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Zeitzeugin spricht über Hitlers Halbschwester:"Ich hatte eine Vorahnung"

Angela Hammitzsch mit Adolf Hitler

Ein Foto, das Heinrich Hoffmann am Obersalzberg aufgenommen hat, zeigt Angela Hammitzsch in einem privaten Moment mit Adolf Hitler.

(Foto: Bayerische Staatsbibliothek München/Bildarchiv)

Vier Jahre lang lebt Angela Hammitzsch nach dem Zweiten Weltkrieg in Germering. Erst nach ihrem Tod erfährt Zeitzeugin Anni Seitz, wer sie war: Adolf Hitlers Halbschwester.

Interview von Florian Haamann

Gerade einmal 13 Jahre alt war Anni Seitz, als im Dezember 1945 eine unbekannte Frau in dem Wirtshaus auftauchte, in dem sie als Aushilfe arbeitete. Sie stellte sich als Angela Hammitzsch vor und fand schnell Anschluss an den Männer-Stammtisch. Auch Seitz redete oft mit der Frau, die sich rühmte, einige Nazigrößen zu kennen. Wer sie war, hat Anni Seitz erst nach deren Tod im Oktober 1949 herausgefunden - durch einen Zufall. Seitdem wusste Seitz, dass die Frau, die sie da kennengelernt hat, die Halbschwester von Adolf Hitler war.

SZ: Frau Seitz, wie haben Sie denn damals herausgefunden, wer Frau Hammitzsch war?

Ich bin in Pasing in die Schule gegangen und eines Morgens habe ich am Bahnhof auf einer Illustrierten ein Foto gesehen, das ich kannte. Hammitzsch hatte es mir gezeigt. Es zeigte eine junge Frau zusammen mit Adolf Hitler. Hammitzsch hat erzählt, dass das ihre Tochter Angela Raubal sei, die bei einem Autounfall gestorben ist (Anmerkung der Redaktion: Angela Raubal ist nicht bei einem Autounfall ums Leben gekommen, sondern hat sich im September 1931 mit Hitlers Waffe in dessen Wohnung das Leben genommen). Unter dem Bild stand, dass da Hitler mit seiner Nichte zu sehen ist. Und da ich wusste, dass sie auch Hammitzschs Tochter ist, ist mir klar geworden, dass Hammitzsch Hitlers Schwester war.

Zeitzeugin Anni Seitz

Anni Seitz, 83, hat als Jugendliche regelmäßig mit Hammitzsch gesprochen.

(Foto: Günther Reger)

Wie haben Sie sich in dem Moment gefühlt?

Ich war schon ein bisschen sprachlos, weil ich ja keine Ahnung hatte. Ich habe schon gewusst, dass sie mit den Nazis Kontakt gehabt hat und dass ihr Mann beim Regime beschäftigt war, aber dass sie die Schwester war, davon hatte ich keine Ahnung.

Hat sich durch diese Erkenntnis ihr Bild von Hammitzsch geändert?

Eigentlich nicht, ich hatte ja schon eine Vorahnung, durch ihre Erzählungen.

Wie war denn Ihr Verhältnis zu Angela Hammitzsch?

Sehr gut.

Inwiefern?

Sie war ja als Gast bei uns und so habe ich sie kennengelernt. Wir haben uns regelmäßig unterhalten, weil ich oft bei ihr am Tisch saß, um Hausaufgaben zu machen. Und wenn sie nach dem Mittagessen am Stammtisch Zeit hatte, hat sie mir von ihrem Leben erzählt.

Hitler's Schwester

Die polizeiliche Bestätigung zeigt, dass Hammitzsch seit dem 7. Dezember 1945 in Germering gemeldet war.

(Foto: Günther Reger)

Was hat sie Ihnen denn erzählt?

Vor allem belanglose Sachen. Von ihrem ersten Mann, der früh verstorben ist (A.d.R.: Hammitzsch hat 1903 Leo Raubal geheiratet, der 1910 im Alter von 31 starb). Davon, dass sie sehr lange alleine war, bis sie 1936 den Architekten Martin Hammitzsch heiratete, mit dem sie im bis heute bekannten Haus an der Sonne in Radebeul gelebt hat.

Hat sie auch von ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus gesprochen und davon, wie sie nach Germering gekommen ist?

Sie hat angedeutet, dass sie gute Kontakte zu mehreren Nazigrößen hat, das habe ich also gewusst. Wie sie nach Germering gekommen ist, weiß ich nicht, da habe ich nicht nachgefragt. Sie war halt einfach auf einmal da.

Wahrscheinlich hat sie auch am Stammtisch über ihre Kontakte gesprochen. Wie haben die anderen reagiert?

Sie hat guten Anklang gefunden und war da auch nicht hochnäsig oder so. Die haben sich einfach wunderbar unterhalten. Zum Thema Nationalsozialismus habe ich eigentlich keine Kommentare gehört und da hat auch niemand nachgeforscht, es wurde eher ausgeklammert.

Und wie war Angela Hammitzsch im Ort integriert?

So weit ich das mitbekommen habe, hatte sie mit niemandem großartig Kontakt. Vielleicht mit ein paar Menschen. Sie hatte ihre Stammtisch und aus. Sie hatte noch einen Neffen in Herrsching, der Professor für Japanologie war, den hat sie immer am Sonntag besucht.

Wie kommt es, dass die Geschichte erst jetzt, 70 Jahre später, an die Öffentlichkeit kommt?

Ich hatte es damals meinen Eltern erzählt, aber die haben sich nicht groß dafür interessiert. Ich habe auch nicht gedacht, dass das irgendwie interessant ist. Erst jetzt hat mich jemand zufällig auf Frau Hammitzsch angesprochen und da habe ich erwähnt, wer sie war. So ist das dann losgegangen.

© SZ vom 07.11.2015/axi

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