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Fürstenfeldbruck:Wenn die gefräßigen Muntjaks kommen

Die gefräßigen Hirsche stammen aus Asien. Mitte Mai verendete in Esting einer nach einem Verkehrsunfall. Kurz darauf fotografierte eine Wildkamera ein zweites Tier. Am Wochenende tauchte ein Muntjak in Germering auf.

(Foto: Privat/oh)

Im Landkreis sind die Tiere in kurzer Zeit und an mehreren Stellen aufgetaucht. Ein Jäger rät zur Vorsicht vor der asiatischen Hirschart. Und das Landratsamt überlegt, ob sie bejagt werden dürfen.

Von Ingrid Hügenell, Fürstenfeldbruck

Was tut man, wenn man plötzlich einem Muntjak gegenüber steht? Die Frage ist nicht so abwegig, wie sie klingt. Denn genau das ist einer Frau in Germering am Samstag passiert. Sie entdeckte einen der asiatischen Hirsche, die etwa so groß sind wie Rehe, in ihrem Garten. Michael Pöllmann von der Kreisgruppe des bayerischen Jagdverbands rät dazu, Abstand zu halten, Polizei und Jagdpächter zu verständigen und das Tier in Ruhe zu lassen. Auch den eigenen Hund sollte man fernhalten. "Man kann nicht davon ausgehen, dass die zutraulich sind", sagt Pöllmann. Die Tiere seien prinzipiell wehrhaft. "Man weiß nicht, wo die herkommen und wie sie drauf sind."

Seit Mitte Mai sind mehrfach Muntjaks im Landkreis aufgetaucht - zunächst in Esting, wo eines bei einem Verkehrsunfall getötet wurde. Der dortige Jagdpächter kontrollierte seine Wildkamera, und siehe da: Es fanden sich Aufnahmen eines zweiten Tiers darauf, entstanden wenige Tage nach dem Unfall. Aus Grafrath meldete ein Jäger eine Sichtung, und dann tauchte eben in dem Germeringer Garten ein weiterer Muntjak auf. Es wurde laut Polizeibericht eingefangen, dann aber wieder freigelassen.

Für Pöllmann ist klar: Es sind mehrere Tiere unterwegs. Der Jäger hält es für unwahrscheinlich, dass eines die weite Strecke zwischen Esting, Germering und Grafrath wandert. Und er hat eine Hypothese, woher die Hirsche kommen: "Da muss jemand die Tiere in größerem Stil freigelassen haben, an mehreren Stellen."

Gäbe es im Landkreis schon länger Muntjaks, wären sie den Jägern aufgefallen, sagt Pöllmann - unter anderem durch Aufnahmen von Wildkameras. Es seien aber nun fast gleichzeitig mehrere Tiere aufgetaucht, fünf bis sechs seien unterwegs, schätzt er. Seine Hypothese sieht er dadurch gestützt, dass das Tier im Germeringer Garten sich offenbar gut einfangen ließ. Daraus folgert er, dass es recht zutraulich war und an Menschen gewöhnt.

Womöglich hat jemand die Tiere ausgesetzt, der sie privat gehalten hatte. Pöllmann hält davon gar nichts. "Wer meint, er muss sich solche Tiere halten, tut den hiesigen Arten keinen Gefallen." Muntjaks gelten als invasive Art. Die kleinen asiatischen Hirsche sind sehr tüchtig bei der Fortpflanzung und dazu gefräßig.

Anders als heimische Hirscharten fressen sie nicht nur Pflanzen, sondern, zumindest laut der Homepage des Münchner Tierparks, auch Eier, Aas und Kleintiere. Die EU hat sie 2017 auf eine Liste mit invasiven Arten gesetzt. Die Mitgliedstaaten sollen seither gegen eine weitere Verbreitung der aufgeführten Arten vorgehen. Denn sie könnten der heimischen Artenvielfalt ernsthaft schaden, wenn sie sich weiter ausbreiten. Das soll verhindert werden.

Wie das zu geschehen hat, wenn die Hirsche in der freien Wildbahn auftauchen, ist jedoch unklar. Man sei gerade ein "bissl hilflos", sagt Luitgard Reigl, Pressesprecherin des Landratsamts. Die Untere Naturschutzbehörde arbeite an dem Problem. Zunächst würden nun die Jäger befragt, um herauszufinden, wie viele Tiere im Landkreis unterwegs sind beziehungsweise, wie viele sie gesehen haben.

Reigl zufolge gibt es nach dem Bundesnaturschutzgesetz die Möglichkeit, die Muntjaks zu schießen. Da sie nicht im Jagdrecht vorkommen, müsste es für Jäger Einzelgenehmigungen geben oder eine Allgemeinverfügung. Der Landkreis ist laut Reigl dabei, zusammen mit der Regierung von Oberbayern die rechtlichen Grundlagen dafür zu schaffen, dass die Tiere bejagt werden dürfen. "Wenn wir eine klare, rechtssichere Anweisung bekommen, halten wir uns dran", verspricht Pöllmann.

Weder Jäger noch Grundstücks- und Waldbesitzer seien begeistert davon, dass es im Landkreis eine zweite Art geben könnte, die mit großem Appetit junge Triebe verspeist. "Das will hier keiner. Wenn wir so viele Muntjaks hätten wie Rehe, hätten wir ein doppeltes Problem."

© SZ vom 08.06.2021/infu
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