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Überfall auf Kranzberger Reitstallbesitzer:Die Tücken der Erinnerung

Mordprozess Landshut

Der 18-Jährige Angeklagte gibt den Einbruch bei seinem Ex-Chef zu. Den Schlag auf den Kopf des Opfers soll aber ein anderer ausgeführt haben.

(Foto: dpa)

Das Landshuter Landgericht versucht zu klären, ob das schwer verletzte Opfer aus Kranzberg den Täter erkannt hat.

Von Alexander Kappen, Landshut/Kranzberg

Dass ein 51-jähriger Reitstallbetreiber aus Kranzberg im Februar 2020 bei einem Einbruch in seiner Wohnung von den Eindringlingen brutal niedergeschlagen worden ist und lebensgefährliche Verletzungen erlitten hat, ist zwar unstrittig. Nicht aber, wer genau bei der Tat dabei war. Von den beiden angeklagten Brüdern, 18 und 23 Jahre alt, die sich seit einem Monat am Landshuter Landgericht wegen versuchten Mordes verantworten müssen, gibt nur einer zu, an dem Einbruch beteiligt gewesen zu sein.

Der Fall ist kompliziert. Während der 18-Jährige behauptet, statt seines Bruders habe mit ihm ein anderer, nicht angeklagter Mann den Einbruch verübt und auch den lebensgefährlichen Schlag auf den Kopf des Opfers ausgeführt, will der Reitstallbetreiber beide Brüder am Tatort gesehen haben. Eine Darstellung, die Beamte der Kriminalpolizei am Montag so nicht hundertprozentig bestätigen konnten. Das jedenfalls ging aus ihrer Vernehmung des Opfers unmittelbar nach der Tat im Krankenhaus hervor, von der sie berichteten.

Das Opfer will beide Brüder erkannt haben

Der Reitstallbesitzer hatte am vorherigen Verhandlungstag versichert, er habe beide Brüder "eindeutig und hundertprozentig" erkannt. Als er bei dem Einbruch aufgewacht sei, habe Licht im Schlafzimmer gebrannt. Er habe eine Ausholbewegung gesehen und sei bewusstlos geschlagen worden. Von wem, könne er nicht sagen. Der 18-jährige Angeklagte hatte zuvor mal auf dem Reiterhof des Tatopfers gearbeitet und einmal auch seinen Bruder mitgebracht. Die Verteidiger gehen bei dem Reitstallbesitzer von einem False-Memory-Syndrom aus, bei sich dem eine Person unabsichtlich falsch erinnert und überzeugt ist, dass die eigene Aussage richtig ist. Die Verteidigung will nachweisen, dass der ältere Bruder nicht an der Tat beteiligt war.

Die Beamten der Kriminalpolizei, die sich in der Tatnacht im Krankenhaus um die Erstvernehmung des schwer verletzten Opfers gekümmert haben, berichteten am Montag in der Verhandlung von der schwierigen Befragung. Der Mann, der ein offenes Schädelhirntrauma sowie eine Schädelfraktur erlitten hatte, "konnte anfangs nur lallen, eine Ärztin hat gemeint, dass sein Sprachzentrum beeinträchtigt sein könnte", erzählte ein Polizist. Im weiteren Verlauf sei es jedoch besser gelaufen. Zunächst habe der 51-Jährige Fragen durch Kopfnicken oder Kopfschütteln beantwortet, danach dann auch einige Wörter oder bruchstückhafte Sätze gesprochen. Der Mann habe immer wieder den Namen des 18-Jährigen genannt und dazu "Bruder", berichtete der Polizist. Als er das Opfer gefragt habe, ob es den 18-Jährigen gesehen habe, habe es geantwortet: "Nein. Dunkel." Auf die Frage, ob es der 18-jährige Angeklagte gewesen sei, habe das Opfer jedoch genickt. "Ich weiß nicht, wie er auf ihn gekommen ist, vielleicht war es eine Vermutung."

"Handy orten, dann haben wir ihn"

Eine Polizistin, die bei der Befragung im Krankenhaus ebenfalls dabei war, meinte, das Opfer habe anfänglich "weggetreten" gewirkt. "Dann hat er signalisiert, dass er uns versteht, aber er konnte sich nicht artikulieren", berichtete sie in der Verhandlung. "Das war ein wenig skurril: Ich hatte den Eindruck, dass er sich aufgrund seines körperlichen Zustands nicht äußern konnte, uns aber unbedingt was mitteilen wollte", sagte die Polizistin. Sie berichtete ebenfalls, dass die Kommunikation im Laufe der Vernehmung besser geworden sei und der Reiterhofbesitzer mehrmals den Namen des 18-Jährigen genannt habe und in Zusammenhang mit ihm auch das Wort Bruder. Aber auch sie sagte den Richtern, dass das Opfer die Frage, ob es den 18-Jährigen gesehen habe, verneint habe. Ihre Nachfrage, ob es also eine Vermutung sei, habe das Opfer mit einem Kopfnicken erwidert. Es habe auch gesagt, man solle testen, ob das Handy des 18-Jährigen sich im Wlan des Haus eingewählt habe, für das er das Kennwort hatte. Er habe gesagt: "Handy orten, dann haben wir ihn."

Die Verhandlung wird im Mai fortgesetzt.

© SZ vom 27.04.2021/av
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