Warten oder Handeln? Diskussion um einen unsichtbaren Feind

Die Belastungen durch den Flughafen sind laut Bürgerverein großräumig.

(Foto: Marco Einfeldt)

Staatsminister Florian Herrmann und Wolfgang Herrmann vom Bürgerverein über Ultrafeinstaub und die Folgen.

Wenn es um die Belastungen geht, die der Münchner Flughafen für die Menschen in der Region mit sich bringt, dann geht es schon seit geraumer Zeit - auch und gerade in der Debatte um die geplante dritte Startbahn - nicht mehr allein um den Lärm. Viele Bürger sorgen sich auch wegen möglicher Gesundheitsschäden durch Ultrafeinstäube, die bei der Verbrennung von Kerosin entstehen und vom Freisinger Bürgerverein rund um den Münchner Flughafen in deutlich erhöhter Konzentration gemessen werden. Ob und wie gefährlich die ultrafeinen Partikel (UFP) tatsächlich sind und was für Konsequenzen aus den Messungen zu ziehen sind, darüber diskutiert der Bürgerverein stellvertretend für die Staatsregierung schon seit Wochen öffentlich mit dem Freisinger Stimmkreisabgeordneten, Staatsminister Florian Herrmann. Für die Freisinger SZ haben der Minister und Wolfgang Herrmann vom Bürgerverein Fragen zum Ultrafeinstaub beantwortet.

Sind erhöhte UFP-Konzentrationen im Flughafenumland ausschließlich auf den Flughafen zurückzuführen oder sind auch andere Emittenten bekannt?

Wolfgang Herrmann: Für die Region hier können wir sagen, dass der Flughafen der größte Emittent ist. Nur ein Gramm Kerosin verbrennt zu 100 Milliarden Partikeln mit Partikelgrößen zwischen zehn und 50-millionstel Millimeter; am Flughafen werden täglich mehr als 500 000 Liter Kerosin bodennah verbrannt. Der Wind trägt die Abgaswolke ins Umland; dabei nimmt die Konzentration mit der Entfernung vom Flughafen ab. In Ortschaften direkt am Flughafen haben wir, abhängig von Wind und Wetterlage, Konzentrationen gemessen, die mehr als das 20-fache über der Normalbelastung liegen - in mehr als zehn Kilometern noch mehr als das Sechsfache. Auf Straßen können zum Teil ebenfalls hohe UFP-Konzentrationen gemessen werden. Etwa 100 Meter neben den Straßen sind diese Belastungen aber nicht mehr zu registrieren. Die Straßenbelastung ist lokal, die des Flughafens großräumig.

Florian Herrmann: UFP entstehen auf vielerlei Art und Weise, etwa bei allen Verbrennungsprozessen, insbesondere als Produkte unvollständiger Verbrennung von Kraft- und Brennstoffen. Quellen können natürlichen Ursprungs sein, wie zum Beispiel Waldbrände. Durch menschliche Aktivitäten werden UFP durch Verkehr, industrielle und gewerbliche Prozesse oder auch durch Hausfeuerungen emittiert. Auch bei beruflichen Tätigkeiten wie etwa beim Drucken oder Kopieren entstehen UFP, genau wie beim Abbrennen von Kerzen oder beim Betrieb eines Toasters, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Wir sind also überall und täglich von UFP umgeben.

Was sind befürchtete Auswirkungen von UFP?

Florian Herrmann: Zu den gesundheitlichen Auswirkungen liegen keine eindeutigen epidemiologischen Studien vor. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt für UFP bisher keine Beurteilungswerte bekannt. Ich halte es für nicht richtig, über mögliche gesundheitliche Auswirkungen zu spekulieren. Wir wollen die Menschen nicht verunsichern oder ihnen Angst machen. Mir liegt die Gesundheit der Menschen sehr am Herzen - eben darum geht es mir um wissenschaftliche Analysen statt Vermutungen. Mir wäre es deutlich lieber, wenn es schon tiefergehende Studien gäbe. Es wird aber erst intensiv daran gearbeitet - warten wir die Ergebnisse der Forschung ab. Alles andere wäre unseriös. Wir müssen auf der Grundlage gesicherter Fakten entscheiden. Diese seriös zu ermitteln - das ist keine Ausflucht, sondern ein zwingendes Gebot der Vernunft.

