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Fröttmaning:Wie die Allianz Arena funktioniert

Damit 75 000 Zuschauer ein Fußballspiel anschauen können, Besichtigungen reibungslos ablaufen und der Verkehr auf der A 9 ohne Unfälle weiterläuft, steckt im Ufo eine ausgeklügelte Infrastruktur.

Von Günther Knoll

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Allianz-Arena bei Nacht in München, 2012.

Quelle: Johannes Simon

Die Allianz Arena München hat viele prägende Gebäude, die jeder kennt - doch meist sind nur einzelne Bereiche öffentlich zugänglich. Den Stadionbesuchern sind Ränge, Museum und Gastronomie vertraut, um den Betrieb zu gewährleisten, gibt es aber auch Büros, eine Großküche, eine aufwendige Technik und eine Zentrale zur Überwachung.

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Kurz und glatt

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Quelle: Stephan Rumpf

Bei Regen ist Fußball hier regelrecht zu riechen. Christian Dinauer, der Greenkeeper, steht da in kurzer Sporthose, ein paar Grashalme im Gesicht. Am Morgen habe er sich bereits um das Trainingsgelände der Bayern an der Säbener Straße gekümmert, sagt er, "da hört man den Regen nicht so". Den mag Dinauer nicht, weil er dem Rasen in der Arena nicht bekommt, der werde bei der vielen Nässe "ganz mau". Auf dem Spielfeld - 105 Meter lang, 68 Meter breit - fahren gerade Dinauers Kollegen mit Handrasenmähern auf und ab, die große Mähmaschine ist am Rand geparkt, "sonst zerdrückt's ihn", sagt der Greenkeeper.

Drei mal pro Woche müsse man bei den vielen Niederschlägen mähen, weil: "Der FC Bayern liebt es kurz und glatt", wie Geschäftsführer Muth erklärt. Auch die Teilnehmer der Stadionführungen bekommen diesen Satz zu hören, wenn sie ehrfürchtig am Spielfeldrand stehen. Deshalb braucht der Hybridrasen, eine spezielle Mischung aus aufgenähtem Kunstrasen und natürlichem Gras, viel Pflege. Windmaschinen stehen am Rand, künstliches Licht ersetzt die Sonne im "Bunker", wie Dinauer die Arena nennt. Und dann müssen noch die Tauben verjagt werden, weil die auf frisch ausgesäte Grassamen ganz wild sind.

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Unterm Dach wird es technisch

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Quelle: Stephan Rumpf

Man muss sich beeilen, wenn man Christian Usselmann unters Dach der Arena folgen will. Der stellvertretende technische Leiter ist gut zu Fuß, an die 20 Kilometer seien es schon, die er an manchen Spieltagen hier zurücklege, sagt er. Für einen Teil davon sollte man schwindelfrei sein, denn ganz oben unterm Dach auf dem mehrere tausend Tonnen schweren Stahlgerüst wird es steil und eng.

Die aufwendige Fassadenkonstruktion der Arena mit einer Fläche von 66 500 Quadratmetern besteht aus 2784 Kissen mit einer 0,2 Millimeter dünnen Folie. Diese von Stahlträgern gehaltene Haut ist zu 98 Prozent UV-durchlässig und selbstreinigend. Als die neue LED-Beleuchtung installiert wurde, dauerte das 158 Tage, Bergsteiger erledigten die Montage. Die ganze Technik der Arena ist auf Ebene sechs auf 30 000 Quadratmetern untergebracht, auch die Heizung für den Rasen ganz unten.

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Trophäen und Koryphäen

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Quelle: Stephan Rumpf

Die wahren Fans, die kommen nicht nur zu den Spielen. Es gibt welche, die neun bis zehn Mal pro Jahr die FC-Bayern-Erlebniswelt auf Ebene drei besuchen. Petra Leutstedt ist die Chefin des "mit Abstand größten Vereinsmuseums in Deutschland" mit gut 300 000 Besuchern jährlich. Schon 20 Minuten vor neun Uhr morgens stehen die ersten an in den Ferien, um die Erlebniswelt und in der Regel auch den benachbarten Megastore zu besuchen.

Zehn fest Angestellte und 20 Aushilfen haben bei Hochbetrieb einiges zu tun auf den 3000 Quadratmetern mit 500 Exponaten. Dabei geht es natürlich um Sieger und Pokale, ausgestellt in der Hall of Fame und auf der Via Triumphalis. Dem Museum ist laut Leutstedt aber auch die Vermittlung von Werten wie Fairness und Toleranz ein Anliegen. Attraktionen sind aber natürlich die aktuellen Profis in Form lebensgroßer Pappkameraden, neben denen man sich so schön ablichten lassen kann. "Wir haben angefangen und hatten nichts", deshalb sei die Ausstellung "ein laufender Prozess", sagt Leutstedt, man habe noch Platz für eine Erweiterung. Und Ruhetage, wie sei für Museen üblich sind? "Wir haben die unseren, wenn Sechzig spielt. Da wird alles, was rot ist und an den FCB erinnert, abgehängt und abmontiert. Wir sind dann unsichtbar", sagt Petra Leutstedt.

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Herr der Arena

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Quelle: Stephan Rumpf

Was hat Bamberg mit der Allianz Arena zu tun? Nun - das Stadion könnte alle 70 000 Einwohner dieser Stadt locker aufnehmen. Jürgen Muth, Geschäftsführer der Stadion GmbH, gebraucht den Vergleich mit einer bayerischen Mittelstadt, um zu verdeutlichen, was ausverkauft für ihn und seine Crew bedeutet - nämlich ganz schön viel Verantwortung und Arbeit. An diesem Freitag ist es wieder so weit: Der FC Bayern eröffnet die neue Bundesligasaison mit einem Heimspiel gegen Werder Bremen, für Muth beginnt damit der Alltag. Den Begriff "Sommerpause" kenne man nicht in der Arena, sagt der gelernte Bauingenieur. Wenn keine Fußballspiele stattfinden, dann sei "Hauptumbauphase".

