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Proteste gegen dritte Startbahn:Ein Dorf in der Schneise

Die Zeit des Dialoges ist vorbei - zumindest für die Gegner der dritten Startbahn. Etwa 300 demonstrierten in Erding bei einer Veranstaltung von Innenminister Herrmann. Die Entschädigungszahlungen für die Flughafenanwohner könnten indes deutlich steigen.

Dominik Hutter und Kerstin Vogel

Der Protest gegen die Baugenehmigung für eine dritte Startbahn am Münchner Flughafen reißt nicht ab. Am Montagabend demonstrierten Ausbaugegner in Erding bei einer Veranstaltung mit Innenminister Joachim Herrmann gegen den Planfeststellungsbeschluss für das Projekt. Der Protest der laut Polizei etwa 300 Menschen blieb friedlich, wenn auch lautstark.

Die Sprecher des Aktionsbündnisses "Aufgemuckt", Hartmut Binner und Helga Stieglmeier, hatten zuvor erklärt, man werde nicht mit Herrmann reden. Sie blieben auch bei diesem Vorsatz, als der Innenminister zu Fuß die Lange Zeile entlangkam und bei ihnen stehenblieb. Die Botschaft war klar: Die Zeit des Dialogs ist vorbei.

Im Freisinger Stadtteil Attaching gibt es inzwischen Forderungen, notfalls den gesamten Ort abzusiedeln - was die Entschädigungszahlungen der Flughafengesellschaft FMG enorm in die Höhe treiben würde. Zudem halten die Airport-Anlieger den von der Bezirksregierung festgelegten Grundstückswert für zu gering. Im Jahr 2007, das als Maßstab gelten soll, sei das wertmindernde Projekt dritte Startbahn schon bekannt gewesen.

Im Planfeststellungsbeschluss der Regierung von Oberbayern sind aktuell 100 Attachinger Häuser aufgeführt, deren Bewohner von der FMG Lärmschutz oder aber die Ablösung ihres Besitzes verlangen können. Dies sind fast 70 mehr als zu Beginn des Genehmigungsverfahrens vorgesehen. Dazu kommen elf Anwesen im kleinen Ort Schwaigermoos, die für die Erweiterung des Flughafengeländes abgebrochen werden müssen - und deren Bewohner deshalb keine Wahl haben.

Die FMG beteuerte am Montag nochmals, dass die im Verfahren verwendeten Passagierprognosen aktuell und belastbar sind. Der Zahl von 49,8 Millionen Fluggästen im Jahr 2020 sei ein Rohölpreis von 103 Dollar je Fass zugrunde gelegt worden, den 58,2 Millionen Passagieren des Jahres 2025 Kosten von 119 Dollar. Die Ölpreise, so Airportsprecher Ingo Anspach, seien inflationsbereinigt. Ohnehin sei das Rohöl aber nur einer von mehreren Faktoren, die den Ticketpreis beeinflussen.

Lieblingsbeispiel der FMG sind die Jahre 2003 bis 2007: In diesem Zeitraum sei Öl um 120 Prozent teurer geworden - während die Passagierzahlen um 41 Prozent gestiegen sind. Nach Auskunft von Airport-Chef Michael Kerkloh kann sich die FMG die für die Startbahn erforderliche Milliarde Euro problemlos auf dem Kapitalmarkt besorgen.

Die Prognosen der FMG, die auf ein Gutachten des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts von 2010 zurückgehen, sind bei den Startbahngegnern umstritten. Schon in den öffentlichen Erörterungsveranstaltungen wurden erhebliche Zweifel angemeldet, ob angesichts der weltweiten Entwicklung auf dem Ölmarkt starkes Wachstum im Flugverkehr überhaupt noch möglich ist.

Ohnehin sieht sich das Unternehmen derzeit oft in der Defensive. Eine kurz nach dem Planfeststellungsbeschluss bekannt gewordene Studie, wonach der Airport für zehn Prozent aller bayerischen Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich sein soll, entpuppte sich als methodisch nicht belastbar. Es handelte sich um die Semesterarbeit eines Studenten, von der sich die TU München ausdrücklich distanzierte.

© SZ vom 02.08.2011/bica

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