Die Verursacher von Ultrafeinstaub sind vielfältig.

(Foto: Catherina Hess)

Wolfgang Herrmann: Es handelt sich nicht um Befürchtungen, sondern um tatsächliche Folgen. Professorin Annette Peters vom Helmholtz-Zentrum München sagte dazu in der Anhörung im November 2017: "(Nur) ein Prozent der UFP kann die Lunge wieder verlassen, die wie ein Filter wirkt . . . sie können nicht von unserem Immunsystem erkannt werden . . . wir sehen den Zusammenhang zwischen Belastung und Atemwegserkrankungen und Herz- Kreislauf-Erkrankungen . . . und anderen Krankheitsfeldern (kognitive Prozesse und neurogenerative Prozesse, Diabetes)." In griffigen Worten handelt es sich um mehr Krankenhauseinweisungen wegen Atemwegserkrankungen, Herzinfarkten, Schlaganfällen. Neuerdings wurde auch Demenz als Folge festgestellt.

Was ist der aktuelle Stand der Forschung?

Wolfgang Herrmann: Es gibt Hunderte wissenschaftliche Publikationen, welche die Wirkung der UFP auf den Organismus und einzelne Funktionen untersucht haben. Viele Studien konnten die biochemischen Wirkungen im Reagenzglas zeigen, die zu Entzündungen und Funktionsausfall der Zellen führen. Keine Untersuchung konnte zeigen, dass UFP unbedenklich sind. Allerdings ist es schwierig, die UFP-Luftbelastung einer Region konkret mit einer bestimmten Erkrankung in Verbindung zu bringen. Epidemiologische Untersuchungen benötigen große Fallzahlen mit genauer Ursache für einen "Grenzwert". Daraus kann man aber nicht ableiten, dass man UFP ungehindert freisetzen darf, solange es keinen Grenzwert gibt. Die neue Norm EU 6c für Diesel- und Benzin-Fahrzeuge begrenzt bereits heute den maximal zulässigen Ausstoß von Partikeln. Für das Abgasverhalten von Triebwerken gibt es bis heute weder Grenzwerte noch Normen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Florian Herrmann: Nach Ansicht des Umweltbundesamtes fehlen derzeit die Grundlagen, um Grenz-, Richt- oder Informationsschwellenwerte festlegen zu können. Partikelanzahlkonzentrationen alleine sind ohne Kenntnis der Zusammensetzung, Form und Struktur nicht ausreichend, um solche Werte festzulegen. Die hierfür benötigten chemischen Analysen sind bei UFP-Messungen aufgrund der geringen Masse nur extrem aufwendig möglich - und dann auch nur nachträglich für eine ganz spezifische einzelne Messung. Großflächige oder dauerhafte Mess-Analysen sind derzeit nicht realisierbar.

Wann werden Grenzwerte für UFP voraussichtlich vorliegen?

Florian Herrmann: Für UFP gibt es in der EU- und deutschlandweit keine ausreichenden Beurteilungsgrundlagen - diese sind aber nötig für eine seriöse Grenzwertfestlegung. Auch die WHO hat noch keine Werte bekannt gegeben. Daher ist Bayern selbst aktiv und schafft eine fundierte Daten- und Faktengrundlage, zum Beispiel mit einer Studie zu UFP-Konzentrationen in der Außenluft (durchgeführt vom Landesamt für Umwelt, Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg und dem Helmholtz-Zentrum München). Gleichzeitig informieren wir uns über das Forschungsvorhaben des Bundes am Frankfurter Flughafen, der aufgrund seiner ortsübergreifenden Bedeutung als Referenz-Flughafen für Deutschland ausgewählt wurde.

Wolfgang Herrmann: Auf dem 2. UFP-Symposium in Berlin im Februar 2018 herrschte die Meinung vor, dass mit einem Grenzwert für UFP nicht vor zehn Jahren gerechnet werden kann. Nach allem, was wir heute wissen, können wir aber nicht zehn Jahre warten, zumal Grenzwerte immer politische Kompromisse zwischen Industrie (Verursacher) und der Medizin (Schützer) sind. Zum Schutz der Gesundheit ist es unverantwortlich, zu warten und den Betroffenen heute schon mögliche Maßnahmen zur Reduzierung der Belastungen vor zu enthalten.

