Religion Broschüre gegen Evolutionslehre in Fürstenfeldbruck verteilt

  • In Fürstenfeldbruck wird eine Broschüre mit kreationistischen Inhalten verteilt. Anhänger des Kreationismus lehnen die Evolutionstheorie als Irrlehre ab.
  • Die Anhänger der Theorie sind überwiegend christlich. Die Broschüre in Fürstenfeldbruck stammt aber von dem muslimischen Publizisten Adnan Oktar.
  • Oktar ist unter Muslimen sehr umstritten.
  • Der bayerische Verfassungsschutz weiß von der Broschüre, unternimmt aber nichts: Darin steht nämlich nichts, was sich gegen Staat und Verfassung richtet.
Von Peter Bierl

Aufsehen hat vor kurzem eine Postwurfsendung an Fürstenfeldbrucker Haushalte erregt. Im Briefkasten fanden Einwohner eine bunte Broschüre, in der die Evolutionstheorie als Irrlehre abgetan wurde. Das Heft stammt allerdings nicht von christlichen Fundamentalisten, sondern aus muslimischen Kreisen. "Das steckte bei mir und meinen Nachbarn im Postkasten", erzählte ein Leser, der das Pamphlet der Redaktion zugeschickt hat. Der Mann wohnt im Norden der Stadt.

Die Broschüre enthält eine islamische Variante des sogenannten Kreationismus. Dessen Anhänger, überwiegend christliche Fundamentalisten, leugnen die Evolution von Pflanzen, Tieren sowie des Menschen und behaupten, alle Lebewesen seien von Gott so geschaffen worden, wie man sie heute antrifft. Ähnlich argumentiert der türkische Publizist Adnan Oktar. Er ist auch der Urheber der in Bruck verteilten Broschüre. Demnach gilt Allah als wahrer Schöpfer aller Lebewesen. Oktars Ziel ist es, mit dem Kampf gegen den Darwinismus "den Atheismus zu beseitigen und die Moral des Quran zu verbreiten".

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Der Islambeauftragte der evangelischen Kirche in Bayern deutet Oktars Werk als Teil einer "Protestantisierung" des Islam. In Konfrontation mit dem Westen habe sich im späten 19. Jahrhundert die Salafiyya entwickelt, eine ultrakonservative Strömung, die den Koran als wahre Quelle des Glaubens in den Mittelpunkt stelle, erklärte Rainer Oechslen. Daraus sei eine regelrechte Koran-Lesebewegung entstanden.

Diese Strömung suche auf alle Fragen die Antwort ausschließlich im Koran. Oechslen stellt Oktar in diese Tradition. Mit seinen Attacken auf die Evolutionstheorie schließe dieser eine "Marktlücke" und stütze sich dabei auf ein Produkt des amerikanischen Fundamentalismus, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die liberale Theologie wandte. "Im Islam gibt es für den Kreationismus keine Tradition", sagt Oechslen.

Ein weiteres Markenzeichen Oktars sind Verschwörungsgeschichten. Er behauptet, eine weltweite Allianz würde den Darwinismus gezielt verbreiten, die Evolutionslehre sei nichts anderes als ein großer Betrug. Organisationen wie die kurdische PKK, die Terrororganisation Islamischer Staat oder die Gülen-Bewegung seien Werkzeuge des britischen "tiefen Staates", also der Geheimdienste ihrer Majestät. Ebenfalls von christlich-konservativen Klassikern übernommen hat Oktar die Wahnvorstellung, überall seien Freimaurer am Werke, etwa als Drahtzieher der Französischen und der Oktoberrevolution.

Missionierung statt Gewalt und Terror

Dem bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz ist bekannt, dass die Publikation gegen die Evolutionslehre in Hausbriefkästen im Großraum München vielfach verteilt wurde. "Eine gegen den Staat gerichtete Zielsetzung ist aus der Publikation nicht erkennbar", erklärte ein Sprecher der Behörde. Allerdings würden Publikationen von Oktar in der Milli-Görüs-Bewegung breit rezipiert.

Nach Angaben des baden-württembergischen Verfassungsschutzes bezog sich die dortige Szene der "Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs" ebenfalls positiv auf Oktars Lehren. Seine Schriften seien bei Veranstaltungen zugänglich gemacht worden, außerdem gab es Veranstaltungen arabischer Muslimbrüder zur "Wissenschaft im Islam", in denen Oktars Lehren zur Evolution benutzt wurden, sagte ein Sprecher der Behörde. Oktar selbst habe einer Stiftung namens "Bilim Arastirma Vakfi", zu deutsch Stiftung Wissenschaft und Forschung, vorgestanden, die aber auf deutschem Boden nie institutionalisiert worden sei.

Der bayerische Verfassungsschutz wiederum rechnet das Deutsch-Türkische Kulturzentrum in Fürstenfeldbruck der Milli Görüs zu, wobei der Sprecher betont, dass es sich um einen Zweig des Islamismus handelt, der auf Missionierung und nicht auf Gewalt und Terror setze, um seine Vorstellungen zu verbreiten. "Das ist eine deutlich andere Form des Islamismus, und nicht jeder, der dort hingeht, ist ein Extremist", betonte der Sprecher der Behörde.

Der Sprecher des Deutsch-Türkischen Kulturzentrums wiederum distanzierte sich von Oktar. "Der Mann verbreitet seine private Meinung und schadet dem Islam eher", sagte Abdelkader Sahin. In der Türkei betreibe Oktar sogar einen eigenen Fernsehsender, sei beliebt und habe viele Anhänger, "aber nicht in Bruck", betonte Sahin.

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