheit in ganzen Landstrichen keine Fichten mehr, berichtet Paul Högenauer. In der Folge sei die doppelte Menge Holz wie sonst auf den Markt gekommen, 100 Millionen Festmeter, und schon 2017 war viel Holz auf dem Markt. Die Preise verfallen. Vor 2015 wurden Högenauer zufolge 90 bis 95 Euro für den Festmeter Frischholz bezahlt, voriges Hagr waren es nur noch 60 Euro. Der Preis für Käferholz lag bei 30 Euro pro Festmeter. Inzwischen würden wieder etwa 70 Euro für Frischholz gezahlt. Die Situation bringt auch die Unternehmer in die Bredouille, die Holzarbeiten anbieten. Oft sind das Bauern, bei denen sich die Landwirtschaft alleine nicht lohnt. "Die haben zu kämpfen, weil es keine Einschläge mehr gibt", erklärt Högenauer. Die teuren Harvester, Walderntemaschinen, müssen trotzdem abbezahlt werden. 600 000 bis 800 000 Euro kostet ein Harvester. So führen Unternehmer samt ihren Maschinen für die Holzarbeiten nach Mitteldeutschland, weiß Friedinger. Und auch in diesem Bereich gibt es Konzentration: "Drei bis vier große Sägewerke haben den Markt in der Hand." Die kleinen "Säger", mit denen die Waldbauern selbst die Preise aushandeln konnten, geben auf.

An einem sonnigen Januartag steht Friedinger auf einer fast baumfreien Fläche nordöstlich der Bundesstraße 2 bei Hoflach, die etwa so groß ist wie ein Fußballfeld. Die Fichten, die dort standen, waren vom Borkenkäfer befallen, sie mussten gefällt werden. Sie wurden nur 25 Jahre alt, nicht wie normal 80 oder 100 Jahre. Im Hintergrund sind noch einige zu sehen, die Stämme kahl, nur ganz oben noch ein paar grüne Zweige. Links wachsen neue Bäume. Zwischen die Stümpfe haben Friedingers Bergahorn und Douglasien, ein Nadelgehölz, gepflanzt, in der Hoffnung, dass diese Arten den neuen Bedingungen trotzen werden. Wo die Douglasie nicht hochkommt, pflanzt Friedinger Lärchen nach.

Weiter den Hügel hinauf öffnet sich der Blick über die Hoflacher Kirche zur Zugspitze. Dort wachsen junge Fichten. Sie haben sich selber ausgesät. Diese Naturverjüngung ist Friedinger am liebsten. Die Fichten bildeten dann tiefere Wurzeln aus und kämen besser mit Trockenheit zurecht, sagt er. Daneben ein Schlag mit Buchen und Tannen, die unter einigen alten Bäumen wachsen. Beide Arten wachsen gerne im Schatten. An den feuchteren Stellen in Friedingers Wald standen Eschen. Die hat das Eschentriebsterben zu 95 Prozent zerstört. Der Erreger, ein Pilz, stammt wohl ursprünglich aus Japan. "Die Globalisierung ist für den Wald eine Katastrophe", sagt Friedinger. Auch andere gefährliche Erreger stammen aus fernen Ländern - der Käfer, der die meisten europäischen Ulmen getötet hat, wurde aus Amerika eingeschleppt, der gefürchtete Laubholzbockkäfer aus Asien. Wenn es warm ist, breiten sie sich leichter aus.

Douglasien und Ahorn, Buchen und Tannen hat Friedinger eingezäunt, damit die Rehe sie nicht anknabbern. Er hat Verständnis für die Tiere. Wenn man zu viel einzäune, fänden die Rehe nirgends mehr Schutz. Sie hätten ohnehin Stress durch die Erholungssuchenden. Oft fahren noch abends Mountainbiker durch den Wald, sagt der Bauer. Ganz in der Nähe liegt Eichenau mit seinen gut 12 000 Einwohnern.

Vielleicht können neue Baumarten den Wald retten. Unter bestimmten Bedingungen werden die Pflanzungen gefördert. Friedinger hat Roteichen angepflanzt, sie stammen wie die Douglasie aus Amerika. Baumhaseln vom Balkan will er heuer setzen. Wie sich Baumarten von anderen Kontinenten auf das Ökosystem Wald auswirken, ist kaum untersucht. Die Forstleute versuchen verzweifelt, den Wald zu retten. Bei Friedinger kommen auch heimische Roterlen und Flatterulmen zum Einsatz. Gerade die Roterle habe ein tolles Holz, schwärmt er, es eigne sich gut zum Möbelbau. Aber auch beim Holz gibt es Moden. "Der Markt ist Irrsinn." Einige Jahre sei Buchenholz mit rotem Kern praktisch unverkäuflich gewesen, nun sei es wieder "in". Ob in ein paar Jahrzehnten, wenn die Roterlen soweit sind, ihr Holz gerade gefragt sein wird - wer weiß das schon.

In der Zwischenzeit hoffen Friedinger und Högenauer wie alle Waldbesitzer und Forstleute auf eines: genug Niederschläge. "Spätestens im Frühjahr brauchen wir Regen", sagt Högenauer. Ob es wirklich wegen des Klimawandels so trocken sei, wisse er nicht. Dass es gleichzeitig so heiß ist, sei aber neu. "Mir wär's lieber, es würde viel regnen."

© SZ vom 18.01.2020
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