Wolfgang Herrmann (links in blau) vom Bürgerverein fordert, dass die Ultrafeinstaub-Belastung sofort zu verringern ist.

(Foto: Lukas Barth)

Ist eine Festlegung von Grenzwerten für den Schutz der Bürger ausreichend?

Wolfgang Herrmann: UFP aus der Verbrennung von Kerosin enthalten wegen der fehlenden Abgasnachbehandlung sehr viele toxische und kanzerogene chemische Verbindungen. Allgemein kann keine tolerierbare Konzentration für solche UFP festgelegt werden, da es keinen Schwellenwert für krebserregende Substanzen gibt.

Florian Herrmann: Grenzwerte können eine wirkungsvolle Maßnahme zum Schutz der Bevölkerung sein - wenn sie auf wissenschaftlichen Studien basieren. Eine einfache Festlegung von Grenzwerten per Landtagsbeschluss wäre willkürlicher Aktionismus. Grenzwerte können nur dann eingehalten werden, wenn Grenzwerte existieren. Die Entscheidung, ob darüber hinaus noch weitere Maßnahmen erforderlich sind (zum Beispiel Verbote von bestimmten Stoffen oder Prozessen), kann erst nach Vorliegen weiterer wissenschaftlicher Ergebnisse getroffen werden.

Ultrafeine Partikel

Was sind Ultrafeine Partikel genau - und wie und wo werden sie überhaupt gemessen?

Bürgerverein: Ultrafeine Partikel (Ultrafeinstaub) sind die kleinsten Teile aller Stäube, die in der Luft vorkommen. Sie werden nicht gewogen, sondern gezählt, entweder mit einem Elektrometer (elektrisch aufgeladen) oder mit einem Kondensationspartikel-Zähler. Ihre Ausmaße reichen definitionsgemäß von Molekülgröße bis 100-millionstel Millimeter (100 nm). In wasserlöslicher Form sind sie gesundheitlich meist unbedenklich. Besonders viele krebserregende und toxische Stoffe enthalten UFP, die aus der Verbrennung von Flugzeugtriebwerken stammen. Katalysatoren oder Partikelfilter sind im Gegensatz zum Auto an Triebwerken technisch nicht realisierbar. Abgase aus Flugzeugtriebwerken gelangen deshalb ungefiltert in die Atemluft.

Florian Herrmann: "Ultrafeinstaub" wird synonym mit dem Ausdruck "ultrafeine Partikel" verwendet und mit UFP abgekürzt. Als Ultrafeinstaub werden Staubpartikel mit einem Durchmesser von weniger als 0,1 Mikrometer, einem zehntausendstel Millimeter, bezeichnet. Als Vergleich: Ein Haar ist etwa 0,1 Millimeter dick - also 1000 Mal dicker. Ferner wird zum Teil unterschieden zwischen sogenannten Nanopartikeln, die über bestimmte Materialeigenschaften verfügen und gezielt hergestellt werden (zum Beispiel LED-Herstellung) und UFP, die unbeabsichtigt oder natürlich erzeugt werden und Teil der Außen- und Innenraumluft sind. UFP werden nicht isoliert gemessen, sondern bei der von Feinstaub mit einer Partikelgröße von 2,5 Mikrometer (PM 2,5) und 10 Mikrometer (PM 10) miterfasst, tragen aber aufgrund der geringen Größe und folglich geringerer Masse kaum zum Messergebnis bei. sz

Was muss zum Schutz der Menschen passieren, bis endlich Grenzwerte vorliegen?

Florian Herrmann: Entsprechende Forschungen und Untersuchungen müssen zügig vorangetrieben werden, um eine ausreichende Erkenntnis- und Beurteilungsgrundlage zu erlangen. Allein in Bayern fördern wir die LfU-Studie mit 180 000 Euro.