In Muths Büro auf Ebene vier, wo auf 800 Quadratmetern die Stadion-Verwaltung untergebracht ist, hängen verschiedene Bayern-Trikots. Ob er denn eines davon zu den Spielen anziehe? Das verneint der Geschäftsführer, aber er sei bei jedem Spiel dabei und "natürlich" bekennender Bayern-Fan. "Ich liebe meinen Job", sagt Muth. Vor 15 Jahren sei er hier eingezogen, da habe "Goldgräberstimmung" geherrscht. Muths Team selbst umfasst 28 Mitarbeiter, in einem vollen Stadion sind etwa 1500 Personen beschäftigt, davon 700 im Service und 500 im Ordnungsdienst. Insgesamt sind in der Arena auf 3000 Quadratmetern Büros untergebracht. "Fremdmieter" habe man keine, sagt Muth. Ein Teil der FCB-IT-Abteilung ist eingezogen, dazu die Verwaltung für Catering und Events. Muth braucht also kein Telefon für Besprechungen.

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Nah am durstigen Gast

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Quelle: Stephan Rumpf

Helle Stimmen singen "Happy Birthday". Im Arena Bistro wird gerade Kindergeburtstag gefeiert. Das sei "Tagesgeschäft" hier auf Ebene drei, sagt Alexander Jakobs (Foto). Er ist "Food and Beverage Manager". Was hinter dieser Bezeichnung steckt, lässt sich erahnen, wenn Jakobs etwas über die Gastronomie im Stadion erzählt. Dafür arbeitet er seit sechseinhalb Jahren, inzwischen für die Do&Co, die die Arena One übernommen hat und auch für Catering und Eventmanagement zuständig ist. "Am Gast sein" beschreibt Jakobs das Prinzip, das in allen Bereichen zähle vom Kiosk bis in den VIP-Bereich mit Logen und Eventboxen. Die Wünsche der Gäste reichen von den "wunderbarsten Spieltagsmenüs" (Jakobs) bis zur Bratwurst.

Im Paulaner-Fantreff gehen im Schnitt neben dem Essen pro Spiel 2800 Weißbier und 1850 Helle über die Theke, das ist zu riechen, auch wenn die Gaststätte leer ist. Die in Ebene vier eingerichtete Großküche, wo an Spieltagen neben 15 fest angestellten Köchen eine Brigade von 40 Mann im Einsatz ist, stoße an ihre Kapazitätsgrenzen, sagt Jakobs. Allein 450 Kräfte sind dann mit dem Service beschäftigt. Wer sich selbst versorgt, geht an einen der 28 Kioske. Deren "Chef" Gregor Holert kommt mit dem Tretroller - praktisch im Arenabereich. Der Schnitt 2015 pro Spiel an den Kiosken: 24 000 Bratwürste, 46 000 Bier, in der Champions League und bei Risikospielen nur alkoholfreies. Mit "verstärktem Einsatz von Bierläufern", die durch die Ränge eilen, will man den Ausstoß noch steigern.

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Schatzmeister

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Quelle: Stephan Rumpf

Der wahre Schatz liegt im Archiv neben der Erlebniswelt - 3700 Exponate, angefangen bei Trikots, die von den Spielern gestiftet wurden oder in den Kabinen hängen blieben, bis zum überdimensionalen Plastikfisch in Bayern-Farben, den ein Fanclub gebastelt und gespendet hat. "Die Leute bringen Sachen, an denen ihr Herz hängt," sagt Petra Leutstedt, die Erlebniswelt-Chefin, "und sie kommen dann auch und wollen das sehen". Archivar Andreas Wittner hat den Überblick, er weiß, wo er das Gewünschte findet . Erst jetzt kam es zu einem Trikot-Rücktausch: Peter Withe erhielt auf eigenen Wunsch das Dress, das er vor 34 Jahren nach dem Endspiel im Europapokal der Landesmeister zwischen dem FC Bayern und Aston Villa mit Klaus Augenthaler getauscht hatte, wieder zurück.

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Unter Kontrolle

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Quelle: Stephan Rumpf

Mit einem Umfang von 840 Metern und einer Gesamtnutzfläche von 171 000 Quadratmetern auf sieben Ebenen fasst die Arena 75 000 Zuschauer. Um das alles im Griff zu haben, sind ganz oben unter dem Dach Leitstellen eingerichtet. Die Haustechnik mit Belüftung und Beleuchtung wird von einer Leitzentrale aus gesteuert. Dort werden Informationen von 11 000 Datenpunkten zusammengefasst.

Dazu gibt es eine Verkehrsleitzentrale mit Überblick über die Autobahnen. Auf die muss auch bei der Stadionbeleuchtung Rücksicht genommen werden, "damit kein Autofahrer erschrickt", wie Muth sagt. Ganz oben tagt auch der "Krisenstab für heiße Lagen", daneben sind die Leitstände für Rettungsdienst und Polizei. Dort garantieren 17 Großbildkameras mit je 107 Einzelkameras den Überblick. Sogar ein Zigarettenstummel auf der Esplanade ist damit deutlich auszumachen, wie Christian Usselmann demonstriert, "damit haben wir schon manchen rausgefunden."

© SZ vom 23.08.2016/vewo, axi
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