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Tempis-Netzwerk im Klinikum Freising:Schnelle Hilfe aus der Luft

Mit dem Hubschrauber fliegen die Spezialisten aus dem Harlachinger Krankenhaus in die Partnerkliniken. Hier ein Bild vom Start der Pilotphase 2018.

(Foto: Catherina Hess)

Bei besonders schweren Fällen von Schlaganfällen fliegen Neuroradiologen im Helikopter aus dem Harlachinger Krankenhaus zu Partnerkliniken wie der in Freising.

Von Corinna Bail, München/Freising

Nach einem Schlaganfall zählt jede Sekunde, um den gesundheitlichen Schaden möglichst gering zu halten. Schon eine Minute nach Auftreten des Gefäßverschlusses gehen im Schnitt 1,9 Millionen Nervenzellen zugrunde. "Bei allen Schlaganfallpatienten gilt deshalb: "Time is brain", betont die Neurologin Lucie Esterl-Pfäffl. Zusammen mit neun weiteren Konsilärztinnen und -ärzten stellt sie im Tempis-Netzwerk der Münchner Klinik Harlaching telemedizinische Ferndiagnosen für Schlaganfall-Patienten.

Seit Februar 2018 testet das Netzwerk innerhalb des Forschungsprojekts "Flying Intervention Team" (FIT) zudem neue Wege: Bei besonders schweren Schlaganfällen fliegen Neuroradiologen im Helikopter von München aus in die Partnerkliniken im Umland, um an den Patienten dort die oftmals lebensrettenden Eingriffe vorzunehmen. Die Daten der gut zweijährigen Studienphase sind eindeutig: Durch den Einsatz der fliegenden Ärzte konnten etwa 90 Minuten im Vergleich zur üblichen Verlegung von Patienten aus den ländlichen Gebieten Süd-Ost-Bayerns in ein Schlaganfallzentrum eingespart werden.

Bei schweren Fällen steigt der Arzt in den Hubschrauber

Der durch die Studie hervorgebrachte Zeitvorteil von eineinhalb Stunden ist durch die im FIT-Modell parallel ablaufenden Vorgänge zu erklären: Bereits kurze Zeit, nachdem die Schlaganfallpatienten in der Klinik vor Ort aufgenommen und einer ersten Untersuchung, beispielsweise einer Computertomografie, unterzogen worden sind, stellen die Tempis-Neurologen anhand von übermittelten Daten eine Ferndiagnose auf. Sollte sich hier zeigen, dass ein Schlaganfall mit großem Gefäßverschluss vorliegt, werden die fliegenden Neuroradiologen losgeschickt. Noch während der Helikopter in der Luft ist, kann das medizinische Personal den Patienten vor Ort für die Thrombektomie vorbereiten, bei der das Blutgerinnsel über einen Katheter mechanisch entfernt wird. Dieser Eingriff kann nur von neuroradiologischen Spezialisten durchgeführt werden, die in der Regel nur in Schlaganfallzentren in städtischen Ballungsräumen anzutreffen sind.

Durchschnittlich kamen die Spezialisten innerhalb der FIT-Studienphase bereits etwa 50 Minuten nach der Entscheidung für eine Thrombektomie in der Klinik an, berichtet der Neurologe Stephan Hofer vom Klinikum Freising. Bei dem bislang verwendeten Prozedere, in dem der Patient erst in eine solche Spezialklinik verlegt werden musste, habe diese Zeitspanne bis zu 140 Minuten betragen.

Neben Freising nehmen 15 weitere Kliniken teil

Neben dem Tempis-Zentrum in Harlaching nehmen mittlerweile 15 Kliniken im Münchner Umland an der kassenfinanzierten Studie teil, unter anderem das Klinikum Freising. Dort arbeite man seit 2003 mit dem Tempis-Netzwerk zusammen, während der Pilotphase von FIT landete der Helikopter mit den neuroradiologischen Spezialisten achtmal in Freising, erzählt Hofer. Als Neurologe und Leiter der dortigen Schlaganfallstation gefiel ihm die Idee der fliegenden Spezialisten von Beginn an. "Ich hatte nur etwas Bedenken, dass jemand, der das Team in den ländlichen Krankenhäusern nicht kennt, in einer fremden Umgebung einen so komplexen Eingriff durchführt", offenbart der Neurologe. Die Bedenken erwiesen sich jedoch laut Hofer als unbegründet, denn alle FIT-Ärzte machten sich vor dem ersten Einsatz mit den Örtlichkeiten und den Geräten vertraut. "Wir kamen mit allen Neuroradiologen, die zu uns nach Freising kamen, sehr gut zurecht", resümiert Hofer.

Die Studie und die daraus gewonnenen Ergebnisse für die Schlaganfalltherapie haben laut Hofer im gesamten Freisinger Klinikum Interesse geweckt. Die Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer entschied auf Grundlage der deutlichen Zwischenergebnisse, die Studienphase vorzeitig abzubrechen, um das FIT-Modell schnellstmöglich in die Regelversorgung der Krankenhäuser zu überführen. Während bislang der Spezial-Helikopter studienbedingt nur in der Hälfte des Jahres eingesetzt werden konnte, setzt sich die München Klinik Harlaching deshalb nun dafür ein, die fliegenden Ärzte über einen größeren Zeitraum hinweg zu den Umlandkliniken zu schicken, damit auf lange Sicht gesehen alle geeigneten Schlaganfall-Patienten in Südostbayern vom FIT-Modell profitieren können.

© SZ vom 25.01.2021
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