Wolfgang Herrmann: Zunächst müssen die Menschen aufgeklärt werden, wo wie viele UFP in der Atemluft sind und was getan werden kann, um sie zu vermeiden. Das war die eindeutige Schlussfolgerung der Anhörung im Umweltausschuss. Leider wurde das dafür erforderliche Monitoring mit den Stimmen der CSU vereitelt. Sodann gilt das Minimierungsgebot. Das heißt: Vermeiden, wo möglich. Bei Kraftfahrzeugen gibt es Filter, die man effizient anbringen kann. Bei Flugzeugen gibt es keine Nachbehandlung der Abgase, so dass nur eine Reduzierung des Flugverkehrs Abhilfe bringt. Keinesfalls darf die Belastung durch noch mehr Flüge erhöht werden.

Was soll das von der Opposition im Landtag geforderte UFP-Monitoring bezwecken? Warum wurde dieser Antrag von der CSU-Mehrheit im Landtag abgelehnt?

Florian Herrmann: Die Mehrheitsfraktion ist der Argumentation der Staatsregierung gefolgt, dass weitere Ergebnisse der in Bayern laufenden Forschungsprojekte (Messungen des LfU, Forschungsprojekt am LGL) und von Projekten auf Bundesebene (Messnetz für ultrafeine Partikel, German Ultrafine Aerosol Network, UBA-Forschungsprojekt am Flughafen Frankfurt) abgewartet werden müssen, um eine Basis für weitere Entscheidungen, zum Beispiel über ergänzende Projekte im Bereich der Erforschung von UFP zu schaffen.

Wolfgang Herrmann: Das Monitoring sollte die UFP-Belastung durch den Flughafen ermitteln, denn der Flugverkehr und die Flughäfen in Deutschland haben noch keinerlei Aktivitäten zur Aufklärung unternommen. Ausnahme ist das Ufoplan-Projekt am Frankfurter Flughafen, welches allerdings nur Modellrechnungen durchführt. Da man die UFP-Konzentrationen auch messtechnisch und real erfassen kann, ist das letztlich eine absurde Methode. Ufoplan wurde inzwischen von den Messungen des Hessischen Landesamtes und des Umweltbundesamtes widerlegt. Warum die CSU es abgelehnt hat, wissen wir nicht. Es gibt aber sehr viele Parallelen zwischen dem Dieselskandal und dem Umgang mit dem Thema UFP. In Stuttgart hat immerhin ein Gericht entschieden: Gesundheit geht vor Mobilität.

Welche politische Ebene muss sich aktuell mit der Thematik befassen?

Wolfgang Herrmann: In der Fürsorgepflicht für die Gesundheit der Bürger steht an erster Stelle die Landesregierung, die als Haupteigentümerin auch für den Flughafen steht. Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende, Ministerpräsident Markus Söder, wurde von uns informiert, hat aber nie geantwortet. Unsere Schreiben an andere Ministerien wurden immer wieder weitergeleitet oder nichtssagend beantwortet. Vor Ort sehen wir besonders die Wahlkreisabgeordneten in der Pflicht, die von den Betroffenen gewählt wurden und in der direkten politischen Verantwortung stehen. Vielleicht sind nach der Landtagswahl die Karten neu gemischt und die dann politisch Verantwortlichen meinen es ernst mit der Aussage, Gesundheit vor eine ungezügelte Mobilität zu stellen. Dann könnte es auch schnelle erste Ergebnisse geben: den Verzicht auf den Bau einer dritten Startbahn, Planungen zur Verlagerung von Kurzstreckenflügen auf die Bahn und der Start eines UFP-Monitorings - alles Maßnahmen, die schon heute sofort umsetzbar wären.

Florian Herrmann: Grenzwerte werden auf Ebene der WHO beziehungsweise der EU festgelegt. Die entsprechenden Forschungen und Untersuchungen müssen zügig vorangetrieben werden. Bayern setzt sich dafür ausdrücklich ein und leistet seinen Beitrag.

Alarmierende Werte

Mit einem neuen Gerät kann der Bürgerverein Freising nun auch extrem kleine Schadstoffpartikel messen. Erste Ergebnisse zeigen laut Reinhard Kendlbacher eine erhebliche Belastung rund um den Flughafen Von Johann Kirchberger mehr...